Ganz aufgehen in der Familie heißt, ganz untergehen.
Marie von Ebner-Eschenbach
In den ersten zwei Beiträgen dieser Reihe schrieb ich darüber
- Wie sich transgenerationale Traumata bemerkbar machen und wie man sie erkennt
- Über unsere Rollen auf der „Lebensbühne“, ob Therapie ein Weg ist, diese zu ändern – und ob man das überhaupt sollte.
- Alle Links findet ihr am Ende dieses Beitrags
Im dritten Teil beschäftige ich mich mit dem Begriff der „geschützten Kindheit“
- Was verstehen wir unter einer geschützten Kindheit? Wovor sollte ein Kind geschützt werden? Wann beginnt Einengung?
- Eine Familie sollte eine Art Bühne sein, auf der wir unterschiedliche Rollen ausprobieren. Aber manchmal ist sie eher Bunker als Bühne.
- Zum Beispiel dann, wenn Eltern in der Kindheit Gewalt angetan wurde. Als „Kriegsenkelin“ weiß ich nur zu gut, wie es ist bei Eltern aufzuwachsen, die im Zweiten Weltkrieg traumatisiert wurden.
- Das Thema ist aktuell: In unserer Gesellschaft wachsen viele Kinder heran, die Krieg selbst erlebten oder deren Eltern flüchten mussten. Aber es gibt auch andere Traumata. Im Text stelle ich einige vor.
Hier eine Triggerwarnung für PTBS-Betroffene: Ich gehe vorsichtig mit Triggern um und vermeide allzu explizite Darstellungen, aber ganz lässt es sich nicht vermeiden, da ich Dinge klar ansprechen will. Hier also Stichworte, damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr weiterlesen wollt: G*w*lt, M*ssbr*uch, K*nderhe*m, Kri*g, Fl*cht, *ßst*rung.
Trigger sind mögliche Auslöser für eine Retraumatisierung

Ein bisschen skeptisch und sehr neugierig – so schaut die Kleine auf dem Bild. Mit einer Hand hält sie sich fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, aber ein Bein ist schon angewinkelt wie zum Sprung und der Blick geht am Betrachter vorbei – hinein in die weite Welt. Doch – halt! Wir wollen bei der Wahrheit bleiben: Der Blick geht zur Mutter, die hinter der Kamera Faxen macht. Wenig später ist der zauberhafte Moment verflogen und das genervte Kleinkind will nur noch eins: raus aus dem Gitterquadrat, das den beschönigenden Namen „Laufstall“ trägt.
Kinderknast oder Vorsichtsmaßnahme?
Du hast es sicher schon erraten: Der Hemdenmatz auf dem Foto, bin ich – schätzungsweise 18 Monate alt und wie meine Mutter immer sagte: „Klein, aber oho und eine ganz schön wilde Hummel.“ So wild, dass man mich nur hinter Gittern bändigen konnte? Das ist sicher zu oberflächlich betrachtet, aber wer von uns Babyboomern hat nicht als Kleinkind viele (zu viele?) Stunden in einem solchen Käfig verbracht? Wer genau hinschaut, erkennt die bunten Holzperlen und die einsame Glocke – als Alibi-Beschäftigungstherapie. Laufgitter sind zwar in Verruf geraten, aber es gibt sie immer noch und zur Geburt unserer Tochter bekam auch ich so ein Ding geschenkt. Es war später eher eine Sammelstelle für Spielzeug, kaum jemals saß ein Kind darin.
Ich möchte hier auch nicht über das Pro oder Contra diskutieren, sondern das Thema „geschützte Kindheit“ in den Blick nehmen. Da gibt es nämlich sehr unterschiedliche Interpretationen – die sich ebenso unterschiedlich auf das weitere Leben auswirken. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die sogenannten Helikopter-Eltern setzen einen extrem fürsorglichen Erziehungsstil um, der dem Nachwuchs möglichst alle Schwierigkeiten ersparen soll. Erreicht wird das durch maximale Kontrolle und Überbehütung (im Englischen spricht man auch von „overparenting“).
Schutz = Sicherheit?
Was ist das eigentlich – eine geschützte Kindheit? Lass uns doch erst einmal diesen Begriff etwas genauer anschauen. Schutz ist im Baby- und Kleinkindalter oft gleichbedeutend mit Sicherheit. Um eine Wohnung kindersicher zu machen, gibt es zahlreiche Produkte: von Steckdosenkappe bis zum Kantenschutz. Oder eben ein Laufgitter. Idealerweise wächst ein Kind im wortwörtlichen Sinne aus diesen Maßnahmen heraus, erobert sich immer größere Freiräume und entwickelt so Alltagsfertigkeiten und Kompetenzen. Ein Kind wächst quasi hinein in die Welt der Großen. Fehler und teils schmerzhafte Erfahrungen gehören dazu. Auf dem Foto ahnt man, wie extrem eng unsere Wohnküche damals war. Wenn das Laufgitter dort stand, konnte meine Mutter die Kühlschranktür nicht vollständig öffnen. Und wie schnell war ich am Küchenherd und langte Richtung Herdplatte oder zog kräftig am Tischtuch! Ich erinnere mich noch lebhaft an das entsetzte Gesicht meiner Mutter, als sie nur kurz im anderen Zimmer gewesen war und mich in der Küche auf dem Fensterbrett erwischte. Während ihrer Abwesenheit hatte ich in Windeseile einen Stuhl als Kletterhilfe benutzt. Wir lebten im vierten Stock in einer Dachwohnung! Ein Laufgitter war also ein echter Schutz. Warum habe ich mich nur immer so unbehaglich gefühlt, wenn ich von Familien las, die in einem der schwer angesagten Tiny Houses lebten? Vielleicht, weil ich nur zu gut weiß, was es bedeutet, in beengten Wohnverhältnissen aufzuwachsen?
Im folgenden Abschnitt mache ich einen kurzen historischen Exkurs. Wenn du den überspringen willst, scrolle bis zum Abschnitt „Schutzraum oder Schonraum“
Ausflug in die Geschichte der Kindheit
Historisch gesehen, ist die Kindheit als eigene Entwicklungsphase eine relativ neue Sache. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gilt Jean-Jaques Rosseau als der „Erfinder der Kindheit“. Vorher wurden Kinder wie kleine Erwachsene behandelt (auch vor dem Gesetz). Rosseau trennte die Kinder- von der Erwachsenenwelt, gestand Kindern besondere Bedürfnisse zu und forderte Entwicklungsfreiräume. Durch diese Trennung der Welten änderte sich auch der Blick auf Kinder: Kinder sind klein und dumm, Erwachsene sind groß und klug. Kinder gehorchen, Erwachsene befehlen. Das ist die Kehrseite der nur scheinbar heilen Kinderwelt. Weiter unten liest du, welche politischen Folgen das hatte. Aber die ärmeren Schichten (besonders auf dem Land) konnten es sich sowieso kaum leisten, auf die Arbeitskraft der Kleinen zu verzichten. So blieben Kinderstuben, Kindermädchen und Privatlehrer auch weiterhin eher ein Phänomen des Adels und der gehobenen bürgerlichen Schichten. Bildungs- und Freizeitangebote für Kinder zu schaffen, war also schon immer eine Frage der finanziellen Möglichkeiten. Besonders drastisch wurde das in Zeiten der Industrialisierung. Damals gab es eine große Landflucht, in den Städten entstanden regelrechte Slums. Großfamilien drängten sich in einem einzigen Raum. Teilweise wurden die Betten sogar an sog. Schlafgänger untervermietet. Man arbeitete also nicht nur im Schichtbetrieb – auch die Betten wurden nicht kalt. Die Forderung nach einem abgetrennten Kinderzimmer erschien unter solchen Bedingungen wie die Botschaft von einem anderen Stern. Außerdem mussten auch schon die ganz Kleinen mitarbeiten: entweder in den Fabriken, aber auch in Bergwerken, wo sie aufgrund der geringen Körpergröße an Stellen herankamen, die für Erwachsene unerreichbar waren. Die Märchenfigur der Zwerglein, die unter Tage nach Kostbarkeiten schürfen, hat dort übrigens ihren realen Hintergrund.
Von der Kinderaufbewahrung bis zur Wehrtauglichkeit
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung von Kinderbetreuung: 1802 ging in Deutschland der erste Kindergarten an den Start – damals noch unter dem Namen: „Kleinkinderbewahranstalt“. Erst 1840 entstand der schöne Name „Kindergarten“, der so etwas wie Wachstum und Blühen suggeriert. Die Aufgabe dieser Einrichtungen war jedoch lediglich, die Kinder möglichst sicher „aufzubewahren“, während die Mutter auf dem Feld oder in der Fabrik schuftete. Im Nationalsozialismus wurde die Absurdität dieser Herangehensweise überdeutlich: Einerseits wurde das Ideal der kinderreichen Mutter am heimischen Herd propagiert – in der Realität fehlten der Kriegswirtschaft Arbeitskräfte und die Frauen mussten die Plätze der Männer einnehmen. Eher widerwillig wurde von der Politik deshalb eine eigene Kindergartenideologie geschaffen, welche faschistische Ideale transportierte.
Händchen falten, Köpfchen senken, immer an den Führer denken.
Motto der NSV-Kindergärten
Überhaupt ging es bei all diesen Maßnahmen weniger um das Kindeswohl als um die Erziehung von Menschen, die sich in das jeweilige System möglichst passgenau einfügten: produktiv, gesund und widerspruchslos. Deutlich wird das auch bei der Entwicklung der Volksschule. In Preußen bestand ab 1717 zwar eine Schulpflicht (mit vielen Ausnahmen); flächendeckend wurde die Volksschule in deutschsprachigen Ländern jedoch erst im 19. Jahrhundert eingeführt. Das Grundschulgesetz in Deutschland datiert von 1920. Hauptgrund war, dass in den Rekrutierungsstellen auffiel, wie zurückgeblieben und krank die jungen Männer waren, die seit ihrer frühen Kindheit körperlich arbeiten mussten. Viel zu oft waren die Rekruten nicht tauglich für den Militärdienst. So umfasste der Bildungsauftrag der Volksschulen neben Grundkenntnissen in Lesen, Schreiben, Rechnen vor allem Religion und Nationalerziehung.
12 Stunden Lesen und Schreiben, 6 Stunden Religion, 5 Stunden Rechnen, 3 Stunden Gesang und Kirchenlieder
typische Stundentafel der Volksschule im 19. Jahrhundert
Bei diesem enggefassten Rahmen blieb es nicht. Es würde hier zu weit führen, alle reformpädagogischen Entwicklungen aufzuzählen. Bis zum 20. Jahrhundert gab es viele interessante und pädagogisch wertvolle Ansätze. Aber während der Zeit des Faschismus, wurden auch die Schulen in Deutschland gleichgeschaltet. Generell war das Ziel, dass ein möglichst großer Teil der Erziehung, besser gesagt der Indoktrination, vom Staat übernommen werden sollte. Hinzu kamen die offensichtlichen Mängel: Die Generation meiner Eltern erlebte den größten Teil ihrer Schulzeit während des Krieges. Wochenlang saßen die Kinder im Bunker, die Familien wurden ausgebombt, evakuiert, mussten flüchten. Bis zu vier Jahrgänge saßen in einem Klassenraum, der nicht geheizt werden konnte. Hunger, Kälte und Kinderarbeit kamen hinzu. Und dann habe ich die Zigtausenden Kinder noch nicht erwähnt, die rassistisch oder wegen einer Behinderung verfolgt und ausgegrenzt wurden und denen nicht nur das Recht auf Bildung abgesprochen wurde, sondern gar das Lebensrecht. Eine geschützte Kindheit erschien damals unerreichbarer denn je. Und wer überlebte, litt an lebenslangen Traumata – aber dafür gab es keine Worte. Es galt zu funktionieren, um zu überleben.
Schutzraum oder Schonraum?
Als ich die Überschrift zu diesem Beitrag formulierte, schrieb ich zuerst „Schutzraum“ anstelle von „geschützter Raum“. Vor dem Hintergrund einer Kriegskindheit hat der Schutzraum eine besondere Bedeutung: Mit diesem Wort bezeichnete man die lebensrettenden Bunker. Die Bilder aus den U-Bahnstationen in Charkiw/Ukraine stehen uns noch lebendig vor Augen, wo Menschen wochenlang im Untergrund ausharrten. Meist wagten sich nur die Erwachsenen nach oben, während die Kinder unten bleiben mussten – zu ihrem Schutz. In Bosnien lernte ich junge Erwachsene kennen, die in ihrer Kindheit bis zu drei Jahren mehr oder weniger ununterbrochen in Kellern verbracht hatten, während Sarajewo belagert wurde.
Meine Mutter saß während des Unterrichts oft im Schulbunker. Der große öffentliche Bunker in der Nähe des Wohnhauses galt als gefährlich: Direkt daneben befand sich eine Lackfabrik. „Man fühlte sich dort, als ob man auf einer Bombe mit Zeitzünder sitzt“, erklärte meine Mutter. Deshalb verbrachte sie die Nächte meist im Keller ihres Wohnhauses. Bis es zerbombt und meine Mutter verschüttet wurde. Sie überlebte nur durch Zufall.
Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ich „Schutzraum“ schrieb. In meiner Therapieausbildung lernte ich jedoch, was ein „geschützter Raum“ ist: Es ist der Raum, der durch Vertrauen zwischen KlientIn und TherapeutIn (oder in einer therapeutischen Gruppe) entsteht. Gefühle wie Liebe, Angst, Wut, Hass, sexuelles Begehren u.v.m. dürfen hier geäußert werden, ohne dass negative Konsequenzen zu befürchten sind. Meinen KlientInnen gegenüber habe ich diesen Raum manchmal auch als Bühne beschrieben, auf der sie verschiedene Rollen ausprobieren können – und professionelles Feedback erhalten. Ein Raum, in dem man wachsen und sich entwickeln kann. Ein Raum, in dem man Fehler und Irrtümer begehen, wo man soziale Interaktion und Beziehungsfähigkeit einüben kann. Wo man hinfällt, seine Wunden leckt und wieder aufsteht – ein Übungsraum fürs Leben. So, wie es eine Familie sein sollte. Ich glaube, du erkennst nun selbst den Unterschied zwischen einem Bunker und Bühne.
Der Himmel stürzt ein! Oder: es kann jeden Moment etwas Schlimmes passieren.
Natürlich hatte ich früher mal Zoff mit meinen Eltern. Meist mit meiner Mutter. Soweit, so normal. Oft war es diese Art von typisch pubertären Grabenkämpfen, die sich nicht klären lassen. Manchmal stellte ich mitten im Streit fest, dass ich gar nicht mehr wusste, worum es überhaupt ging. Oft hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn in einer Familie sollte es doch superharmonisch zugehen, oder etwa nicht? Den Harmonie-Auftrag habe ich jedenfalls gründlich versemmelt, so viel ist klar. Und manchmal wollte ich einfach nur noch raus. Oft wollte meine Mutter mich jedoch nicht gehen lassen. Zumindest nicht, bevor wir uns „versöhnt“ hatten und ich mich liebevoll verabschiedet hatte. WtF?! Ich war im Wildkatzenmodus und hatte alle Krallen ausgefahren – und meiner Mutter ging es nicht anders. Ihr Wunsch nach Sofort-Versöhnung war so unrealistisch wie nur irgendwas. Aber ihre Begründung war stets dieselbe: „Was ist, wenn du unterwegs einen Unfall hast? Wer weiß, ob wir uns überhaupt lebend wiedersehen.“ Als Jugendliche fand ich das absurd. Aber es entsprach 1:1 der Lebenserfahrung meiner Mutter, die auf dem Schulweg bei Bombenalarm oft entscheiden musste, in welchen Bunker sie es noch schaffte, bevor sich dort die Türen schlossen. Es entsprach der Erfahrung eines Bunkerkindes, über dem das Kellergewölbe zusammenstürzte und das erst nach vielen Stunden unter den Trümmern gefunden wurde. „Es“ konnte also jeden Augenblick passieren. Und „es“ war in den Augen meiner Mutter immer etwas absolut Lebensgefährliches. Es grenzt an ein Wunder, dass ich trotzdem auf Bäume kletterte und andere Dinge unternahm, von denen ich daheim besser nichts erzählte. Aber (siehe oben) – ich war eine wilde Hummel. Außerdem gab es in meinem Leben immer wieder Menschen, die mich stärkten und ermutigten (zum Thema Mentoring und Resilienz findest du übrigens hier einen Artikel). Aber das, was man Streitkultur, Kompromisse und Konsens nennt, habe ich daheim sicher nicht gelernt. Bei uns war jeder Streit eine Art Überlebenskampf – verbunden mit einem paradoxen Begehren nach allumfassender familiärer Harmonie.
Bunker statt Bühne?
Wenn der einzige Schutz, den du als Kind hattest, ein Bunker war, dann wirst du dieses „Schutzraumprinzip“ auf dein ganzes Leben übertragen. Bei meiner Mutter kam erschwerend hinzu, dass selbst die Kernfamilie keinen geschützten Raum bot: Als uneheliches Kind war sie vielen Anfeindungen ausgesetzt und erlebte häufig Gewalt; auch sexuelle Übergriffe. Bunkermentalität und die tiefe, aber illusionäre Sehnsucht nach Frieden in der Familie haben dort ihre Wurzeln. Etwas anderes hat meine Mutter einfach nicht gelernt. Als sie meinen Vater heiratete und mit mir schwanger wurde, fanden die beiden erst kurz vor der Niederkunft eine gemeinsame Wohnung (die klitzekleine Dachwohnung oben auf dem Foto). Meine Mutter lebte noch daheim und das bedeutete, dass ich die ersten Prügel meines Lebens erhielt, als ich noch nicht geboren war: Schläge und Tritte durch meine eigene Großmutter. Meine Mutter hatte nur eingeschränkten Zugang zu Bildung, über Traumata sprach man nicht und Psychotherapie war etwas für „Gestörte“. Wo hätte sie Hilfe finden können? Sie tat das, was ich auch bei traumatisierten Frauen in Kosovo erlebte: Sie zog sich zurück auf körperliche Symptome. Mit zahlreichen Erkrankungen schuf sie sich einen Schonraum für sich selbst. Später übertrug sie diese gut funktionierende Methode auch auf mich. Ich war 15 Jahre alt, als ich mich im buchstäblichen Sinne freigelaufen habe: Beim 800-Meter-Lauf im Sportunterricht. Jahrelang war ich zumindest phasenweise vom Sportunterricht freigestellt, da ich angeblich einen Herzfehler hatte. Und wenn ich mich mal an Barren oder Völkerball heranwagte, war ich so ungelenk, dass auch immer was passierte – Unfälle waren vorprogrammiert. Was wiederum meine Mutter motivierte, mich noch stärker abzuschirmen. Ein Teufelskreis. Dabei war der ausgefallene Sportunterricht noch das kleinste Problem.
Da hört der Spaß aber auf!
Die Bunkermentalität besagt nämlich, dass generell alles, was sich „draußen“ befindet, gefährlich ist. „Draußen“ war eigentlich alles außerhalb der Familie: Die Welt wurde zu einem feindseligen Ort. Deshalb musste man mich vor allem, was da draußen passierte, schützen – vereinfacht gesagt, vor dem Leben. Natürlich besuchte ich den Kindergarten, ging zur Schule und pflegte Freundschaften. Als Kind fiel mir gar nicht so sehr auf, wie stark die Kontrolle war (und wie gesagt, die wilde Hummel fand auch immer wieder Schlupflöcher). Hinzu kam, dass viele Eltern damals genauso tickten – ebenfalls tief traumatisierte Kriegskinder oder solche, welche die schwarze Nazipädagogik mit der Muttermilch aufgesogen hatten. Ich dachte auch lange, dass ich eine absolut glückliche Kindheit hatte. Denn die schlimmen Dinge, die mir zustießen, geschahen ja alle „draußen“, in der bösen Welt. Um dieses Zerrbild vom Leben aufrechtzuerhalten, musste man sich gewaltig anstrengen. Die Mütter mancher Freundinnen nahmen Valium. „Mother’s little helper“ wurden zum Massenphänomen der 60er Jahre – ein trügerischer Schutzwall, hinter den sich viele Frauen zurückzogen – die Sucht wurde für viele auch zu einer Art Bunker. Meine Mutter schuf ihren Schutzraum durch Krankheiten und durch Ausgrenzung. Dabei ging es weniger um meine Freundinnen: andere Kinder waren bei uns daheim immer gern gesehen. Wirklich? Solange wir lernten oder aßen, war alles in Ordnung. Aber sobald wir einfach nur spielten, schlich sich manchmal ein Gefühl der Beklemmung ein. Damals verstand ich nicht, dass es mit der allumfassenden Kontrolle zusammenhing, gegen die wir uns instinktiv wehrten. Ausgrenzung gab es aber auch in sozialer Hinsicht: Kontakte „nach oben“ waren gern gesehen, „nach unten“ wurden sie unterbunden. Auf dem Gymnasium machte ich die typischen Erfahrungen eines Arbeiterkindes, das nicht weiß, wie man sich „benimmt“, das die gesellschaftlichen Codes nicht kennt und immer wieder aneckt. Lange Jahre war ich fest davon überzeugt, dass Menschen ab einer bestimmten Einkommensklasse untereinander eine Geheimsprache sprechen. So durfte ich nie erzählen, dass mein Vater „nur“ Paketzusteller war (wie bewunderte ich ihn für diesen Job!). Der Code war „Postbeamter“. Als der Beruf meines Vaters aufflog, begann massives Mobbing – in einer ehemaligen Knabenschule, die sich als elitär begriff, hatte ein Arbeiterkind (und dann noch ein Mädchen!) nichts zu suchen. Das wurde meiner Mutter unmissverständlich klargemacht. So war wieder einmal bewiesen, wie feindlich die Welt da draußen war – ein weiterer Baustein im Familienbunker, in den ich reumütig zurückkehrte. Das, was man heute mit „Networking“ bezeichnet, wurde mir sogar verboten: „Man schafft alles im Leben aus eigener Kraft“, wurde ich belehrt. „Wir nutzen kein Vitamin B(eziehung).“ Ich war damit komplett überfordert und stand kurz davor, die Schule abzubrechen oder gedemütigt auf die Hauptschule zurückgestuft zu werden. Glücklicherweise konnte ich auf eine Schule mit moderneren prälogischen Prinzipien wechseln und fand dort meine ersten MentorInnen – LehrerInnen, die sich wirklich für mich einsetzten, so dass ich wieder Mut fasste. Als ich es auf die Uni schaffte, hätte ich gern ein Auslandssemester gemacht. Es war unmöglich. Die Ängste überwältigten zuerst meine Eltern und dann mich. Wohin sollte es denn gehen? Was war so gefährlich? Der exotische Ort, an dem ich nie studieren würde, hieß … Wien. Ich hätte es besser wissen sollen. Warum hatte ich eigentlich meine Eltern in dieser Sache um Rat gebeten? Denn schon seit meiner Pubertät war endgültig Schluss mit lustig.
Denn der Feind sitzt auch innen
Als ob es mit den Kriegstraumata nicht genug gewesen wäre, kamen bei meiner Mutter Gewalt und Missbrauch in der Familie noch hinzu. Man musste mich also unbedingt auch vor Männern schützen. Und welcher Mann stand mir am nächsten? Natürlich mein Vater. Um es von vorneherein klar auszusprechen: Nie war mein Vater auch nur im Entferntesten übergriffig. Eher das Gegenteil – er hat sich oft schweigend zurückgezogen, was manchmal schmerzlich war. Aber er war immer für seine Kinder da, hat unterstützt und unermüdlich geholfen, wenn wir vor ganz praktischen Problemen standen. Ich verdanke ihm unendlich viel; vor allem das Gefühl, bedingungslos geliebt zu werden. Aber zurück zum „Männerproblem“. Als ich vier Jahre alt war, musste meine Mutter ins Krankenhaus. Mein Bruder war damals noch sehr klein. Er blieb bei meinem Vater. Ich kam jedoch für lange sechs Wochen in ein Kinderheim, Hunderte Kilometer von zuhause entfernt und in der festen Überzeugung, dass dies eine Strafe sei für etwas Schlimmes, das ich angestellt hätte. Die Betreuerinnen sagten uns damals, dass wir nie wieder nach Hause zurückdürften, wenn wir nicht brav wären. Ich war nach meiner Rückkehr extrem verstört und hatte große Probleme beim Hören: alles klang wie unter Wasser. Heute denke ich, es war ein psychosomatischer Schutz, aber es blieb unklar, ob nicht auch Ohrfeigen der Auslöser waren. Warum diese Qual? Meine Mutter war genauso alt wie ich damals, als sie das erste Mal vergewaltigt wurde. Ihre Angst, dass mir während ihrer Abwesenheit dasselbe zustoßen könnte, war so groß, dass sie mich lieber wegschickte, als meinem Vater anzuvertrauen. „Was erwartest du“, sagte mir eine Therapeutin mal schulterzuckend. „Das ist die Generation „Kinderlandverschickung“. Die wurden mit einem Namensschild um den Hals bis nach Schlesien gekarrt.“ Womit sie sicher Recht hatte. Inzwischen gibt es Selbsthilfegruppen ehemaliger Verschickungskinder, die in diesen Heimen malträtiert und oft fürs Leben traumatisiert wurden. Sobald ich in die Pubertät kam, war dann aber definitiv Schluss mit lustig. Die Kontrolle meiner sozialen Kontakte wurde allumfassend. Damals hing das Telefon noch an einer Schnur und die reichte nicht bis ins Kinderzimmer (neuerdings „Jugendzimmer“ genannt). Überhaupt waren geschlossene Türen ein No Go – besonders dann, wenn sich ein Junge mal zu uns nach Hause wagte. Die Kontrolle umfasste auch die Nahrungsaufnahme. Menstruationsbeschwerden und Kopfschmerzen wurden mit einer „Diät“ behandelt, die mich an den Rand der Magersucht brachte. Zweck war wohl vor allem, dass meine weiblichen Rundungen verschwanden, die mich in den Augen meiner Mutter in furchtbare Gefahr brachten. Aber auch hier haben mich mein angeborener Sturkopf und ein gesunder Appetit gerettet. Kurz nach meinem 60. (!!) Geburtstag rutschte meiner Mutter im Gespräch heraus, was damals wohl der Antrieb für ihr Handeln war: „Ich habe immer großen Wert drauf gelegt, dich von den Männern fernzuhalten.“ Das Problem löste sich vordergründig dadurch, dass ich auszog. Aber das wurde als offene Kriegserklärung betrachtet, da ich den „Bunker“ verließ und mich zu denen „da draußen“ gesellte. Es sollte viele Jahre dauern, bis ich solche Zusammenhänge erkannte. Und noch länger, bis so etwas wie eine Heilung begann.
Meinem Kind darf nichts zustoßen! Wirklich?
Seit ich selbst Mutter wurde, verstehe ich einiges am Verhalten meiner Mutter besser. Nun weiß ich, dass es mir echte körperliche Schmerzen bereitet, wenn ich zusehe, wie (m)ein Kind hinfällt. Der Impuls zu schützen, kann überwältigend sein. Aber trotzdem habe ich mich zurückgehalten. Natürlich sorgte ich dafür, dass unser Haushalt babysicher war, aber später gab es Beulen und Schrammen – auch im übertragenen Sinne, als die Kinder größer wurden und außerhalb der Familie Erfahrungen sammelten. Dabei stellte ich fest, dass es keine Tabelle gibt, die mir wirklich sagt, ab wann ein Kind oder Jugendlicher reif genug ist, für den nächsten Entwicklungsschritt. Jeder Mensch entwickelt sich im eigenen Rhythmus und für uns als Eltern war es oft eine echte Herausforderung herauszufinden, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, um schützende Grenzen und Beschränkungen aufzuheben. Aber im Gegensatz zu meinem Zuhause hatten Kinder bei uns ein Mitspracherecht, wir trafen Vereinbarungen „überarbeiteten“ sie und hielten uns an Regeln – naja, mehr oder weniger, denn auch das Austesten von Grenzen gehört zum Größerwerden zwingend dazu. Unseren Kindern ist so einiges zugestoßen. Einmal stand mein Sohn mit gebrochenem Knöchel kleinlaut nachts an meinem Bett und bat darum, in die Notaufnahme gebracht zu werden. Fragt nicht, warum der Knöchel gebrochen war und wie er es überhaupt zurück nach Hause geschafft hatte. Meine Tochter ist in ihrem Au-Pair-Jahr in London sicher nicht zur selben Uhrzeit wie die ihr anvertrauten Kinder ins Bett gegangen. Bei uns daheim wurde „vorgeglüht“ und wenn wir Eltern ins Bett gingen, fing für die jungen Leute die Nacht erst richtig an. Zu den peinlichsten Momenten meiner Elternschaft gehörte sicher, wenn nachts um Zwei auf der Tanzfläche eines Clubs das Handydisplay meiner Kinder aufleuchtete, weil meine besorgte Nachfrage eintrudelte, ob auch ganz sicher alles in Ordnung sei oder ob man sie irgendwo abholen solle. Es waren wilde Zeiten und so ganz sind sie sicher noch nicht vorbei, aber bis jetzt haben alle überlebt – und was das Wichtigste ist: auch die Beziehungen innerhalb unserer Familie und die Liebe haben überlebt. Mit den Jahren habe ich größeres Verständnis für meine Mutter entwickelt – einfach deswegen, weil ich ihre kindlichen Prägungen besser verstanden habe. Vieles davon hat sie auf mich übertragen, aber durch meine therapeutische Ausbildung die Supervisionen und nicht zuletzt durch eigene Therapien, konnte ich immer besser mit solchen Situationen umgehen. Aber sicher gab es auch in den Auseinandersetzungen mit meinen Kindern Situationen, in denen ich im „Überlebensmodus“ lief. Situationen, die mir im Nachhinein leid taten. Aber niemals wieder werde ich mich einmauern lassen in einem Bunker.

Auch Aylin, die Hauptfigur in meinem Roman „Töchter des Todes“ leidet unter der Bunkermentalität ihrer Eltern. Sie kamen als Kriegsflüchtlinge in den 90er Jahren nach Deutschland. Im Buch geht es um Ausbruch aus festgefahrenen Denkmustern, Radikalisierung und Aussöhnung mit der eigenen Geschichte.
Hintergrund: wie ein roter Faden zieht sich das Thema „transgenerationales Trauma“ durch mein Schreiben. Einige meiner Romane beschäftigen sich damit. Aktuell arbeite ich meine Familiengeschichte aus weiblicher Sicht auf. Leseproben, Hintergrund zur Recherche, Pressestimmen und Antworten auf Fragen meiner Leser*innen gibt es auf Instagram und auf meiner Homepage. Die Arbeit an meinem Roman „unerhört – eine deutsche Familiengeschichte“ wird durch ein Arbeitsstipendium im Rahmen der Initiative „Neustart Kultur“ gefördert. Diese Blogreihe, sowie weitere Texte sind Bestandteil dieses Projektes. Danke!
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