Rock ‘n Roll im Wald und auf roten Irrwegen durch den Post-Kommunismus
Wir brechen in aller Frühe auf, denn an der litauisch-russischen Grenze kann es auch mal länger dauern … Als Reisende im Schengen-Raum wissen wir fast nicht mehr, was das eigentlich ist: eine Grenze. Natürlich haben wir uns und die Fahrräder schon vor diversen Landesschildern fotografiert – als Beweis dafür, dass wieder mal eine Etappe geschafft war. Kontrollen? Keine. Falls überhaupt ein offizieller Vertreter der Staatsmacht anwesend war, wurden wir freundlich durchgewunken.

Gut durchgepustet – an der Grenze zu Litauen 
gegen die Sonne blinzeln … zwischen Est- und Lettland 
in Helsinki
Hier gelten jedoch andere Spielregeln – wobei der Ausdruck „Spiel“ schamlose Schönfärberei ist. Schon mehrere Kilometer vor der Grenze ist der Wald Sperrgebiet – freundlich getarnt als Naturschutzgebiet, dessen Betreten strengstens verboten ist. Immer wieder hatten wir das Märchen von Wanderern gehört, die versehentlich über die grüne Grenze in russisches Gebiet geraten waren und dafür teuer bezahlen mussten. So wie es hier aussieht, muss man jedoch entweder blind sein, oder unter Realitätsverlust leiden, um sich bei der Pilzsuche auf russisches Gebiet zu verirren. Nach dem Schilderwald folgen Absperrungen, die an Todesstreifen und kalten Krieg erinnern und eine Zollstation mit einem freundlichen litauischen Beamten, der uns mitteilt, dass ab hier das Fotografieren strengstens verboten sei. Mein angeborener Widerspruchsgeist ist sofort geweckt und ich überlege fieberhaft, wie man es anstellen kann, dass es so aussieht, als ob ich telefoniere, dabei aber gleichzeitig die Handykamera betätige … „Wag es ja nicht“, warnt Joachim, der offenbar über einen natürlichen Selbstschutz verfügt und mit Autoritäten pragmatischer umgeht als ich. Er deutet auf die zahlreichen Kameraaugen, die uns unerbittlich ins Visier nehmen. „Außerdem gibt es hier nichts Interessantes.“ Wie man es nimmt. Menschenleere Betonwüste mit Stahlinstallationen – das könnte anderswo auch als Kunst durchgehen …. Jedenfalls sind wir so früh am Morgen vollkommen allein unterwegs, bis wir nach einer ziemlichen Strecke Niemandsland auf das russische Zollgebäude treffen. Unsere Reisepässe samt Visa werden gründlich kontrolliert. Ich suche den Blick einer alterslosen Beamtin, die jedoch haarscharf an mir vorbeischaut, die Mundwinkel mürrisch herabgezogen und die Miene eisig erstarrt. Ein Gummiknüppel hängt unheilverkündend an ihrer Seite. Ein PKW rollt auf der Gegenfahrbahn heran. Spiegel kommen zum Einsatz, um den Wagen von unten zu kontrollieren. Das längst vergessene miese Gefühl, das wir vor langer Zeit an der Grenze zur DDR hatten, kommt unvermittelt wieder hoch. Unsere Namen tauchen offenbar in keinem Fahndungsregister auf, so dass wir die Pässe wieder zurückbekommen und zusätzlich noch zwei winzige Quadrate aus ehemals weißer, jetzt leicht speckiger Pappe. Ja nicht verlieren, wird uns signalisiert und wir fahren erleichtert weiter. Wars das schon? Rings um uns immer noch Betonrampen, Pfeile und Schilder, die eine gespenstische Leere dekorieren. Am Straßenrand Stacheldraht und Stahlzäune. Was ist das da hinten? Die kleine Bude wirkt fast schon zivil – Daneben ein heruntergelassener Schlagbaum. Ein junger Kerl in Uniform tritt heraus und wedelt fordernd mit der Hand – irgendetwas will er von uns. Ist das etwa eine weitere Passkontrolle? Nein, er deutet mit den Fingern ein Quadrat an – die Pappschnipsel! Eine hektische Suche beginnt, bis wir die Dinger endlich wiederfinden. Freundlich grinsend öffnet der Uniformierte die Schranke und winkt uns durch. Wenige Meter dahinter springt uns ein grauer Schäferhund mit gefletschten Zähnen an. Ich versuche es mit freundlicher Ansprache, aber das Vieh kommt immer näher und schnappt. Mit aller Kraft brülle ich ihm alle Schimpfwörter zu, die mir spontan einfallen – und hurra! – die Töle kuscht. Mit zittrigen Knien radeln wir weiter hinein in den Nationalpark. Was wir erst zwei Tage später erfahren: Man muss Eintritt zahlen. Autofahrer zahlen brav an der Schranke. Radfahrer zahlen angstschlotternd, wenn sie der Hund gestellt hat. Frei nach dem Motto „ein bisschen Spaß muss sein“ (fragt sich nur für wen …). Wir haben nicht gezahlt. Ich konnte es schon immer gut mit Hunden.


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Nachdem wir die Grenze endlich hinter uns haben, führt unser Weg weiter über die schmale Landzunge der Nehrung. Landschaftlich gibt es keine großen Unterschiede zu Litauen – abgesehen vom Asphalt, der hier etwas rauer ist und abgesehen davon, dass es keinen lauschigen Radweg mehr gibt und wir auf die Landstraße verbannt wurden. Das Wetter ist wie üblich: ein Regenguss nach dem anderen erwischt uns, aber wir nutzen den Schutz der Bushaltestellen – entweder um uns unterzustellen, oder um in aller Ruhe die Regenkleidung anzulegen. Eine junge Russin, die in entgegengesetzter Richtung unterwegs ist, nutzt die Gelegenheit für ein Selfie – auch wenn es in Strömen regnet. Sie fährt nach St. Petersburg, also in umgekehrter Richtung und ist das erste wirklich freundliche Gesicht, das wir nach der Grenze sehen. Lachend nehmen wir uns gegenseitig in die Arme, ganz egal, ob das Bild verwackelt ist – es tut einfach gut, Menschen zu treffen, die (physisch und psychisch) genauso unterwegs sind wie wir.

Der Himmel gönnt uns eine kurze Regenpause, als wir einen sehr speziellen Ort erreichen: Den Wald der tanzenden Bäume. Wir spazieren zwischen Kiefern, die wie Korkenzieher oder Saxofone geformt sind; eigenwillig verdrehte Stämme schlagen Räder oder scheinen sich im Rhythmus einer unhörbaren Melodie zu wiegen. Warum die Bäume ihre bizarren Formen angenommen haben? Da gibt es verschiedene Theorien. Fest steht nur, dass sie in den 40er Jahren von Menschenhand gepflanzt wurden und sich danach merkwürdig entwickelten. Ob die jungen Bäume in ihre Form gezwungen wurden? Ob es an Erdstrahlung, unterirdischen Quellen, bösen Geistern oder gar an unterirdischen Atomwaffenlagern liegt? Niemand weiß es – oder es wird ein gut gehütetes Geheimnis bleiben. Mittlerweile ist der Wald zur Touristenattraktion geworden, und diesmal freuen wir uns über das schlechte Wetter, denn es ermöglicht uns ungestört mit den Baumindividualisten Zwiesprache zu halten.
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Bei Zelenogradsk (Cranz) machen wir Pause und lassen es uns in einem Straßencafé so richtig gut gehen. Der Ferienort mit netter Fußgängerzone erlebt offenbar einen gewissen Aufschwung: am Stadtrand entstehen riesige Wohnsilos. Wir erfahren, dass der Ort traditionell ein Ziel für Wochenendtourismus aus Kaliningrad ist, dass aber zusätzlich immer mehr Häuser und Wohnungen für reiche Besucher aus dem russischen Kernland entstehen.

Kaffepause 
Fundstück Städtepartnerschaft

Blödeln mit Lenin …. 
… aber der versteht keinen Spaß
Eine ältere Frau spricht uns an. Sie freue sich mal wieder Deutsch sprechen zu können und will uns unbedingt den Weg erklären. Ihre Tipps sind hochwillkommen, denn mit Verlassen der Nehrung endet auch die schnurgerade Straße. Sich dort zu verirren, wäre unmöglich gewesen. Aber jetzt haben wir ein kleines Problem: für die russische Exklave steht uns keine GPS-Fahrradkarte zur Verfügung. Wir orientieren uns an den Tour-Empfehlungen und GPS-Daten eines russischen Fahradbloggers. Konkret heißt das: wir folgen einer roten Linie, die sich durch eine weiße Landkarte zieht. Abweichungen werden zwar angezeigt, aber ansonsten fehlt uns jegliche Orientierung. Selbstverständlich gibt es große Straßen und Ortsschilder (mit ein bisschen Übung kann man die kyrillischen Namen sogar buchstabieren) – aber wir wollen lieber kleine Nebenstrecken radeln. So sind wir dankbar für den Rat der Frau aus Zelenogradsk und halten uns strikt an ihre Anweisung – im wieder einsetzenden Regen nehmen wir allerdings die falsche Abzweigung (unser Fehler!), überqueren eine Brücke, geraten immer weiter weg von unserer roten Linie und müssen schließlich zurück – wir haben sozusagen den roten Faden verloren. Macht nichts. Alles auf Null und Neustart – und beim zweiten Versuch erwischen wir endlich die richtige Abzweigung. Euphorisch radle ich über die Hauptstraße und denke nicht an die eiserne Regel, dass Fußgänger Vortritt haben. Immer. Auch dann, wenn sie unvermittelt zwischen geparkten Autos, ohne nach rechts und links zu schauen, auf die Fahrbahn treten und man dafür auf regennasser Straße eine Vollbremsung hinlegen muss. Staunend betrachten die russischen Fußgänger wie lang der Bremsweg eines mit über 20 Kilo beladenen Fahrrades ist. Wir ersparen uns gegenseitig die Übersetzung der jeweiligen Flüche ins Deutsche bzw. Russische und ziehen unverletzt aber tief beeindruckt unserer Wege.
Nebenstrecke fahren. Das hört sich so harmlos an. Aber wieder einmal sagen Bilder mehr als Worte:
Nach Kämpfen, Schwitzen, Schieben erreichen wir endlich eine Bahnlinie. „Nie und nimmer ist DAS der Radweg“, befinden wir. Auf der anderen Seite der Gleise lockt ein breiter, komfortabler Weg. Ungeteert zwar, aber gut zu fahren. Kurz entschlossen wechseln wir die Seiten – um wenig später reumütig und total verdreckt wieder zurückzukehren.

alles voller Sand! 
ob das Pfützenwasser zum Putzen taugt? 
einen Versuch ist es wert 
oberflächliche Reinigung …
Der von uns verachtete Trampelpfad ist nämlich nicht nur der Radweg, sondern auch eine rege genutzte Abkürzung zwischen zwei Dörfern. Wir begegnen einem alten Mann, der die Tagesernte aus dem Garten am Fahrradlenker balanciert, Schulkindern und einem Liebespaar. Als irgendwann ein Zug mit beeindruckendem Lärm zum Greifen nah an uns vorbeirast, winkt uns der Lokführer freundlich zu.

Inzwischen ist es Nachmittag und wir beschließen, auf der Landstraße weiterzufahren. Zwischenstopp an einer Tankstelle, wo wir an einem Wasserhahn mit Handpumpe noch einmal versuchen, den gröbsten Dreck von unseren Rädern abzuwaschen. Der Sand frisst sich überall fest. Einige Tage später werde ich das ganz direkt zu spüren bekommen.
Das letzte Stück radeln wir auf einer Landstraße mitten im Schwerlast- und Feierabendverkehr, der nach Überschreiten der Stadtgrenze von Kaliningrad noch einmal heftig zunimmt. In einem Außenbezirk entdecken wir in der Nähe eines Einkaufszentrums eine Autowaschanlage und starten sofort eine ausgiebige Putzaktion:
Jetzt sind die Räder wieder blitzsauber – was man von uns jedoch nicht behaupten kann. Eine Dusche wäre schön. Als wir weiterlaufen, werden wir von mehreren Leuten angesprochen, die uns helfen möchten. Wir bekommen diverse Tipps für nahegelegene Übernachtungsmöglichkeiten und schon das erste kleine Hotel ist ein Volltreffer: Nette Menschen, saubere Zimmer und alles ebenerdig, so dass wir die Räder mit ins Zimmer nehmen dürfen. Das sei sicherer, wird erklärt – wie gut, dass wir die Fahrräder vorher geputzt haben! Nach dem Duschen ist jedoch eine andere Putzaktion angesagt – oder besser gesagt VER-Putzaktion: Mit hängenden Mägen pilgern wir ins bereits erwähnte Einkaufszentrum, wo wir in einem Restaurant eine XL-Pizza bestellen. „Die wird aber kaum jemals genommen“, erklärt uns eine superschlanke Kellnerin. Wir bestehen darauf. Ob sie begreift, was wir ihr von Fahrradfahren und Kalorienverbrauch erzählen? Keine Ahnung. Als sie jedoch sieht, in welchem Tempo die Pizza verschwindet, werden ihre Augen fast noch größer als das Wagenrad, das sie uns gerade eben serviert hat. Danach machen wir noch einen kleinen Abendbummel durch ein lebendiges Stadtviertel. Kein Szeneviertel. Keine Touristen. Viele Kioske und Supermärkte, die auf den ersten Blick nur Alkohol verkaufen, aber offenbar relativ früh schließen. Wir sind nach dem heutigen Tag todmüde und freuen uns endlich mal wieder in einem richtigen Bett zu schlafen.
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Eigentlich planten wir auf kürzestem Weg durch Kaliningrad hindurchzufahren. In Reiseführern hatten wir gelesen, dass die Stadt „nichts Besonderes“ sei und auch die Radfahrer auf dem Campingplatz in Nidden wussten nur von hässlichen Plattenbauten und verrotteten Mietskasernen zu berichten. Kaliningrad sei im Zweiten Weltkrieg stark zerstört worden, und was stehengeblieben wäre, sei später durch Plattenbau und Industrieanlagen ersetzt worden. Wir bekommen jedoch einen anderen Eindruck, als wir im Morgenlicht durch baumgesäumte Straßen mit Jugendstil- und Gründerzeithäusern fahren. Wir passieren kleine Parks, entdecken Graffitis und bedauern rasch, dass wir unser Hotelzimmer nicht verlängert haben.


Denkmal des Kosmonauten 
unser Lieblingsgraffito 
Der rote Strich unseres russischen Fahrradbloggers führt uns kreuz und quer durch die Stadt. Wir fahren tausend Umwege – vorbei an großen Plätzen und am Zoo, sehen im Hafenbecken das ehemalige Forschungsschiff Witjas, das nun ein Museumsschiff ist. In der Nähe entsteht ein imposanter Neubau, dessen Konstruktion an einen Schiffsrumpf erinnert – der Rohbau gehört zum Museumskomplex des Meeresmuseums.

was noch aussieht wie ein Schiffsrumpf, soll irgendwann ein Globus werden …

Panoramablick mit Hafen und Kneiphofinsel
Der Lenin-Prospekt führt als Brücke über die Pregel. Auf der einen Seite schweift der Blick über die Hafenanlagen, auf der anderen Seite zur Kneiphofinsel, von deren dichter Vorkriegsbebauung nichts mehr übrig ist. Auch der Dom versank im Feuersturm der alliierten Bombenangriffe (obwohl er kein Ziel direkter Bombardierungen war). Erst 1992 begann die Restaurierung, die über 20 Jahre dauern sollte. 1998 wurde der Dom wiedereröffnet und es begann die Außensanierung. An der Nordostecke des Doms befindet sich das schlichte Grabmal Immanuel Kants, an dem auch heute noch regelmäßig Blumen niedergelegt werden.
Ja es stimmt: vieles in dieser Stadt wurde zerstört oder ging durch Vernachlässigung verloren. Die „Russifizierung“ nach dem Krieg sollte das alte „Königsberg“ auslöschen; aber die Stadt ist so lebendig und vor allem ihre Bewohner so offen und herzlich, dass man unbedingt für einen Besuch Zeit einplanen sollte. Wir geraten dann ein wenig auf Abwege: Vor einer ganz besonders hässlichen Mietskaserne fällt mir auf, dass dort jedes Haus einen Vorgarten hat, dessen bunte Blumen mehr oder weniger gut gepflegt werden. Direkt daneben lockt eine Toreinfahrt, wie der Zugang in eine andere Welt – wie wahr! Direkt hinter den verkommenen Fassaden finden wir uns wieder in einem ganz anderen Mikrokosmos: Wir sind auf einem Dorfplatz gelandet, wo ein kleiner Markt ein buntes Warensortiment präsentiert. Daneben Buden, in denen sich ein Metzger, eine Kaffeerösterei und ein Schuster verbergen. Ein Imker zeigt voller Stolz goldenen Honig und ältere Frauen verkaufen wilde Beeren und Blumensträuße aus dem eigenen Garten.



Nachkriegsbauten mit historisierenden Fassaden
Ein Großmütterchen lächelt mir zu: ein Hauch von Rouge auf den Wangenknochen, ein Tupfer Lippenstift – in diesem geschützten Winkel überstrahlt eine spürbare Lebensfreude die drei allgegenwärtigen „A“s Russlands, die auch hier das Leben prägen: Arbeitslosigkeit, Armut und Alkohol. Hinzu kommt als viertes und teuflischstes „A“ die angeblich höchste AIDS-Rate Russlands – wobei Kaliningrad einer der wenigen Orte sei, wo die HIV-Statistik einigermaßen verlässlich geführt würde … All dies können wir bei unserer Durchfahrt nur oberflächlich erahnen. Uns fehlen Zeit und Sprachkenntnisse, um weitere Fragen zu stellen oder die Antworten zu verstehen. Aber wir verlassen Kaliningrad mit einem wehmütigen Gefühl: da wäre noch so viel mehr zu entdecken gewesen.
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Es ist mittlerweile viel später geworden als beabsichtigt – und vor uns liegen noch etwa 70 Kilometer. Wir müssen uns beeilen, wenn wir die polnische Grenze noch rechtzeitig vor der Dämmerung erreichen wollen. Auch hier haben wir Schauergeschichten gehört: angeblich müsse man bis zu vier Stunden warten, bis man nach schikanösen Kontrollen ausreisen dürfe. Also nichts wie los!
Die Reise führt uns durch ländliches Gebiet und die Navigation erweist sich als problemlos. Wir kommen durch verschlafene Dörfer und halten uns nirgends lange auf. Auf dem Weg stehen in regelmäßigen Abständen Kriegsdenkmäler. Es ist bedrückend, die Namen der vielen Menschen zu lesen, die stumm davon erzählen, dass dieser friedliche Landstrich Kampfgebiet war. Die verlustreiche Schlacht um Königsberg forderte noch in den letzten Kriegswochen unzählige Opfer. Die Zahlen sind bis heute umstritten, aber allein die gefallenen Russen, die am Wegrand dokumentiert werden, lassen Schreckliches erahnen.

Ob man uns als Deutschen mit Ressentiments begegnen wird? Das Gegenteil ist der Fall. Herzerwärmende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft schlägt uns überall entgegen. „Stehenbleiben!“ ruft uns eine Frau zu, als wir ihre Katze fotografieren wollen. „Bitte warten Sie!“ – Es dauert eine ganze Weile und in der Zwischenzeit sammelt sich die halbe Nachbarschaft um uns – bis schließlich jemand kommt, der Englisch spricht. Eine Einladung zu Kuchen und Tee folgt – man wolle uns näher kennenlernen. Leider sitzt uns der Zeitdruck im Nacken. Wenn wir es heute nicht rüber auf die polnische Seite schaffen, haben wir kein Nachtquartier. Im Grenzgebiet gibt es keine Zeltplätze wir wagen es nicht dort wild zu campen. Also schlagen wir schweren Herzens die Einladung aus und radeln weiter.
Das Abendrot steht schon am Himmel, als wir die Grenze erreichen. Diesmal schenken uns die uniformierten Beamtinnen sogar ein Lächeln. „Dasswidanja“, klingt es uns entgegen und wir trauen unseren Ohren kaum: „Good luck!“
Und Glück haben wir tatsächlich: Als Radfahrer werden wir an der wartenden Autoschlange vorbei gewunken und bevorzugt abgefertigt. Ein irritierendes Gefühl der Erleichterung macht sich breit als wir das vertraute blaue Schild mit den kreisförmig angeordneten gelben Sternen sehen – aber die Ernüchterung folgt rasch: „Taschen aufmachen“, kommandiert ein blutjunger polnischer Zöllner mit straffer Haltung. Seine Augen versteckt er unter einem Mützenschirm. „Nicht dein Ernst!“, entfährt es mir unwillkürlich und ich kriege einen Rippenstoß. „Mach keinen Scheiß“, zischt mich Joachim an und ich öffne widerwillig die erste Packtasche. Proviant. Ungeduldige Kopfbewegung zur zweiten Tasche. Ich knirsche mit den Zähnen. Ok, du Depp, du hast es nicht anders gewollt: Voilà – dreckige Wäsche. Ich hebe mit spitzen Fingern ein T-Shirt hoch, deute an, dass ich gerne weiter auspacke. Er schüttelt den Kopf. Wir verstauen die Taschen wieder und radeln weiter. Unser Ziel heißt Braniewo (Braunsberg). Und wir haben immer noch keine Ahnung, wo wir schlafen werden.
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Mehr Infos zur Stadt Kaliningrad und zu Sehenswürdigkeiten in der Oblast Kaliningrad hier: https://www.kaliningrad.de/kaliningrad-koenigsberg/
Eine SWR-Dokumentation schaut ein wenig hinter die Kulissen:
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