Vom Suchen und Finden zwischen Toskana und Umbrien
Das wichtigste bei einer Fernreise mit dem Fahrrad ist … das Fahrrad. Es transportiert neben seinem Besitzer auch den gesamten ‚Hausrat‘. Kein Wunder wird es wie ein Augapfel gehütet, stets akribisch gegen Diebstahl gesichert und liebevoll gepflegt, hängt doch im wahrsten Wortsinn das ganze (naja – mindestens das halbe) Leben dran …
Umso größer ist der Schrecken, als Joachim auf dem Campingplatz „Le Ginestre“[1] frühmorgens durch verdächtige Geräusche geweckt wird. Wer macht sich da am Fahrrad zu schaffen?
Es ist ein Mann in blauem T-Shirt. Ein sehr großer und kräftiger Mann. Er fingert an Joachims Fahrrad herum und schnaubt unzufrieden. Joachim tippt ihm auf die Schulter. Der Mann dreht sich um, deutet auf die Reifen und erklärt ausführlich etwas in einer unverständlichen Sprache. No English. Nix Deutsch. No Italiano. Er spricht nur Russisch. Macht aber nichts. Er hat ja auch noch Hände und Füße, und so versteht man sich auch sehr gut.
Viktor und Nadezda kommen aus St. Petersburg und sind geübte Radtouristen. Viel zu wenig Luft im Reifen, signalisiert Viktor und holt seine Pumpe heraus. Für das „Spielzeug“, das Joachim als Luftpumpe bezeichnet, hat er nur ein mitleidiges Grinsen. Und dann pumpt er, als ginge es um sein Leben … Joachim wird es angst und bange: 4 Bar Reifendruck sind empfohlen, aber der russische Riese jagt den Druck hoch bis auf 7 Bar. In Erwartung einer Explosion hält Joachim die Luft an, aber nichts passiert – mal abgesehen davon, dass Viktor noch die Kette ölt (er hat zu diesem Zweck eine Art Fixerbesteck mit Injektionsspritze dabei). Gut geölt ist auch das Frühstück 😉

Als Joachim wenig später gestärkt startet, bewahrheitet sich wieder mal der alte Spruch: wer gut pumpt und schmiert, der gut fährt …
Hier die Planung für heute:

Mittagspause in Castiligion Fiorentino. Eine alte Stadt – um genau zu sein – sehr alt. Etwa so alt, wie sich Joachim im Moment fühlt 😉 Er braucht jetzt dringend einen Kaffee – genauso wie diese Herren, die offenbar auch schon ein wenig zu lange warten …

Auch Castiligion Fiorentino wurde – wie viele Siedlungen in der Toskana – im 6. Jhd v. Chr. von den Etruskern gegründet. Entsprechende Exponate kann man im Museum bestaunen – z.B. im imposanten Torre de Cassero, der auf einem etruskischen Vorgängerbau errichtet wurde. Man kann aber auch gemütlich durch die von einer Stadtmauer eingeschlossene Altstadt bummeln und sich über das frische Grün eines Rasenstreifens freuen, der sich durch die Hauptstraße zieht. Die Altstadt, samt Wehrtürmen, Stadtmauer und Stadfestung befindet sich auf dem Berg. Die Neustadt im Tal erstreckt sich bis weit ins Umland hinein.
Joachim macht sich wieder auf den Weg. Er verlässt die Toskana und fährt nach Umbrien hinein. Umbrien ist die einzige Region Italiens, die keinen direkten Zugang zum Meer hat. Aber dafür gibt es dort den Lago Trasimeno; mit 54 Kilometer Umfang der größte Binnensee Italiens. Die Landstraße SR 71 führt am Ufer gemütlich durch Wälder und Olivenhaine.

Aber was ist das? Auf einmal nimmt der Verkehr dramatisch zu. Die Autos rasen wie verrückt und die gerade eben noch so beschauliche Landstraße wird plötzlich vierspurig. Autofahrer geben dem einsamen Radler Lichthupe und machen wilde Zeichen. Italiener gestikulieren generell viel, denkt Joachim, aber irgendwie scheint dieses Schauspiel nicht mehr mit südländischem Temperament erklärbar. Kurz und gut: Joachim hat die falsche Abzweigung genommen und ist von der Landstraße auf die Autobahn geraten. Im Satellitenbild wirkt diese Stelle ganz unschuldig – aber in der Realität ist die richtige Straße eben nicht rot angemalt und die Beschilderung kann ganz schön missverständlich sein …


Joachim radelt noch ein kurzes Stück auf der Autobahn und weiß es wieder mal zu schätzen, dass man im italienischen Straßenverkehr einfach „mitschwimmen kann“ (vgl. die Erlebnisse in Florenz). Die Autofahrer fahren so weit links wie möglich und lassen einen breiten Sicherheitsabstand. Irgendwann erreicht Joachim wieder das Seeufer. Aber zum Aufatmen bleibt wenig Zeit: Der Radweg wird zur Schotterpiste und das Wetter verschlechtert sich dramatisch. Sturm zieht auf und der Campingplatz ist erstens noch einige Kilometer entfernt und zweitens schwierig zu finden.
Als Joachim schließlich den romantisch in einem Olivenhain gelegenen Platz „Il Roccolo“[2] erreicht, klart das Wetter wieder auf und es wird Zeit für die große Wäsche:



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Perugia wird auch Stadt der Treppen genannt. Die Altstadt liegt hoch oben auf dem steilen Berg und entweder man geht zu Fuß …

… oder man benutzt die Minimetro-Bahn, die einen atemberaubenden Ausblick bietet.
Wahrscheinlich kennen alle diese Werbung für das bekannte Schweizer Hustenbonbon, wo gefragt wird: „Wer hätt’s erfunden?“ – Genauso könnte man in Perugia fragen: „Wer hat’s gegründet?!“ – Und selbstverständlich lautet die Antwort: „Die Etrusker und zwar im 6. Jhd v. Chr.“ Und selbstverständlich wurde die Stadt von den Römern später erobert und zerstört – danach wieder aufgebaut, und zwar prächtiger als zuvor – und wieder zerstört – und so weiter … Kriege und Fehden ziehen sich durch die gesamte Stadtgeschichte: guelfische Kaufleute stellten sich und ihre Heimatstadt unter den Schutz der Kirche, die gegen den staufischen Kaiser kämpfte. Manchmal war es aber auch gerade andersherum – und während die Politik verwirrende Wege ging, suchten findige Bürger und Händler abwechselnd Schlupflöcher und Schutzschilde und machten Perugia im 13. Jahrhundert zu einer blühenden Handelsmetropole. All dies lässt sich an den Prachtbauten in der Altstadt auch ohne großes historisches Hintergrundwissen erkennen. Hier ein kleiner Stadtrundgang:
Die zwei Wappentiere Perugias finden sich im Museum und als Repliken an der Fassade des Rathauses: Der Löwe als Wahrzeichen der guelfischen Kaufleute und der Greif als Wahrzeichen der Stadt Perugia.
Bekannteste Reliquie ist der sogenannte „Heilige Ring“ – angeblich der Verlobungsring der Muttergottes.
Joachim läuft jedoch in eine höchst irdische Verlobungsfeier hinein. An der Fontana Maggiore – einem der schönsten mittelalterlichen Brunnen Italiens – feiert eine ausgelassene Festgesellschaft einen Junggesellinnenabschied und Joachim wird unter großem Hallo in die feuchtfröhliche Runde integriert.
Nachdem er sich mit Sekt und Bonboncini gestärkt hatte, verlässt er diese freundliche Stadt und machte sich auf eine rasante Abfahrt. Aber das ist eine andere Geschichte.
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Und wie immer gibt es zum Abschluss ein Rezept aus der Region. Umbrien hat zwar keinen direkten Zugang zum Meer, ist aber eine der wasserreichsten Regionen Italiens. Und so kocht man hier „Tegamacchio“, eine Fischsuppe, die nur aus Süßwasserfischen zubereitet wird. Angeblich sollen die Menschen in Umbrien sehr abergläubisch sein und magische Ritale seien auch beim Kochen gang und gäbe. Davon kann ich nichts berichten, aber bei einem Rezept aus Umbrien kommt es offenbar auch auf die genaue Anzahl der Zutaten an – sonst wirkt die Magie nicht. Also: nichts weglassen und nichts hinzufügen 😉
Hier ist die Zutatenliste für 4 Personen – eine Schritt- für Schritt-Anleitung findet sich hier:
2 Stangen Staudensellerie (ca. 125 g)
½ Fenchelknolle (ca. 150 g)
2 Zwiebeln
5 Knoblauchzehen
½ Bund Petersilie
2 Esslöffel Olivenöl
200 ml trockener Weißwein (oder Brühe)
800 g gehackte Tomaten (Dose)
4 Scheiben Krustenbrot
800 g gemischtes Fischfilet von Süßwasserfischen, z.B. Zander, Forelle, Saibling, Wels
Pfeffer und Salz
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Und wer auch bei unserer nächsten großen Radreise im September 2017 mit dabei sein will, klickt hier:

[1] „Ginestre“ heißt übersetzt „Ginster“ – ein sehr empfehlenswerter und ruhiger Campinglatz, von dem aus verschiedene Ziele in der Toskana gut erreichbar sind. Das Restaurant am Campingplatz bietet leckere regionale Küche. Hier ist die Homepage (ich liebe dieses witzige Deutsch 😉 ): http://www.campingleginestre.it/dehome.htm
[2] Einziger Campingplatz in der Nähe Perugias: http://www.ilrocolo.it/ Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, kein Problem, denn am Lago Trasimeno gibt es zahlreiche weitere Campingplätze.



















