03/18 2020

Kraftquellen in der Krise

6 konkrete Alltagstipps zum Aufbau von Resilienz

Widerstandsfähigkeit ist gefragt – und zwar vor allem seelisch. Der Fachbegriff dafür ist Resilienz. In diesen Tagen von Coronakrise und Lockdown ist von uns allen eine riesige psychische Anpassungsleistung gefordert. Präsident Macron sprach von einem „Krieg gegen einen unsichtbaren Gegner“ und tatsächlich fühle ich mich aktuell an Erzählungen meiner Eltern und Großeltern erinnert, die von dem Gefühl sprachen, wenn man noch im unversehrten Zuhause sitzt, die Front aber jeden Tag näher rückt.

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Diese Situation hat etwas Surreales: Draußen ist das schönste Wetter, die Kinder haben schulfrei und gleichzeitig schließen sich die Menschen daheim ein und werden von Weltuntergangsfantasien geplagt. Bei manchen schlägt das ins Gegenteil um – fast so, wie Kinder die im Keller laut pfeifen, verleugnen sie trotzig jegliche Gefahr, feiern im Park Coronapartys oder wittern hinter allen seuchenpolitischen Maßnahmen Verschwörungen feindlicher Mächte.

Vernunft, Augenmaß und Optimismus tun not. Ja, auch Optimismus, denn wenn wir es gemeinsam schaffen diese Krise zu bewältigen, werden wir als Gemeinschaft gestärkt sein. Es hilft auch nichts, körperlich gesund zu sein, aber seelisch in ein dunkles Loch zu fallen.

Was kann also jede und jeder für sich tun, um diese inneren Stärken zu mobilisieren? Hier ein paar Handreichungen, die sich in Notzeiten bewährt haben und die – nebenbei gesagt – auch wissenschaftlich untersucht sind.

1. Gefühle im Schleudergang – konstruktiv damit umgehen

Es ist normal in dieser Situation traurig, ängstlich, verwirrt und wütend zu sein – vielleicht sogar alles gleichzeitig. Führe dir vor Augen, dass deine Seele aktuell eine riesige Anpassungsleistung vollbringt. Eine solche Situation hast du bisher noch nie erlebt (und hoffentlich bleibt es auch bei dieser einen Erfahrung!). Allein die Erkenntnis, dass diese Gefühle NORMAL sind, hilft schon ein bisschen. Was auch hilft: Darüber reden. Es macht einen Riesenunterschied, ob du deinen Partner grundlos anpampst oder ob du sagst: „Sorry, mir geht es nicht gut, ich bin total überfordert und mache mir Sorgen …“ Warum macht das einen Unterschied? Durch diese Aussage wirst du nämlich gezwungen konkret zu werden: „Ich mache mir Sorgen, WEIL …“ Und was konkret ist, darüber kann man reden. Und man wird auch eher eine Lösung finden.

Eine bewährte Methode zum Angstabbau ist auch, sich die folgende Frage zu stellen: Wenn der schlimmste denkbare Fall eintritt, was kann dann passieren? – Und wenn das passiert – was dann? – Und dann? Wenn Ihr das konsequent zu Ende führt, wird die Antwort lauten: „Wir werden alle sterben!“ – Aber – hey! – wir werden alle sterben, das steht sowieso im Augenblick unserer Geburt fest. Warum sich also durch diese sowieso unumgängliche Tatsache das ganze Leben versauen?

Wenn du deinen Gefühlen auf diese konstruktive Weise Raum gibst, wirst du nach einiger Zeit feststellen, dass ein gewisser Gewöhnungseffekt eintritt – man kann es Abstumpfung nennen, lieber ist mir der Begriff gesunde Distanz.

2. Nachrichten richtig dosieren

Es macht keinen Sinn durchgehend Nachrichten zu hören, den Eilmeldungen hinterher zu hecheln oder ständig im Internet die globale Ausbreitung des Virus zu verfolgen. Die Pandemie breitet sich aus und das wird noch eine Weile so bleiben; diese Basisinformation ist absolut ausreichend. Höre dreimal täglich Nachrichten und lies die Zeitung – wichtig ist momentan, was vor der eigenen Haustür geschieht. Du brauchst die aktuellen Notfallnummern und musst wissen, wer im Ernstfall als Unterstützer an deiner Seite ist. Mir selbst geht es auch viel besser, seit ich einen reinen Musiksender im Radio eingestellt habe. Ich informiere mich, wenn ich das Frühstück und das Mittagessen vorbereite, sowie abends. Ich gehe gezielt ins Internet – d.h. ich kläre aufkommende Fragen. Zugegeben, das erfordert Selbstdisziplin, wenn die Nachrichten sekündlich auf uns einprasseln. Und auch das muss in heutigen Zeiten gesagt werden: Informiere dich aus verlässlichen Quellen und geh nicht den Fake-Hetzern auf den Leim!

Du wirst nicht die Welt retten, wenn du ständig schlechte Nachrichten konsumierst – sondern lediglich deiner Seele schaden. Kümmere dich um das, was wichtig ist. Und schaffe dir Inseln des Wohlbehagens. Ich höre Bach und generell Klassik statt schlechter Nachrichten. Mein Sohn hat seine eigene Musik (glücklicherweise über Kopfhörer 😉  )– Du wirst selbst am besten wissen, was dir guttut!

3. Eine verlässliche Tagesstruktur hilft

Die Schule fällt aus, Kurzarbeit oder gar keine Arbeit, reduziertes Homeoffice – was sich erst einmal fast wie Urlaub anfühlt, kann auch ganz schön belasten. Wer nichts zu tun hat, fällt eher mal in ein seelisches Loch. Lange ausschlafen ist ganz nett, aber sich die Decke über den Kopf zu ziehen, bringt nichts. Versuche deinen normalen Tagesrhythmus aufrecht zu erhalten. Überlege dir, was du normalerweise so machst und vor allem, was dir guttut und baue diese Aktivitäten bewusst in den Tagesablauf ein. Wenn das Fitness-Studio geschlossen ist, lerne doch mal Übungen mit Eigengewicht, hol das eingemottete Fitnessgerät aus dem Keller oder versuche mal was Neues – wie wäre es mit Yoga oder einem Online-Tangokurs? Nimm dir bewusst Zeit, um isolierte Angehörige anzurufen. Wir telefonieren aktuell zweimal täglich mit meinen Eltern und teilen diese Anrufe unter verschiedenen Familienmitgliedern und Freunden auf, damit es nicht zur langweiligen Pflicht (für beide Seiten!) wird.

Kein Mensch kann mehrere Wochen von Spaghetti mit Klopapier leben (diese Diät haben sich die Deutschen ja aktuell verordnet, wenn man nach den Hamsterkäufen geht 😉  ). Also nutzt die freie Zeit und probiert neue Gerichte aus! Die Wochen- und Supermärkte sind geöffnet. Versorgt euch mit frischem Gemüse und Obst. Die Kinder langweilen sich? Lass doch die Kinder mal kochen, oder lass sie wenigstens Gemüse schnippeln! Die Küche ist das Herz jeder Familie – vielleicht schlägt dieses Herz bald bei euch in einem besseren Rhythmus als je zuvor! Jetzt ist auch eine gute Zeit, um mal auszumisten: Die Cloud und die Festplatte aufräumen, den Kleiderschrank durchforsten, das lange geplante Fotoalbum virtuell bearbeiten – lass dir was einfallen. Es gibt tausend Möglichkeiten, den Tag kreativ rumzubringen.

4. Geht an die frische Luft!

Diejenigen von uns, die nicht in häuslicher Quarantäne sind, sollten mindestens einmal am Tag rausgehen, um das wunderbare Wetter und das Erwachen der Natur mit allen Sinnen zu genießen. Man kann Abstand halten und trotzdem seine Mitmenschen mit einem Lächeln begrüßen. Wer mag, legt einen Balkongarten an – die Lieferdienste bringen nicht nur Atemschutzmasken und Desinfektionsgel zu überteuerten Preisen, sondern mal kann auch Blumen bestellen – oder man geht in den Baumarkt und kauft sie dort – diese Läden sind nicht ohne Grund (noch) geöffnet.

5. Nähe tut gut – nehmt euch in den Arm!

Körperliche Nähe tut gut, aber sie ist in diesen Zeiten extrem reduziert. Zum Beispiel nehme ich aktuell meine beiden erwachsenen Kinder nicht mehr in den Arm und es ist mir sehr schwergefallen, mich von meinen Eltern lediglich mit einem Ellbogen-Check zu verabschieden, als ich sie letzte Woche in Köln besuchte. Ich wusste beim Abschied, dass ich sie sehr lange Zeit nicht mehr sehen werde. Aber trotzdem: Viele von uns haben Partner, FreundInnen, Kinder mit denen sowieso ein so enger Austausch gepflegt wird, dass körperliche Kontakte unumgänglich sind. Es wird in den nächsten Wochen ein sehr kleiner, exklusiver Kreis sein, den ihr in den Arm nehmen und küssen dürft. Plant diesen Kontakt, überlegt euch mit wem dieser Mensch ebenfalls Außenkontakte hat. Und wenn es ok ist, dann küsst und knuddelt nach Leibeskräften. Jeder Kuss aktiviert das Immunsystem mehr als alle Aufbauspritzen dieser Welt!

6. Zeige soziale Nähe!

Wer hilft, wird gebraucht, gibt seinem Leben einen Sinn und bekommt positives Feedback! Muss ich noch mehr sagen? Schließ dich einer Nachbarschaftsgruppe an, organisiere Einkaufsdienste für Familien in Quarantäne, für Ältere, chronisch Kranke und Behinderte. Organisiere Balkonkonzerte wie die Italiener – gemeinsam mit Kindern. Kulturschaffende bieten Lesungen und Konzerte im Livestream an – mach doch selbst mal eine Online-Lesung für Kinder! Sei kreativ, lass dir etwas einfallen und bitte teile deine Erfahrungen!

Kommt alle gut durch die Krise und bleibt gesund!

Wer sich mit dem Thema Resilienz noch etwas näher beschäftigen will, wird im Archiv  fündig: Eine kurze Geschichte der Resilienz

Dieser Text oder Textauszüge dürfen unter Angabe der Quelle https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/ zu Informationszwecken verwendet werden. Sinnentstellende oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate (#CoronaFake) sind zu vermeiden.

Meine Romane findet Ihr unter diesem Link zum Beispiel auch diese Geschichte über eine sehr resiliente (und widerständige) Familie:

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