11/01 2021

Geheime Drehbücher in Familien – Teil 2: die eigene Rolle finden

Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.

George Santayana

Im ersten Teil dieses Beitrages schrieb ich  darüber

  • Wie sich transgenerationale Traumata bemerkbar machen
  • Warum man über manche seelische Verletzungen leichter sprechen kann und über andere gar nicht
  • Welche Spuren Traumata in unserem Erbgut hinterlassen (können)

Im zweiten Teil möchte ich folgende Punkte genauer anschauen:

  • Unsere Rollen auf der „Bühne des Lebens“ – soll und kann man sie ändern?
  • Was bewirkt Therapie – und kann sie auch schaden?
  • Und ein bisschen geht es auch um zwischenmenschliche Magie

Achtung! Dieser Artikel beruht auf eigenen Recherchen und Erfahrungen. Er eignet sich nicht zur Selbstdiagnose und ersetzt auch kein ärztliches und / oder therapeutisches Gespräch.

Quellenangaben verlinkt

Das erste Nein

Meine Tochter war noch klein, kaum im Krabbelalter und besonders am frühen Morgen total unternehmenslustig. Ich schlief noch, als sie begeistert den Lichtschalter meiner Nachttischlampe anknipste und dann wieder aus. Und an und aus. Und … so weiter. Ich wollte das nicht, richtete mich auf und sagte – nicht einmal besonders laut, da ich meinen Mann nicht wecken wollte: „Nein!“
Ihren Blick werde ich nie vergessen. Beeindruckt, vielleicht ein bisschen erschrocken? Dann lächelte sie spitzbübisch, klickte noch einmal kurz an/aus auf dem Schalter und kletterte ins Bett, wo sie sich an mich kuschelte. Ein voller Erfolg. Zufrieden mit mir selbst hätte ich nun wieder einschlafen können. Aber ich konnte nicht. Ich hatte tief innen das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben. Das Bild, das in mir aufstieg, war das eines schluchzenden Kindes. Traurig, wütend, in ein Zimmer eingesperrt. „Erst wenn dein Kind so reagiert, bist du eine richtige Mutter“, flüsterte eine Stimme in mir. „Solange es nicht weint und schreit, ist das keine richtige Erziehung.“ Was passierte da mit mir? Schlagen, Weinen, Rumschreien – das entsprach doch nicht meinem Mutterideal. Woher kamen bloß diese inneren Bilder?

Rollen auf der Bühne des Lebens

Wir alle spielen im Leben eine Rolle. Bei einem Vorstellungsgespräch beispielsweise, gestalten wir sie sogar bewusst. Das hat sogar etwas mit Schauspielerei zu tun – wir müssen uns ja gut verkaufen – ohne jedoch die Grenze zur Hochstapelei zu überschreiten. Natürlich würden wir keinen Doktortitel im Ausland kaufen oder Qualifikationsnachweise fälschen. Aber niemand zwingt dich zu verraten, dass du in deiner Freizeit am liebsten auf dem Sofa rumhängst, statt für den nächsten Marathon zu trainieren. Eine gut gepflegte Fassade kann dir den Job sichern und einige unnötige Konflikte im Leben vermeiden. Es muss nicht jede*r alles von allen wissen. Das gilt übrigens nicht nur im Beruf, sondern auch in anderen sozialen Situationen. So weit so gut – wenn wir also als optimierte Varianten unserer selbst durchs Leben schreiten, kann ja nichts mehr schiefgehen, oder? Dann könnte dieser Beitrag hier enden. Für Selbstoptimierung gibt es nämlich bessere Ansprechpartner*innen als mich 😉 Ihr ahnt es bereits: Ich bin absolut nicht die Mutter geworden, deren Ideal mir immer vorschwebte. Nicht immer lief es nämlich so glatt wie beim ersten Nein. 

Ich kenne mein besseres Ich – aber leider passt es nicht zu mir

Vielleicht hast du aber auch schon die folgende Erfahrung gemacht: Du weißt ziemlich genau, welcher Typ Mensch du sein willst. Nein, ich spreche nicht von oberflächlichen Dingen wie Sport, Ernährung und Styling. Mir geht es um den Persönlichkeitstyp, den du verkörperst – Charakter, Werte, Auftreten, Selbstbewusstsein; kurz: deine Rolle im Drehbuch des Lebens. Du hast dich intensiv damit auseinandergesetzt und bist gut darin geworden, deine Rolle zu gestalten. Positiv. Motiviert. Leistungsorientiert. Emotional schwingungsfähig. Total entspannt. Differenziert und kritisch. Such dir was aus oder ergänze diese Liste – auf ihr stehen lauter tolle Menschen. So wie du. Aber trotzdem – irgendetwas stimmt nicht. Du gibst dein Bestes und spielst deine Rolle wirklich blendend, du faszinierst und bezauberst deine Umwelt. Bist erfolgreich und bekommst, was du willst. Aber: es ist u.n.g.l.a.u.b.l.i.c.h. anstrengend. Du bist zu Tode erschöpft und dann kommt diese Angst, das wahre Gesicht zu zeigen, aus der Rolle zu fallen, verletzlich und angreifbar zu werden.
Vielleicht ist es aber auch ganz anders: du kennst deine Rolle in- und auswendig, gehst vollkommen in ihr auf, aber in entscheidenden Situationen passiert etwas Seltsames: Man nimmt dir deine Rolle nicht ab. Du bringst herausragende Leistung, aber den Job kriegst du trotzdem nicht. Du bist liebevoll und hilfsbereit, aber es kommt keine Liebe zurück, sondern du wirst nur ausgenutzt. Es sieht fast so aus, als ob deine Umwelt etwas ganz anderes in dir sieht, als du denkst. Es ist wie verhext: Du strengst dich so sehr an – aber mit jedem Schritt, den du machst, stehst du dir selbst im Weg oder stellst dir sogar ein Bein. Kann es sein, dass deine Rolle nicht zu dir passt?

Sei authentisch und höre auf dein Bauchgefühl – das ist wichtig, aber auch trügerisch

In Beratungen wird oft gesagt, wir sollten authentisch sein und auf das Bauchgefühl hören. Wenn du jedoch eine Rolle lediglich spielst – und sei es noch so überzeugend – wirst du nie wirklich authentisch sein. Und dein Gegenüber hat dann ein merkwürdiges Bauchgefühl, spürt, dass du nicht wirklich die Persönlichkeit bist, die du „vorspielst“. Dann bekommst du den Job nicht oder man nutzt dich schamlos aus. Vielleicht spielst du deine Rolle auch sehr, sehr gut – (es ist unglaublich anstrengend, siehe oben, aber du kriegst das hin); trotzdem entsteht ein diffuses zwischenmenschliches Unbehagen, das Beziehungen schwierig macht. Oder sogar toxisch. Falsche Erwartungen, Misstrauen, Enttäuschung schleichen sich ein, aber eher scheitert die Beziehung oder der Job wird gekündigt, bevor du aus der Rolle fällst. Viele angeblich erfolgreiche Menschen lassen sich deswegen coachen. Aber solange der Konflikt zwischen innerer Persönlichkeit und äußerer Rolle nicht aufgelöst wird, bleiben alle Bemühungen an der Oberfläche und man ist zur Wiederholung verdammt.

Als ich meine Tochter bekam, hatte ich bereits den größten Teil meiner Psychotherapieausbildung hinter mir und in der Lehrtherapie viel über meine eigene Kindheit gelernt. Meine Mutter war in einem extrem gewalttätigen Umfeld aufgewachsen. Als sie mit mir schwanger war, wurde sie geschlagen und getreten – von ihrer eigenen Mutter, meiner Oma. Mein Vater konnte sie in dieser Situation kaum schützen, da meine Eltern erst kurz vor meiner Geburt eine eigene Wohnung fanden. Meine Mutter wollte alles anders machen. Aber wie? Niemand hatte es ihr beigebracht. In Teil 1 dieses Beitrags habe ich zum Beispiel beschrieben, warum sie mich abgab, als ich noch sehr klein war. Als meine innere Stimme von mir forderte, dass mein Kind weinen und schreien müsse – sonst sei meine Erziehung nicht „richtig“, sprachen die Frauen mehrere Generationen zu mir. Unnötig zu sagen, dass auch meine Oma und meine Uroma extreme Gewalt erlebten … Gewalt fühlte sich für mich zutiefst authentisch an. Ich hatte es sozusagen in meiner DNA. Das war erschreckend und erhellend zugleich. Also nahm ich dieses Thema mit in die Lehrtherapie zur „Bearbeitung“.

Was sagt die Forschung dazu?

Wenn Wissenschaftler den Charakter eines Menschen beschreiben, legen sie häufig das Modell der sog. „Big Five“ zugrunde. Untersucht werden dabei die folgenden fünf Charaktereigenschaften: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus.[1] Jede dieser Eigenschaften wird eingeordnet, je nachdem, wie stark oder schwach sie ausgeprägt ist. So ergibt sich dann ein individuelles Persönlichkeitsprofil – man kennt über dreitausend davon. 50% dieser Eigenschaften sind (nach heutigem Wissensstand) angeboren, etwa 30% werden in der Schwangerschaft und während der Kindheit geformt. Oje, denkst du jetzt vielleicht: Lediglich zwanzig Prozent meiner Persönlichkeit liegen also in meiner eigenen Hand? Mal ganz abgesehen davon, dass das gar nicht so wenig ist – die Erfahrung und viele Untersuchungen zeigen, dass diese zwanzig Prozent im Laufe der Jahrzehnte häufig positiver werden und sich in eine reife Persönlichkeit wandeln. Stressresistent, sozial verträglich und emotional stabil – diese Veränderung, die wir übrigens bei Menschen aller Kulturen finden, ist ein Stück von dem, was wir als „Weisheit des Alters“ bezeichnen. Das hat fast etwas Magisches und ist toll, aber vielleicht willst du nicht so lange warten. Als ich meine Tochter bekam, war ich Anfang dreißig. Wie lief es weiter bei mir in puncto Persönlichkeit und Rollenverhalten?


Rollenkonflikte in Familie und Beruf

Ich muss zugeben, dass es auch bei der Erziehung meiner Kinder nicht ohne Schreien und Wutanfälle abging. Oft war ich verständnislos, ängstlich und ratlos. Ja, es setzte auch den ein oder anderen Klaps. Und ich bin weit davon entfernt zu behaupten, ich sei auch nur annähernd eine perfekte Mutter gewesen. Und so gar nicht nebenbei: zur Elternschaft gehören ja immer zwei, aber die Paardynamik lasse ich hier bewusst weg, sonst sprengt es den Rahmen dieses Artikels. Den Konflikt zwischen meinem inneren Ich und meiner Rolle im Beruf hatte ich schon lange vorher bemerkt: Egal, wo ich als Ärztin angestellt war, mir wurde vorgeworfen, dass ich zu langsam arbeitete, dass ich mit den Patient*innen zu lange Gespräche führte über das, was einer meiner Chefs so treffend als „Psychokacke“ bezeichnete. Als Dorfärztin machte mich das ziemlich beliebt, aber ich hatte kaum noch Freizeit. In der Unfallchirurgie war ich quasi berufsunfähig (naja, ich übertreibe – aber nur ein bisschen!). Interessanterweise wurde diese Fähigkeit zum ersten Mal wirklich wichtig, als ich in der Rechtsmedizin arbeitete. Man ermittelt dort nicht nur ungeklärte Todesfälle, wie im TV-Krimi. Man wird auch mit verletzten und traumatisierten Überlebenden (mehr oder weniger kurz) nach der Tat konfrontiert. Ich untersuchte Täter und schrieb Gutachten zu Menschen mit Suchtproblemen oder psychischen Erkrankungen. Es ging um Fahrtauglichkeit, Hafterstehungsfähigkeit und vieles andere. Ich begegnete anstrengenden Persönlichkeiten, oft in absoluten Ausnahmesituationen. Und stellte fest, dass ich einen besonderen Draht zu diesen Menschen hatte. Bewacht von zwei Polizisten, an Händen und Füßen gefesselt, saß ein Mann vor mir, dessen Opfer nur durch Zufall mit dem Leben davongekommen war. Er schenkte mir ziemlich viel Vertrauen. Das war irgendwie magisch. Nein, war es nicht: ich war lediglich authentisch in meinem Beruf. Gewalt und Menschen mit schwierigen Persönlichkeiten prägten meine familiäre Vergangenheit. Wie oben erwähnt: Ich hatte das „in der DNA“. Ich wechselte in die Sozialpsychiatrie und arbeitete als Hausärztin in einer Suchtberatungsstelle. Endlich war ich angekommen. Aber viele Fragen blieben offen: Täglich behandelte ich die Folgeschäden schlimmster Suchtkarrieren. Dabei wäre es doch so einfach gewesen, diese zerstörerische Lebensweise zu ändern. Es waren doch alle Ressourcen vorhanden! Warum schnitt ich den zigsten Abszess auf, der doch vermeidbar gewesen wäre? Nur schulmedizinische Versorgung anzubieten, war zu wenig, das war mir rasch klar. Ich musste meine Patient*innen ganzheitlich betrachten. Aber noch fehlte mir jegliches Handwerkszeug, mit deren psychischen Problemen angemessen umzugehen. 

Magie oder Therapie?

Während meines Studiums hatte ich eine Kommilitonin, die ausgebildete Psychologin war. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart immer ein bisschen unwohl, da ich annahm, dass sie irgendwelche Tricks draufhätte, meine innersten Gedanken und Gefühle „zu lesen“. Als ich mich Jahre später selbst zu einer therapeutischen Weiterbildung entschloss, glaubte ich nicht mehr, dass Therapeut*innen magische Fähigkeiten hätten, aber immer noch war ich ziemlich naiv. Als Schulmedizinerin hatte ich gelernt, dass Ursache A eine Reaktion B hervorruft, die dann mit Therapie C behandelt wird. Medizin ist komplex, aber das zugrundeliegende Menschenbild, das uns in den Achtzigern vermittelt wurde, war noch ziemlich mechanistisch. Es gab Ansätze, dies zu ändern, aber bei Prüfungen spielte ein ganzheitliches Menschenbild keine Rolle und soft-skills wie Empathie und Gesprächsführung waren fast schon anrüchig. Ich entschied mich für eine körperzentrierte Ausbildung – vor allem deswegen, weil ich mich mit dem Körper am besten auskannte und mit meinen Patient*innen sowieso ständig um Fragen des Körpers kreiste. Dass man über den Körper eine Verbindung zu psychischen Prozessen finden kann, war für mich ebenso faszinierend wie logisch. Dummerweise erwartete ich anfangs von meiner Ausbildung die Vermittlung von Kenntnissen, die eher in den Bereich „Manipulation“ fielen. Ich dachte – vereinfacht ausgedrückt – dass es typische Symptome gäbe, die mit typischen psychischen Zuständen verknüpft seien und dass ich quasi nur die „Knöpfe“ wissen müsste, um meine Patient*innen auf ein gesundes Leben „umzuprogrammieren“. Ok, ganz so naiv war ich nicht, ich schreibe das jetzt bewusst ironisch – aber viele Menschen, die sich in Therapie begeben, kommen mit genau dieser Vorstellung und tja, so funktioniert das nicht.

Falsche Erwartungen an (Trauma)Therapie

Es sollte eine ganze Weile dauern, bis ich erkannte, dass es keine seelischen Stellschrauben gibt, an denen man dreht und dann kommt ein ganz neuer Mensch heraus: gut gelaunt, leistungsfähig, gesund und immer motiviert (such dir was aus – siehe oben). Es gibt sehr viele, sehr gut funktionierende Beratungs-Ansätze, die vor allem mit dem Einüben von positiven, gesunden Verhaltensweisen zu tun haben. In Beratung und Alltags-Coaching haben alle diese Instrumente ihren Platz gefunden. Liegen aber traumatische Erfahrungen zugrunde, stößt man mit diesen Methoden an Grenzen. Schlimmstenfalls fühlt man sich als „Versager“,  da man zu blöd ist, die tollen Konzepte umzusetzen. Der wahre Grund ist jedoch, dass der zugrundeliegende Rollenkonflikt nicht aufgelöst wird. Sobald man eine dieser gesunden und positiven Verhaltensweisen umsetzt, fühlt es sich im tiefsten Inneren „falsch“ an und auch die Umwelt bemerkt das. Trotzdem können Methoden der positiven Lebensführung wertvoll sein: Nach dem Prinzip Versuch und Irrtum erkennt man, was (noch) nicht funktioniert. Zu Beginn will man nur eins: raus aus den Blockaden und rein in ein „positives Leben“. Verzweifelt und verbissen versucht man es, nur um festzustellen, dass diese Vorstellungen mit der eigenen Lebensrealität nur wenig zu tun haben. Indem man scheitert, dringt man (auf zugegeben schmerzhafte Weise) immer stärker zum Kern vor: zum Rollenkonflikt. Und lernt dabei, realistischere Lebensziele zu formulieren. Stammst du aus einer Familie, in der Traumata weitergegeben werden (so wie bei mir), hast du in diesem Prozess jedoch ein riesiges Problem: in deiner Familie wurde über diese Dinge immer geschwiegen. Stattdessen wurden sie in jeder Generation immer wieder neu inszeniert. An dieser Stelle lohnt es sich, mal genau hinzuschauen, welche Rollen in Familien häufig „gespielt“ (nein, gelebt) werden.

Die Familie ist die erste Bühne in deinem Leben – welche Rolle spielst du? 

Stell dir mal deine Familie als Bühne vor und die Familienmitglieder als Schauspieler*innen. Aus der Transaktionsanalyse kennen wir die folgenden drei Hauptrollen in der Dramaturgie des Lebens: Täter (auch Verfolger), Opfer, Held. Weitere Rollen, die im Familienleben verteilt werden, lassen sich mühelos in diese Kategorien einordnen. Hier eine kleine Auswahl häufiger Rollen (welche kennst du?): Glückskind oder Sonnenschein, das Wunderkind, die Traurige, der Hilflose, der Rebell, das schwarze Schaf, die (Lebens)Tüchtige, der Geizige, die Kranke, die verwöhnte Diva, die böse Hexe usw. Welche Rolle hast du? Welche Rolle willst du? Schauen wir uns mal ein konkretes Beispiel an: Viele Kinder, die in den Wirren von Kriegsende und Wiederaufbau geboren wurden, galten im Rückblick als problemlos und pflegeleicht. Vielleicht hatten die Eltern zu wenig Zeit, die Probleme ihrer Kinder überhaupt wahrzunehmen? Vielleicht begriffen diese Kinder aber schon sehr früh, dass sie keine Probleme machen durften – ja, dass sie die Aufgabe hatten, das Leben der Eltern wie ein „Sonnenschein“ nach den düsteren Erfahrungen von Scham, Schuld und Schmerzen wieder hell zu machen. Das wirft einen Schatten auf den vermeintlich positiven Begriff des Sonnenscheins, der immer und unter allen Umständen fröhlich und funktionsfähig sein muss.  Merke: eine Rolle bietet nicht nur Privilegien, sondern geht einher mit Verpflichtungen. Und wenn man diese verweigert – wie zum Beispiel das schwarze Schaf – steht darauf schlimmstenfalls die (soziale) Todesstrafe: Man wird geächtet und verstoßen. Wichtig zu wissen: In jeder Familie werden Rollen üblicherweise nur einmal vergeben. Es gibt also nur ein Wunderkind und Neubesetzungen sind nicht vorgesehen.

Und wenn ich meine Rolle ändern will?

Wie kommt man also aus solch starren Rollenzuschreibungen raus? Zuerst einmal, indem man sie erkennt. Wer in der Therapie mit dem Dramadreieck arbeitet, stellt rasch zweierlei fest: Das schwarze Schaf ist nicht immer der Täter. Genauso gut kann es als Opfer oder sogar als Held wahrgenommen werden. Zumindest auf dieser Ebene ist also ein erster Perspektivwechsel möglich. Aber das Dreieck zeigt auch die engen Grenzen auf, in denen sich jede traumatisierte Familie bewegt: Außer diesen drei Rollen gibt es keinerlei Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Eine dysfunktionale Familie bleibt gefangen im immer gleichen Kreislauf von Aktion und Re-Aktion. Es wird traumatisiert und geschwiegen. Das Trauma wird immer wieder neu inszeniert – und es wird darüber geschwiegen. Die Rollen erscheinen in jeder Generation frisch und neu – das ist aber lediglich eine raffinierte Täuschung: Ganz egal, ob der Bösewicht als Bankräuber, Kriegsverbrecher oder Außerirdischer auftritt – der Grundkern der Rolle ist derselbe. Aber wie gern lassen wir uns täuschen, denn wir haben mit der Muttermilch die Botschaft eingesogen: Darüber spricht man nicht!

Schöne Scheiße!

„Du sitzt ganz schön in der Scheiße“, sagte ich einmal zu einem Klienten, nachdem wir diese Rollenspiele aufgedröselt hatten. Mein Klient war intelligent und ein empfindsamer Mensch. Er hatte drei Berufsausbildungen abgebrochen und spielte brav die Rolle des schwarzen Schafs. Mittlerweile war er schwer depressiv und heroinsüchtig.
„Ja klar sitze ich in der Scheiße“, war seine Antwort. „Aber die kenne ich wenigstens.“
Klarer kann man es nicht auf den Punkt bringen. Logisch, dass es hier mit ein paar positiven Botschaften und Rezepten zur gesunden Lebensführung nicht getan war. Ich fühlte seine innere Zerrissenheit in der eigenen Seele und am eigenen Körper. Inzwischen hatte ich gelernt, was Übertragungseffekte in der Psychotherapie sind. Ich hatte gelernt, extreme seelische Schwingungen gemeinsam mit meinen Klient*innen auszuhalten und mich immer wieder in der Mitte einzupendeln – auch wenn meine von Traumata gehetzten Gegenüber das als „zu langweilig“ empfanden. Therapie ist keine gerade Autobahn in ein besseres Leben, hatte ich gelernt, sondern mühsame Begleitung auf Ab- und Umwegen.
Der erste Schritt war aber in jedem Fall: Worte suchen und finden. Und Distanz gewinnen zu eigenen Verstrickungen. Manchmal mussten sich meine Klient*innen aus toxischen Beziehungen befreien. Manche lernten aber auch Beziehungen neu zu gestalten. Raus aus dem Drama-Dreieck, bedeutet auch raus aus der Wagenburgmentalität der kranken Familie. Das ist oft mit großen Ängsten verbunden. „Ich kann mir ein neues Leben nicht vorstellen“, klagte eine Klientin. „Immer, wenn ich es versuche, habe ich totalen Nebel im Kopf oder das Gefühl, dass ich den Boden unter den Füßen verliere.“
Oh, wie gut ich das kenne! Jahrelang hatte ich immer dann, wenn ich in die Nähe traumatischer Inhalte kam, eine Sehstörung: Mein Blickfeld verengte sich und es flimmerte. Lange ging ich davon aus, dass dies die Aura einer Migräne sei. Aber ich lernte, dass es ein Symptom meiner Traumatisierung war und lernte, damit umzugehen. Nachdem ich die Traumata hinter mir gelassen habe, verschwand auch diese Sehstörung. Aber es ist eine Riesenaufgabe, sich aus diesen Verstrickungen zu befreien. Und es kann so unangenehm sein, dass man doch lieber in der Scheiße sitzen bleibt. Auch wenn sie bis zum Hals geht.  Grundlegend ist es deshalb, zuerst einmal ein sicheres Umfeld zu schaffen. Sonst kann keine Therapie gelingen. 

Welche Therapieform passt für mich?

Je nachdem, wie sich das Trauma auf der Lebensbühne inszeniert, sind unterschiedliche Ansätze möglich und sinnvoll. Die häufigsten Begleiterkrankungen eines Traumas sind Suchterkrankungen, Angst- und Panikstörungen, sowie psychosomatische Erkrankungen. Diese Erkrankungen bedingen oft den Einstieg in eine Therapie; leider häufig erst nach vielen Jahren des Suchens (im Schnitt dauert es leider immer noch sieben bis zehn Jahre, bis eine Therapie beginnt und oft muss man lange auf einen Therapieplatz warten).

Eine gut erklärte Liste mit etablierten Therapieformen habe ich hier verlinkt: www.therapie.de/Traumatherapie

Ich selbst habe Erfahrungen mit körperzentrierten und kognitiven Verfahren sowie nonverbalen Interaktionen. Aber das ist nur ein kleiner Teil dessen, was möglich ist.

Im Auftrag von medica mondiale habe ich 2001 – 2005 Teams in Kosovo geschult, wobei in interkulturellen Teams besondere Anforderungen gelten. Wichtige allgemeine Grundsätze der Traumatherapie finden sich auf der Seite von medica mondiale, wobei für mich der Begriff des „sicheren Raums“ essentiell ist. Eine Therapie darf nämlich nicht zum Ausgangspunkt neuer Traumatisierungen werden.

Eine Warnung

Manche Therapien werben mit Exposition und Katharsis. Das Versprechen ist: Du durchlebst alles noch einmal und legst es dann endgültig zur Seite. Das hört sich einleuchtend, ja verführerisch an, aber es ist unter Umständen auch nur wieder die alte Bühne, auf die du gelockt wirst. Du inszenierst dann dein altes Drama wieder und wieder, was sogar gefährlich werden kann. Denn es kann zu einer Retraumatisierung kommen. Übrigens auch bei Therapeut*innen.

Konfrontation und Exposition werden in einer Traumatherapie stattfinden, das ist unvermeidbar. Aber immer dosiert und mit Fingerspitzengefühl – und nur dann, wenn ein sicherer Raum vorhanden ist.

Therapeuten, die die Seele und ihre Probleme „knacken wollen“, von denen solltest du die Finger lassen. Diese Sichtweise stammt noch aus der Schule des sogenannten „Debriefings“ einer Methode, mit der traumatisierte Soldaten möglichst rasch wieder fronttauglich gemacht werden sollten. Die hohen Selbstmordraten bei US-amerikanischen Veteranen, die zumeist solche Therapieformen durchlaufen haben, sprechen eine deutliche Warnung aus.[2]

Das Ziel: Narben schmerzen, aber sie bluten nicht mehr

Im Therapeutenjargon spricht man von der Integration des Traumas. Das bedeutet, dass eine traumatische Situation oder Familienkonstellation in einen größeren Rahmen eingeordnet werden kann. Vielleicht entsteht sogar das Gefühl einer Sinnhaftigkeit (z.B. wenn man sein Wissen einsetzt, um anderen zu helfen). All dies stößt weitere Verarbeitungsprozesse im Gehirn an: Verschiedene Regionen werden aktiv – unter anderem das Sprachzentrum, das vorher blockiert war. Das Frontalhirn ermöglicht einen veränderten Ich-Bezug und sogar der Gehirnstoffwechsel (Stichwort Serotonin, Dopamin, Oxytozin und Stresshormone) kann sich positiv verändern. Die Betroffenen haben gelernt, über ihre Situation zu sprechen und haben erkannt, dass es unterschiedliche Wege und Methoden gibt, mit Problemen umzugehen. Die Erstarrung löst sich und die Dinge kommen in Bewegung – auch fest fixierte Rollenbilder können sich nun von innen heraus glaubwürdig verändern. Natürlich sind die schmerzhaften Erfahrungen nicht gelöscht. Aber sie können in einen größeren Lebenszusammenhang integriert werden. Dafür gibt es das eindrucksvolle Bild von der Narbe. Sie erinnert an alte Verletzungen und manchmal schmerzt sie. Aber sie blutet nicht mehr.

Als Schriftstellerin möchte ich all dies gern wieder auf das Bild vom Drehbuch des Lebens übertragen: Für mich persönlich hat sich nämlich herausgestellt, dass das Aufschreiben sehr hilfreich ist. Schreibend verstehe ich Zusammenhänge besser und wenn ich mir Geschichten ausdenke, kann ich Traumatisches bearbeiten und umschreiben. Auch das kann sehr heilsam sein. Auf der Liste der anerkannten therapeutischen Verfahren findet ihr diese Methode übrigens unter narrativer (erzählender) Therapie.

PS: Meine Kinder sind inzwischen erwachsen. Trotz aller Krisen und Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt, haben wir das grundlegende Gefühl, dass wir über alles miteinander sprechen können. Was wir auch tun. Manchmal unter Tränen. Aber (Tot)Schweigen ist bei uns keine Option.


In der nächsten Folge beschäftige ich mit dem Thema „Umzug im Alter“. Was bedeutet diese Erfahrung für die Generation der Kriegskinder?

[1] Dazu ein interessanter Artikel auf GEO-online

[2] Auf jeden gefallenen Soldaten oder Soldatin in Irak und Afghanistan kommen schätzungsweise vier Suizide von Veteran*innen https://watson.brown.edu/costsofwar/papers/2021/Suicides


Hintergrund: wie ein roter Faden zieht sich das Thema „transgenerationales Trauma“ durch mein Schreiben. Einige meiner Romane beschäftigen sich damit. Aktuell arbeite ich meine Familiengeschichte aus weiblicher Sicht auf. Leseproben, Hintergrund zur Recherche, Pressestimmen und Antworten auf Fragen meiner Leser*innen gibt es auf Instagram und auf meiner Homepage. Die Arbeit an meinem Roman „unerhört – eine deutsche Familiengeschichte“ wird durch ein Arbeitsstipendium im Rahmen der Initiative „Neustart Kultur“ gefördert. Diese Blogreihe, sowie weitere Texte sind Bestandteil dieses Projektes. Danke!

www.ulrike-blatter.de Instagram @ulrikeblatter.autorin


Teil 1 dieses Beitrages findet ihr hier:

https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/2021/10/07/transgenerationale-tabus-und-trauma-familiengeschichte-daruber-reden/

Hier kommen weitere, interessante Beiträge:

https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/2020/03/02/stigma-psychisch-krank-und-kriminell/
https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/2020/03/18/kraftquellen-in-der-krise/