10/07 2021

Geheime Drehbücher in Familien – Teil 1: transgenerationale Traumata verstehen

Ich möchte fast glauben, (…) wir sind alle Gespenster. Nicht bloß das geht in uns um, was wir von Vater und Mutter geerbt haben. Es sind allerhand alte, abgestorbne Ansichten und allerlei alter, abgestorbner Glaube und dergleichen. Es lebt nicht in uns, aber dennoch sitzt es fest in uns, und wir können’s nicht loswerden.

Henrik Ibsen; Gespenster

Für wen ist dieser Beitrag?

  • Wenn du das Gefühl hast, dass du im Leben eine Rolle spielst, die nicht zu dir passt …
  • Wenn du feststellst, dass du in Beziehungen oder im Job genauso reagierst wie … Mutter, Vater, Onkel, Tante (such dir was aus!) …
  • Wenn du das Gefühl hast, dass du unter deinen Geschwistern die A*karte gezogen hast …
  • Wenn du feststellst, dass du deine Kinder anders behandelst als du eigentlich willst …
  • Wenn du dir nicht sicher bist, ob du eine Therapie machen solltest und falls ja, welche …

… dann solltest du weiterlesen. Dies ist Einführung ins Thema transgenerationale Traumata und familiäre Tabus. Ich bin Ärztin mit psychotherapeutischer Weiterbildung und PTBS-Betroffene. Seit 2010 arbeite ich als freiberufliche Autorin.

Hier eine Triggerwarnung für PTBS-Betroffene: Ich gehe vorsichtig mit Triggern um und vermeide allzu explizite Darstellungen, aber ganz lässt es sich nicht vermeiden, da ich Dinge klar ansprechen will. Hier also Stichworte, damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr weiterlesen wollt: Fr*mdbetreu*ng, K*nderhe*m, Kri*g, Fl*cht, *ngststör*ng, P*nikatt*cke.

Trigger sind mögliche Auslöser für eine Retraumatisierung

Ein Drehbuch erzählt eine Story anhand von Szenen. Die einzelnen Rollen sind festgeschrieben und die Darsteller*innen[1] haben lediglich im Rahmen, den die Regie setzt, Möglichkeiten ihre Rollen zu gestalten. Je nach Regisseur*in kann dieser Gestaltungsrahmen ganz schön eng sein. Haben wir in Familien auch solche Drehbücher, die unsere Storyline des Lebens vor-schreiben? Wie viel Gestaltungsspielraum wird uns gegeben? Oder anders herum gefragt: Wieviel Spiel-Raum nehmen wir uns?

Warum schwarzweiße Fliesen und Küchengeruch mich in tiefe Verzweiflung stürzten

Ich trug meine Tochter im Tragetuch, als wir das erste Mal die KiTa betraten. Es war ein sogenannter Schnupper-Termin zum ersten Kennenlernen und ich ahnte nicht, dass ich das wortwörtlich nehmen würde: Ich betrat das Treppenhaus, schnupperte … und erstarrte. Ich musste alle Kraft zusammennehmen, um nicht panisch aus dem Haus zu stürzen. Meine Instinkte, mein ganzer Körper schlugen Alarm und signalisierten: Mein Kind war in höchster Gefahr! Was war passiert? Ich roch die typische Mischung aus Küchendunst, Treppenhaus und Reinigungsmitteln. Typisch Gemeinschaftseinrichtung eben; schwer zu beschreiben, aber jede*r von uns kennt sie vermutlich. Ich atmete tief durch und zwang mich, nicht wegzulaufen sondern die Treppe hochzugehen. Als ich mit den Erzieherinnen im gemütlichen Tagesraum am großen Tisch saß, ging es mir schlagartig besser.
Was war passiert? Damals konnte ich es nicht einordnen, aber ein Gespräch mit meinen Eltern rief mir etwas ins Gedächtnis zurück, das ich verdrängt hatte: Mit etwa vier Jahren war ich ca. zwei Monate lang „zur Erholung“ in ein Kinderheim geschickt worden. Schlagartig war die Erinnerung wieder da: der schwarzweiß geflieste Flur, das eklige Essen, das Heimweh und dieses abgrundtiefe Gefühl von aller Welt verlassen zu sein. Der Geruchssinn gehört, entwicklungsgeschichtlich gesehen, zu den ältesten Hirnarealen und hat direkte Verbindungen zu den emotionalen Zentren des Gehirns. Deshalb sind Gerüche und Düfte oft so emotional besetzt und rufen starke Erinnerungen wach. Was ich damals noch nicht wusste: Ich war auch sofort nach der Geburt etwa sechs Wochen in Fremdbetreuung gegeben worden. Die instinktive Alarmreaktion beim Betreten der KiTa war also nachvollziehbar. Aha, denkt ihr jetzt: die Mutter wurde weggegeben und die kleine Tochter muss jetzt auch in institutionelle Betreuung. Klarer Fall: Das ist ein Familien-Drehbuch. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Was verstehen wir eigentlich unter transgenerational?

Der Begriff „transgenerationale Übertragung“ ist relativ neu, aber das Phänomen ist schon seit Urzeiten bekannt. Wir lesen bereits in der Bibel: „ […] der du die Missetat der Väter heimsuchest auf Kinder und Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied.“[2] Und wer kennt nicht den Spruch: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Die Wissenschaft bezeichnet mit diesem Begriff die Weitergabe von Erfahrungen einer Generation an die nächste. Moment mal – das ist doch normal und sogar wichtig; denn wo würden wir stehen, wenn jede Generation das Rad neu erfinden müsste? Um genau zu sein: transgenerationale Übertragung bezeichnet die Weitergabe von Traumata an die nächste Generation. Ein sehr eindrückliches Beispiel dafür: Der Bruder einer Freundin war Jahrgang 1945. Als seine Mutter mit ihm schwanger war, musste sie flüchten und erlebte Tieffliegerangriffe, die sie zu Tode ängstigten. Als das Kind geboren wurde, war Frieden. Das Baby schrie jedoch panisch, wenn es ein Flugzeug hörte. Und selbst der erwachsene Mann bekannte, dass er das Geräusch kaum ertragen könne. Dieses Beispiel ist relativ simpel, da Ursache und Wirkung deutlich erkennbar sind. Fliegerangriffe können tödlich sein, sind aber als Gesprächsthema (relativ) harmlos. Warum? Es gibt eine klare Täter-Opfer-Zuschreibung und niemand muss sich deswegen schämen. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass über solche Ereignisse gesprochen und eine Erklärung für die irritierenden Gefühle gefunden wird. Leider funktioniert das Gespräch nicht immer. Aber auch dann, wenn über Traumata nicht gesprochen wird, kann es zu drastischen Symptomen bei den Nachgeborenen kommen.  Ja, sie können dann, wenn geschwiegen wird, sogar noch belastender sein.

Wie funktioniert das? Erklärungsansätze.

Dieses Phänomen wurde von Sozialwissenschaften und der Psychologie beschrieben und erforscht. Je nach Betrachtungsweise gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze, wie die transgenerationale Übertragung zustande kommt. Sie alle zu schildern, würde diesen Artikel sprengen. Ich möchte mich deshalb auf das sogenannte „Körpergedächtnis“ beschränken und zwei Punkte hervorheben:

  • Unbewusste körperliche Reaktionen
  • Epigenetische Spuren

Körperliche Reaktionen – flüchten oder kämpfen

Trauma bedeutet Stress, aber nicht jeder Stress löst ein Trauma aus. Stark vereinfacht: Wir sprechen hier über lebensbedrohlichen Stress, verbunden mit absoluter Hilflosigkeit. Entweder als einmaliges Ereignis (wie bei einem Unfall oder einer Vergewaltigung) oder als sich wiederholendes Ereignis (wie z.B. im Krieg oder in einer Missbrauchssituation). Typische Stressreaktionen kennen wir alle: Atmung und Herzschlag verändern sich, die Muskulatur verkrampft, wir schwitzen oder frösteln etc. und es kommt zu einer Einengung der Gedanken (Tunnelblick). Die Psychologie fasst diese Reaktionen als Flucht-Kampf-Reaktion zusammen. Wenn ein Trauma zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung führt, können diese körperlichen Reaktionen sich auf Dauer einbrennen. Beim Betroffenen kommt es zu anfallsartig auftretenden Flashbacks, Schlafstörungen mit Alpträumen, Unruhe, Angst- und Panikreaktionen, ständigem Misstrauen, aber auch körperlichen Reaktionen, wie oben beschrieben. Oft werden diese Symptome durch Trigger ausgelöst. Wir haben ja gelesen, dass Gerüche als Trigger funktionieren, aber oft sind es auch auch Geräusche – eigentlich alles, was als Sinneseindruck wahrgenommen und in Bruchteilen von Sekunden dem traumatischen Ereignis zugeordnet werden kann. Diese rätselhaften Symptome machen ratlos und schnell werden sie körperlichen Erkrankungen zugeordnet. Dadurch kann ein Teufelskreis aus körperlichen Symptomen entstehen. Und eins passiert dann ziemlich sicher nicht: dass über das Trauma gesprochen wird. Wird dann vielleicht die Diagnose PTSD oder psychosomatische Erkrankung gestellt, erfahren die Betroffenen oft Diskriminierung „eingebildete Kranke“. Betroffene erleben eine solche Stigmatisierung als tiefe Kränkung und auch das verhindert eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem zugrundeliegenden Trauma.

Epigenetische Spuren – vernarbte Lichterketten

Erst in neuerer Zeit hat man herausgefunden, dass Traumata sich auch im Erbgut nachweisen lassen. Dabei werden nicht die Gene verändert, sondern lediglich ihre Aktivität. Man muss sich das so vorstellen, dass jeder Genabschnitt im Zellkern eine bestimmte Aufgabe hat; z.B. die Herstellung eines Hormons. Wie fleißig dieser Genabschnitt nun „produziert“ hängt davon ab, ob er an- oder abgeschaltet wird. Und genau diese Aktivierung (oder das Lahmlegen) von Produktionslinien in der Zelle wird durch Traumatisierungen beeinflusst. Irgendwo habe ich mal den Vergleich mit einer Lichterkette gelesen: die DNA eines Menschen leuchtet auf oder erlischt, je nachdem, welche Schalter betätigt werden. Epigenetische Marker wirken also wie Schalter, lassen also „genetische Lämpchen“ aufleuchten oder eben nicht. Bei traumatisierten Menschen spricht man von einer epigenetischen Signatur, die auch weiter vererbt werden kann – man könnte diese Marker auch „genetische Narben“ nennen. Nach Untersuchung der Nachkommen von Holocaust-Überlebenden weiß man, dass diese Narben tatsächlich bis in die dritte Generation nachweisbar sind. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Menschen ängstlicher sind, weniger stressresistent und damit auch anfälliger für Krankheiten, die durch Stress begünstigt werden.

Schweigen ist der Schlüssel – der Türen abschließt

Alle Forschenden sind sich einig, dass diese beschriebenen Teufelskreise sich nur dann über Generationen fortschreiben können, wenn über die Traumata nicht gesprochen wird. Die schlimmsten Dinge, die einem Menschen zustoßen können, sind nicht die Verletzungen an sich – sondern, dass zu Schmerz und Verwundung Scham und Schuldgefühle kommen. Daraus entsteht ein gesellschaftliches Tabu, das Beziehungen und Familien zerstört. Deshalb sind Massenvergewaltigungen von Frauen auch ein so starke Waffe in Kriegen. Ich werde im zweiten Teil noch näher darauf eingehen, wie, wann und mit wem man eigentlich sprechen soll, lasse das aber jetzt erst einmal so stehen. Denn:

Hier schließt sich der (erste) Kreis

Ihr erinnert euch noch an die Situation im Treppenhaus der KiTa, als ich panisch und angsterfüllt mein Baby an mich drückte und wider jede Vernunft einfach nur weglaufen wollte. Glücklicherweise konnte ich damals mit meinen Eltern über das Geschehene sprechen und sie erinnerten mich an meinen zweiten Heimaufenthalt. Die erste Situation, in der ich „weggeben“ wurde, kam erst viel später raus… Aber zumindest war ein Anfang gemacht und ich wurde geradezu überschwemmt von Bildern und Erinnerungen an den traumatischen Heimaufenthalt. Nur nebenbei: Mittlerweile gibt es Selbsthilfegruppen für Menschen, die als Kinder massenweise traumatisiert aus diesen „Kuren“ zurückkamen. Eine bundesweite wissenschaftliche Aufarbeitung dieser „Verschickungen“ ist in Planung. Ich hatte also als sehr kleines Kind eine schlimme Erfahrung gemacht und diese verdrängt. Aber mein Körpergedächtnis erinnerte sich sehr gut daran und schickte mir unmissverständliche Signale, um mein Baby vor einer ähnlichen Erfahrung zu retten. Aber ist das bereits ein „inneres Drehbuch“? Noch nicht. Es sollte noch Jahre dauern, bis ich die Mosaiksteinchen zusammensetzen – und meiner Mutter verzeihen konnte. Sie selbst stammt nämlich aus einem extrem gewalttätigen Elternhaus. Auch sie wurde unmittelbar nach ihrer Geburt „weggegeben“. Und wurde mit knapp sechs Jahren zwangsweise evakuiert. Im Gegensatz zu mir erlebte sie jedoch diese Form der Fremdbetreuung als die glücklichsten Phasen ihrer Kindheit. Die ersten vier Jahre verbrachte sie bei ihren Großeltern und während der Zwangsevakuierung lebte sie in Schlesien in einem Forsthaus mitten im Wald bei einer gastfreundlichen und kinderlieben Familie. Als sie mich abgab, fühlte sie sich außerstande, mich zu betreuen und hatte ganz einfach panische Angst um mich. Die war ebenso irreal wie meine Angst im Treppenhaus der KiTa. Der wichtige Unterschied war jedoch: Sie konnte mit niemandem darüber sprechen und verstand nicht, was all diese beängstigenden Symptome mit ihr anstellten. So dachte sie z.B., dass sie ernsthaft herzkrank sei. Der Teufelskreis der psychosomatischen Erkrankungen war eröffnet …  Indem sie mich in Fremdbetreuung gab, dachte sie, dass sie das Beste für mich tat.

Ausblick

Ich dachte immer, dass ich zufällig Medizin studierte und zufällig eine psychotherapeutische Ausbildung machte. Dass ich zufällig eine körperzentrierte Ausbildung wählte und ganz und gar zufällig im Nachkriegsbosnien landete, um dort Projekte für Traumatisierte aufzubauen. Nein, es war kein Zufall. Und es brachte mich an meine Grenzen. Das Gespräch mit meinen Eltern war erst der Anfang. Mittlerweile weiß ich, dass Gewalt und Missbrauch den Umgang mit Frauen in meiner Familie seit mehr als hundert Jahren prägen.

Aber immerhin hatte ich inzwischen ziemlich viele Ressourcen angesammelt, um aus dem generationenübergreifenden Teufelskreis wieder herauszufinden.

Mehr dazu in der nächsten Folge.

PS: Meine Tochter ist inzwischen erwachsen. Sie hat neben der eingangs beschriebenen KiTa in der Schweiz noch einige Jahre eine Einrichtung in Slowenien besucht. Rückblickend beschreibt sie diese Zeit als eine der glücklichsten Phasen ihrer Kindheit. Ihre beste Freundin stammt noch aus dieser Zeit und ich habe immer noch Kontakt zu einer Erzieherin von damals. Meine Mutter hatte also auf eine gewisse Weise sogar recht – auch, wenn es bei mir schiefgegangen ist.


PPS: Inzwischen habe ich erfahren, dass die Arbeit an meinem Generationenroman „unerhört – eine deutsche Familiengeschichte“ über ein Arbeitsstipendium gefördert werden wird. Das Stipendium wurde im Rahmen der Initiative „Neustart Kultur“ von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien ausgelobt. Ich fühle mich geehrt. Die Arbeit an dieser Blogreihe gehört mit zu diesem Projekt, ebenso wie Diskussionen, Hintergrundinformationen zur Recherche und Textschnipsel in den sozialen Medien, wo man mich unter @ulrikeblatter.autorin findet.

Hintergrund: wie ein roter Faden zieht sich das Thema „transgenerationales Trauma“ durch mein Schreiben. Einige meiner Romane beschäftigen sich damit. Aktuell arbeite ich meine Familiengeschichte aus weiblicher Sicht auf. Leseproben, Hintergrund zur Recherche, Pressestimmen und Antworten auf Fragen meiner Leser*innen gibt es auf Instagram und auf meiner Homepage.

www.ulrike-blatter.de Instagram @ulrikeblatter.autorin

Hier kommen weitere, interessante Beiträge:

https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/2020/03/02/stigma-psychisch-krank-und-kriminell/
https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/2016/07/27/resilienz-forschung-mentoring-bosnien/

[1] Warum gendere ich diesen Artikel , aber andere Blogbeiträge nicht? Als ich diesen Blog begann, habe ich einfach drauflosgeschrieben. Später entschloss ich mich ziemlich regelmäßig das Binnen-I zu verwenden (wenn ich dran dachte 😉 ). Vor allem mit der Intention, Frauen sichtbar zu machen. Bei den Themen, die ich hier anspreche, möchte ich bewusst sensibel vorgehen, da es verletzte und verletzliche Menschen sind, die zur Gruppe der Betroffenen zählen. Als Autorin, die auf sprachliche Schönheit setzt, habe ich manchmal Probleme mit all diesen Konstruktionen. Ich halte sie jedoch für notwendig, um gesellschaftliche Diskussionen in Gang zu bringen und Diversität sichtbar zu machen. Meiner Meinung nach stecken wir mitten in einem Prozess und dazu gehören auch Unsicherheit und Streit. Meine Schreibweise/n sind Versuche. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

[2] 2. Mose 34:7