Was Corona und der Klimawandel miteinander zu tun haben

In Zeiten der Krise lohnt es sich auch mal einen Schritt zurückzutreten – um die Dinge mal aus gesunder Distanz zu betrachten. Klar, Corona hält uns in Atem. Alle waschen sich die Hände und kein Wort mehr zu verkohlten Kängurus oder Schulkindern, die freitags streiken. Wie kurzatmig wir doch den Schlagzeilen hinterherhecheln! Klar, irgendwas ist immer und man kann auch immer nur eine Sau auf einmal durchs Dorf treiben. Mich erschreckt jedoch, wie schnell Themen wieder aus den Schlagzeilen verschwinden, wenn ebendiese Sau laut quiekt und sich alle auf sie stürzen.
Aber wie heißt es so schön? Das Thema Wetter geht immer – auch in Zeiten der Pandemie. Erinnert ihr euch noch an Sturmtief Sabine? Das ist noch nicht lange her – jedenfalls kam in diesen Tagen auch die Nachricht, dass erstmals die globalen CO2-Emissionen der Stromerzeuger sinken. Alles im grünen Bereich? Jein – denn die Emissionen im Straßenverkehr explodieren weiter und durch Waldbrände wird mehr CO2 ausgestoßen als durch alle SUVs der Welt – mit Gruß aus Brasilien und Australien! Heute versuche ich mal etwas: Für den folgenden Text verwende ich ausschließlich Zitate – unten verrate ich die Quelle – lasst Euch überraschen: „Wenn wir noch ein paar Sommer bekommen wie diesen, werden die Leute in Panik geraten und wissen wollen, was zu tun sei. Südamerika: Brände überall. Ein brasilianischer Bundesstaat, so groß wie Deutschland, steht in Flammen. Politiker reagieren hinhaltend. Mit einem Treibhauseffekt rechnen Experten ab 2025. Ein US-Senator erklärt: „Die Beweise reichen noch nicht aus, um ein massives Umschwenken der Politik einzuleiten.“ Die Lage wäre schon bedrohlich genug, ginge es allein um CO2, aber seit 1850 hat sich der Methangehalt in der Luft mehr als verdoppelt und nimmt weiter zu. CH4 dringt aus den wachsenden Müllkippen der Welt und aus Flächen für den Reisanbau. Durch den gewaltig erhöhten Bestand an Rindern hat sich die Produktion [an CH4] vervielfacht. Man kann einer wachsenden Gesellschaft nicht Reis und Rinder verwehren, um etwas gegen Methan zu tun. Doch für die Industrieländer gibt es Möglichkeiten: Es wurde vorgeschlagen, fossile Energieträger mit einer CO2-Steuer zu belegen. Jeder sollte für sich die Produktion von CO2 vermeiden: etwa die Temperatur im Haus senken, einen kraftstoffzehrenden, „flotten“ Fahrstil aufgeben. Man kann auch mit dem Fahrrad Urlaub machen. Konsumrausch, Moderummel, Verpackungswahn – diese Schlagworte gewinnen neue Bedeutung. Gefordert wird nichts Geringeres als eine Lösung schon lange schwelender Probleme der Menschheit: Energieverschwendung, Überproduktion, Überbevölkerung. Dies erfordert eine internationale Zusammenarbeit im nie gekannten Ausmaß. Wir brauchen einen neuen Völkerbund. Es gibt kein Patentrezept, aber jede Chance gilt es zu nutzen.“
Alle Zitate stammen (leicht gekürzt) aus einem alten GEO-Heft, das ich beim Umräumen meines Büros gefunden habe. Es stammt aus dem Jahr 1989.[1] Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen.
Aber was, bitteschön, hat Corona mit dem Klima zu tun? Im Gespräch mit der älteren Generation stelle ich aktuell fest, dass sie sich nicht so sehr ins Bockshorn jagen lassen und sich der allgemeinen Corona-Panik ein Stück weit verweigern. Das ist einerseits eine gesunde Dickfelligkeit, die auch die Seele schützt, aber – um ehrlich zu sein – bei meinen Eltern treibt sie mich momentan zur Verzweiflung; zum Beispiel, wenn die beiden in einem vollgepackten Bus zu einer Demo am Internationalen Frauentag fahren. Danke, Mama und Papa für Eure Solidarität – aber Ihr seid über 80 und das mit der Menschenkette – musste das wirklich sein?
Aber ist es nicht gerade diese Generation, die gelernt hat mit periodisch angekündigten Weltuntergängen zu leben? Sind es nicht diejenigen, die im Zweiten Weltkrieg Flucht und Bombennächte erlebten, die in den Nachkriegsjahren gehungert haben und für die das erste eigene Auto das Statement war, endlich im Leben angekommen zu sein. Ich bin 1999 das erste Mal durch das zerstörte Nachkriegsbosnien gereist und weiß, wie es aussieht, wenn Menschen in Wohnblocks mit nassem Holz heizen, dass von irgendwelchen Bäumen stammt, ganz egal wo diese geschlagen wurden, im Park oder in der Allee … Glaubt ihr etwa, dass diese Generation sich Sorgen macht um Feinstaub und sonstige Emissionen? Diese Generation wollte es erst einmal warm haben und satt werden. Also stimmt das Bild von der rücksichtslosen Oma als Umweltsau?
Halt! Stopp! Es war die Generation meiner Eltern, die Frauenrechte erkämpfte (weswegen meine Mutter (und mein Vater!!) auch mit über 80 zur Frauendemo gehen, für die ich zu feige war. Es war diese Generation, die den Spruch „Jute statt Plastik“ erfand und schon früh dafür plädierte regional und saisonal einzukaufen. Es war diese Generation, die das Müsli „erfand“ und die Vollwertkost (ja, vegetarisch und teilweise sogar vegan) vorwärtsbrachte – und sich dafür als „Müslifresser“ beschimpfen ließ. Ich habe viel von meiner Mutter gelernt – zum Beispiel Brotbacken.
Als ich wegzog aus meiner Heimatstadt Köln, landete ich als Dorfärztin im Schwarzwald und wurde gebeten Gesundheitsvorträge zu halten. Mein erster Vortrag richtete sich interessanterweise nicht gegen rotes Fleisch oder Alkoholismus, sondern klärte auf über die Gefahren von Spraydosen mit FCKW. Eine große Sorge war damals das rasant wachsende Ozonloch. Ich habe meine Aufgabe im Gesundheitssystem auch immer gesamtgesellschaftlich gesehen. Deshalb gründete sich damals auch eine Ärzteinitiative in der Region, die sich gegen die Vertuschung von Schwermetallbelastungen im Boden einsetzte. Eine Initiative zur Förderung von Windrädern folgte. Dies alles geschah Ende der 80er Jahre. Wir waren mehr oder weniger erfolgreich – oft weniger, aber dass wir (und viele andere) etwas bewirkt haben, ist unübersehbar. Deshalb lassen wir uns auch nicht ins Bockshorn jagen von kurzfristigen Entwicklungen. Ja, es brennt an allen Ecken – aber das tut es schon lange. Tausend Gründe aktiv zu werden. Aber kein einziger Grund in Panik zu verfallen und Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Das ist dann nur wieder eine dumme (Umwelt)Sau, die völlig unnötig durchs globale Dorf getrieben wird. Und dafür haben wir nun wirklich keine Zeit.
Jetzt steht meine Generation an der Grenze zum „Altwerden“ – aber niemals zuvor waren die „Alten“ agiler, gesünder und gebildeter als heute. Ihr könnt auf uns zählen!
Dieser Essay wurde in stark gekürzter Form unter dem Titel „Alles Klima, oder was?“ im Südkurier veröffentlicht.
Übrigens: Das Zitat mit der Generation, die gelernt hat mit periodisch angekündigten Weltuntergängen zu leben, stammt aus der Geschichte „Rendezvous mit dem Tod“ – in der es um vollkommen angstbefreite Senioren, die Anschnallpflicht und das Beschwerdebuch in der Unterwelt geht.
Wer meinen sehr persönlichen Roman „Der Hütejunge“ zum Thema Kriegskinder lesen will, wird hier fündig:
[1] zum Nachlesen: Heft 9; S.37 – 74

