12/30 2018

Litauen Teil 2: Über die Kurische Nehrung

Schnurgeradeaus ins Märchenland

Die Fähre von Klaipeda nach Smiltynė (dt. Sandkrug) stinkt ganz irdisch nach Diesel, knattert, röhrt und schaukelt – alles vollkommen normal. Die Ladekräne im Hafen scheinen uns jedoch mit abgeknickten Hälsen nachzuschauen, wie nackensteife, tief besorgte Giraffen. Ein paar Möwen diskutieren mit heiseren Schreien Weltbewegendes, bevor sie sich auf der hochgeklappten Rampe niedergelassen, die auf einmal wie eine Zugbrücke wirkt. Zugegeben: das Haff ist an dieser Stelle kaum breiter als ein Burggraben, man könnte hinüberschwimmen, aber dennoch betritt man nach der Überfahrt eine andere Welt. Zumindest, wenn man nicht mit dem Auto kommt …

Fähre von Klaipeda zur Nehrung

Yachthafen und Meeresmuseum mit Delfinarium lassen wir links liegen (oder, mit Blick auf die Karte: rechts). Abseits der Landstraße zieht sich nämlich ein schnurgerade (meist) geteerter Rad- und Wanderweg durch eine Landschaft, die uns allmählich verschluckt. Rechts die wilde Ostsee – verborgen hinter hohen Dünen, links das stille Haff, auf das wir einen Blick werfen können, wenn die knorrigen Kiefernwälder eine Lücke freigeben. Die Kurische Nehrung ist eine schmale Halbinsel die sich über knapp 100 Kilometer von der Memelsenke bis zum Ort Lesnoji (russische Exklave Kaliningrad) erstreckt und an der schmalsten Stelle nur knapp 400 Meter breit ist.

die litauische Seite der Nehrung

Die Nehrung ist UNESCO-Weltkulturerbe, was auf die lange Besiedelung dieser Gegend hinweist, die bis ins vierte vorchristliche Jahrhundert zurückreicht – in eine Zeit, als die Menschen den Elementen hilflos ausgeliefert waren: Der Meeresgott Bangputis („Wellenbläser“) machte seinem Namen alle Ehre und den Fischern im Memelland das Leben schwer – solange, bis die Riesin Neringa in ihrer Schürze Sand herbeischleppte um einen riesigen Wall aufzuschütten. So schuf sie das Haff – eine ruhige See, in der die Fischer, abgeschirmt von Sturm und Wellengang ihren Geschäften ungefährdet nachgehen konnten. Das ist der Gründungsmythos der Nehrung – und die Einwohner setzen der guten Riesin noch heute Denkmäler und nannten die Nehrung nach ihr „Neringa“.

Neringa schützt die Fischer – hinten Blick aufs ruhige Wasser des Haffs

Märchenhaft erscheint uns noch einiges an unserem Weg: Die knorrigen Kiefern, die sich gemeinsam oder als Einzelkämpfer solange gegen den Wind stemmten, bis sie die merkwürdigsten Formen angenommen haben. Rosen und andere Gewächse, die sich im mageren Sandboden festkrallen und kaum mehr als Bonsaiformat erreichen. Die turmhohen Dünen, die so unveränderlich erscheinen, aber dennoch ständig in Bewegung sind. Die jungen Mädchen, die ganz offensichtlich aus einer anderen Zeit stammen – mit Wimpel und altmodischen Leinenrucksäcken stapfen sie vor uns her. Ihre langen dunklen Wollröcke und die urigen Wanderschuhe lassen uns kurz zweifeln: haben wir ein Zeitloch erwischt und sind in den Zwanziger oder Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts gelandet? Wer fragt, bekommt Antwort – und diesmal sogar auf Deutsch: Sie seien „Wandervögel“ werden wir belehrt und pflegten die Tradition der unabhängigen Jugendbünde, die ihren Höhepunkt Anfang des letzten Jahrhunderts hatte – bevor die Nazis sie verboten bzw. „gleichschalteten“.

Die Mädchen wirken wie aus der Zeit gefallen. Handys sind ihnen (angeblich) unbekannt – naja, zumindest auf dieser Reise wird keine Technik benutzt, die nach 1930 entwickelt wurde. Ein Foto von hinten wird uns erlaubt, dann radeln wir weiter und fühlen uns auf einmal – nun ja – irgendwie so quietschbunt und kunstfaserig … aber trotzdem: Funktionskleidung aus Wolle und Filz wäre doch etwas unhandlich und außerdem viel schwerer …

In Juodkrante, dem mit 750 Einwohnern (!) zweitgrößten Ort der Nehrung machen wir Pause, bewundern Sandfiguren und Holzschnitzereien und essen ein leckeres Spezialbrot, das nur aus gesunden Körnern besteht. Übrigens gibt’s das hier in Litauen beim Discounter …

Wir verzichten auf den Besuch des „Hexenbergs“ südlich von Juodkrante: In einer Art „Märchenwald“ stehen dort etwa 70 holzgeschnitzte Hexen, Gnome und andere Figuren aus der Sagenwelt Litauens. Aber dennoch lassen uns die verzauberten Orte nicht los: Wie für die Ewigkeit errichtet, ragt nach einigen Kilometern beim Ort Pervalka die große Düne empor. Die Nagliai-Düne ist jedoch keineswegs statisch, sondern macht dem Begriff „Wanderdüne“ alle Ehre: seit Jahrhunderten verschluckte sie die Küstendörfer, begrub die Häuser unerbittlich unter ihren Sandmassen, legte bis zu 15 Metern jährlich zurück, erstickte dabei jegliches Leben und hinterließ eine tote Wüstenlandschaft. Wirklich? Nein, tot ist diese Landschaft keineswegs – man muss nur genau hinsehen, um zu erkennen, wer sich im Umfeld der Weißen Düne breitgemacht hat: diese bietet nämlich nur salzverträglichen Pflanzen eine Lebensgrundlage. Der Strandhafer ist wichtig, da er mit seinem Wurzelwerk die Düne verfestigt und ihre Wanderlust bremst – er ist übrigens darauf angewiesen regelmäßig von Sand zugedeckt zu werden, da er im nährstoffarmen Boden nur auf diese Weise genügend Mineralstoffe erhält.  Auf der dem Meer abgewandten Seite beginnt die „Graue Düne“, wo zersetztes Pflanzenmaterial einen Boden geschaffen hat, auf dem auch etwas anspruchsvollere Pflanzen gedeihen: Dünenveilchen, Silbergras und Baltisches Leinkraut wurzeln tapfer im rieselnden Untergrund. Bocksbart und Berg-Sandglöckchen tupfen Farbkleckse in den blassen Sand. Pflanzen, die normalerweise über einen Meter hoch werden, sind hier auf ein Miniaturformat geschrumpft.

Im Sand finden auch zahlreiche Insekten wie auch Vögel einen Lebensraum. Die Dünenlandschaft ist streng geschützt und darf nur auf Bohlenwegen betreten werden, so dass die Natur in aller Ruhe vor sich hin werkeln kann – hier ist alles in Bewegung, der Wind schafft wie ein Künstler ständig neue Formen, bricht hier eine Kante ab, schleift sie glatt und presst spielerisch kleine Rillen in eine Oberfläche, kleine Sandlawinen purzeln den Hang hinab, Bruchstücke bleiben liegen und bieten der Fantasie Nahrung. Dann wieder schweift der Blick über die ungeheure Ödnis dieser Landschaft, die stumm und unerbittlich ein Dorf nach dem anderen verspeiste und ein leichtes Gruseln macht sich breit.  

Nagliai wurde zwischen 1675 und 1834 viermal versetzt und dann aufgegeben; genauso erging es den Orten Karwaiten und Neegeln. Die heimatlos gewordenen Dorfbewohner gründeten dann in sicherem Abstand die Dörfer Preila (abgeleitet von „preilis“: der Umzügler) und Pervalka. Ende des 19. Jahrhunderts fand man heraus, wie man mit gezielten Bepflanzungen die Wanderlust der Dünen bremsen kann und seitdem mussten die Menschen der Nehrung nicht mehr umgesiedelt werden.

Nida (Nidden) ist das Ziel unserer heutigen Etappe – das letzte Dorf vor der russischen Grenze. Auf dem Weg dorthin begegnen uns die dekorativen und aufwändig gestalteten „Kurenwimpel“. Eigentlich dienten sie sehr prosaischen Zwecken: 1844 wurden sie von der Verwaltung in Königsberg als eine Art „Nummernschild“ für Fischerboote eingeführt. An der Kombination von Zeichen und Farben konnte man erkennen, aus welchem Hafen das Fischerboot stammte. Aber auch hier mischt sich wieder Alltägliches mit Magischem – hier auf sehr dekorative Weise: Elemente und Himmelskörper werden symbolisch dargestellt und sollen den Fischer schützen. Neben dem christlichen Kreuz stehen auch die Symbole der alten Götter: Dem Wellenstürmer Bangputis wird ebenso wie der Erdgöttin gehuldigt. Familienstand, Anzahl der Kinder und irdische Besitztümer werden dargestellt, sowie Wünsche und Träume – die Botschaft dieser Wimpel zu lesen, ist eine Wissenschaft für sich …

In Nidden schaffen wir es noch das Thomas Mann-Haus zu besuchen, kurz bevor es schließt. Wir erhalten nur einen kleinen Einblick in dieses Sommerhaus, das hoch über dem Strand auf einem kleinen Hügel thront. Irgendwie passt dieser hastige Besuch zur Geschichte des Hauses: Lediglich drei kurze Sommer konnte die Familie hier verbringen – danach wurde Thomas Mann ins Exil gezwungen und kehrte nie wieder an diesen Ort zurück.

Thomas Mann Haus. Heute Museum und Begegnungsstätte

Wir radeln weiter bis an das andere Ende von Nida und finden dort einen gut ausgestatteten Campingplatz. Eigentlich gibt es unter den Radfahrern dort nur ein Thema: Wie ist es „drüben“ – jenseits der Grenze zu Russland? Morgen werden wir es erfahren. Ein erstes Signal, dass es dort anders wird, gibt uns das GPS-Tracking-System: Hinter der Grenze verschwinden auf einmal alle Details der Landkarte. Es bleibt ein weißer Fleck, durch den pfeilgerade ein roter Strich nach Westen führt. Terra incognita – oder wie der Autor Hansgeorg Buchholtz über die Nehrung schrieb: „Es gibt ein Land, das wie eine Brücke durch die Fluten des Lichts sich spannt, in dem die Berge wandern … Licht und Lachen, aber auch Tod, Stürme und Finsternisse ruhen dort beieinander, so wie Haff und Meer seine schmalen Flanken benagen, so wie Sand und Wald miteinander ringen und die hohe Düne ihre Schatten reckt, über Haus und Hafen, Acker und Wiese. Es ist ein seltsames, ein zaubrisches Land.“

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