
Wenn die Schulen wieder öffnen, sollten überall Kronleuchter erstrahlen – warum und wie ich das meine, steht in diesem Beitrag den ich an einem Freitag, Ende Januar 2021 begann – kurz vor der geplanten Wiedereröffnung der Schulen nach dem Corona-Lockdown. Am Ende des Textes findet ihr ein kurzes Update (Stand 2022) mit ebenso interessanten wie bedrückenden Ergebnissen – die nicht nur der Pandemie geschuldet sind.
Schulöffnung mal anders – Versuch einer historischen Einordnung
Aber vielleicht kann man den Begriff „Schulöffnung“ auch anders betrachten? Dazu muss ich etwas ausholen. Erster Exkurs: Meine Eltern gehören zu der Generation, deren Schullaufbahn durch den Weltkrieg stark beeinträchtigt wurde. Einquartierungen, Bombenkrieg, Flucht, Krankheit und Nachkriegsnot mit Kinderarbeit auf dem Feld und tagelangen Hamsterfahrten prägten eine Bildungskarriere, die vor allem durch eins glänzte: Lücken, Fehlzeiten und Notlösungen. Sie erzählten immer wieder, wie es damals war: Erwachsene hatten kaum Zeit, sich adäquat um die Kinder zu kümmern, Klassen waren überfüllt, oft konnte man die Räume kaum heizen. Lehrer schrien und schlugen, Drill und Auswendiglernen waren wichtiger als eigenes Denken. Man schrieb auf die Ränder von Zeitungsseiten, da es keine Hefte gab; auch Bücher waren Mangelware. Dennoch ist diese Generation nicht kollektiv verblödet, nein im Gegenteil: sie schaffte einen beispiellosen Aufschwung unserer Gesellschaft. Wie konnte das gelingen?
Nachholbedarf
Zweiter Exkurs: Vor einiger Zeit fand ich auf einem Dachboden einen Stapel alter Magazine aus den fünfziger und sechziger Jahren. Seitenweise waren dort die Annoncen für Fernlehrgänge abgedruckt: Vom einfachen Schulabschluss, über handwerkliche und Büroberufe bis zum Universitätsabschluss waren alle Bildungsniveaus und beruflichen Sparten vertreten. Der Nachholbedarf der Kriegskindergeneration war enorm und bahnte einer regelrechten Bildungsindustrie den Weg. Das Wort Bildungsbürgertum, das ja oft abfällig verwendet wird, erhält vor diesem Hintergrund eine ganz andere, vitalisierende Bedeutung. Auch ich kann mich noch lebhaft an die hellblauen Lernhefte diverser beruflicher Aufbaukurse erinnern, mit denen mein Vater abends am Küchentisch lernte – und die er zu meinem Leidwesen später benutzte, um mir Bruchrechnen und andere mathematische Geheimnisse näherzubringen (es hat nur leidlich funktioniert …). Selbst meine Mutter, durch Kinder und traditionelles Frauenbild gehandicapt, schaffte mit etwa vierzig Jahren eine berufliche Weiterbildung, die ihr mehr Unabhängigkeit ermöglichte.
Bildungsoffensive
Auch nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine ähnliche Bildungsoffensive: Volkshochschulen (bzw. ihre Vorläufer) kannte man schon zu Ende des 19. Jahrhunderts, aber ihr wirklicher Aufschwung begann ab 1918, als sie den Zugang zur Bildung für die breiten Schichten der Bevölkerung ermöglichten. Was sind all diese Beispiele anderes als eine – ja richtig: Schulöffnung! Und hier schließt sich der Kreis: Wenn die Coronakrise als so tiefgreifender gesellschaftlicher Einschnitt empfunden wird, dass manche den Vergleich mit einem Krieg wagen, lohnt vielleicht der Blick auf Konzepte, die schon damals geholfen haben. Wobei wir diesmal ungleich bessere Ausgangsbedingungen vorfinden – was platte Ausreden als das enttarnt, was sie sind: Mangelnder Wille und heiße Luft!
Geöffnete Schulkonzepte – beispielhaft!
Wie oft haben wir das Schlagwort vom „lebenslangen Lernen“ schon gehört. Jetzt ist die richtige Zeit, es mit Leben zu erfüllen! Hier ein paar Anregungen von Pionieren auf dem Bildungssektor:
- Die manchmal als altbacken belächelten Volkshochschulen haben sich seit 1918 ständig weiterentwickelt und die Pandemiezeiten erstaunlich gut bewältigt. Viele Angebote sind mittlerweile digital abrufbar und bundesweit erzielten die Kurse während der Coronazeit tatsächlich Zuwachsraten, obwohl Präsenzunterricht oft nicht möglich war.
- Im Januar 2021 eröffnete an der TU München das erste deutsche Universitätsinstitut für Life Long Learning. Das Angebot richtet sich allerdings eher an eine akademische Klientel und an Führungskräfte.
- Eine Bildungsetage tiefer angesiedelt, ist das Angebot einer webbasierten Individualschule (in privater Trägerschaft). Diesen Schultyp gibt es seit 2002 genau ein einziges Mal in ganz Deutschland und die Angebote richten sich an Kinder und Jugendliche, die aus den unterschiedlichsten Gründen aus der Schulpflicht entlassen wurden. Das kann eine chronische Erkrankung sein, ein einschneidendes Lebensereignis oder eine Schulphobie. Im 1:1-Mentoring wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch soziale Kompetenz und Selbstbewusstsein. Die Abschlussprüfungen werden dann an regulären Schulen abgelegt, damit sie auch staatlich anerkannt sind. Dafür gibt es ein Netz an kompetenten Partnerschulen. Die Lehrkräfte sind übrigens in den seltensten Fällen reine FachlehrerInnen, sondern haben meist eine sozialpädagogische Qualifikation. Das Wissen bis zum Realschulabschluss habe sie sich selbst erarbeitet, sagt eine Lehrerin im Interview und setzt hinzu: „Das sollte doch möglich sein, oder?“
Viel schwieriger ist es jedoch, diese Kinder zu motivieren und im Lernprozess zu halten. Abfällig werden sie oft als „Schulverweigerer“ und „Schwänzer“ bezeichnet oder gleich komplett disqualifiziert als „nicht die hellste Kerze auf dem Leuchter“. Aus meiner eigenen Arbeit in einer Suchtberatungsstelle weiß ich, wie demotivierend solche Abwertungen wirken – sie müssen noch nicht einmal direkt ausgesprochen werden; auch wenn man sie hinter vorgehaltener Hand flüstert, erreichen sie die betreffenden Kinder und Jugendlichen und können in Sekunden die mühsame Aufbauarbeit von Monaten zerstören.
- Das Team der Time Out School (TOS) in Singen am Hohentwiel kann davon sicher ein Lied singen. Auch dieses wegweisende Projekt gesellschaftlicher Solidarität möchte ich erwähnen – einerseits, weil es direkt vor meiner Haustür liegt, andererseits, weil es eine einzigartige Einrichtung ist, die Jugendlichen eine Auszeit von der Schule gewährt und gleichzeitig sicherstellt, dass sie sich nicht komplett aus dem Lernprozess verabschieden.
Schulöffnung mal anders – keine Einbahnstraße
Wir sollten die Begriffe Schule, Bildung und Lernen im wahrsten Wortsinn „öffnen“ und weiter fassen: Die oben genannten Beispiele geben eine Idee davon, wie es aussehen könnte, wenn Bildung tatsächlich ein Leben lang stattfindet und nicht zur Einbahnstraße wird. Was meine ich damit? Bildung findet gegenseitig statt. Ich habe viele Jahre in der Erwachsenenbildung gearbeitet und bei jedem Kurs selbst immer etwas hinzugelernt. Jugendliche haben zum Beispiel keinerlei Berührungsängste gegenüber der digitalen Welt – wissen aber oft nicht, wie man einen Lebenslauf formatiert oder bei einem Referat Fußnoten einfügt. Von der Begeisterung und Unvoreingenommenheit der Jugendlichen können (wir) Älteren profitieren und bleiben ganz nebenbei auch auf dem Laufenden, was die angesagten Trends angeht, die vielleicht demnächst stilbildend sind. Der „neue heiße Scheiß“ von heute ist vielleicht morgen schon eine unverzichtbare Kulturtechnik – wer weiß? Was formale Kriterien angeht, Didaktik, saubere Recherche und kritische Hinterfragung von Quellen, geht der Lernprozess vielleicht andersherum. Ich schreibe bewusst vielleicht, weil ich mir beim Thema Medienkompetenz in meiner Generation auch nicht so sicher bin, wenn ich die vielen leichtfertig geteilten Fakenews anschaue.
Schulöffnung anders – mit vielfältigen Konzepten
Vielleicht sind die Versäumnisse und Lücken, die Corona sichtbar macht, auch eine Riesenchance? Lehrpläne entrümpeln, Wissensvermittlung lebensnah gestalten, Lerngruppen nicht nach Alter, sondern nach Wissenstand und Interessen – jahrgangsstufenübergreifend. Mentorenprogramme, bei denen sowohl SchülerInnen sich gegenseitig unterstützen als auch Lehrpersonen zur 1:1-Begleitung schwerpunktmäßig eingesetzt werden. Unsere Gesellschaft wird diverser, das muss sich auch in den Lehrplänen widerspiegeln. Ein dunkelhäutiges Mädchen mit Kopftuch und ein Junge im Rollstuhl auf Abbildungen in Schulbüchern sind nicht genug. Aber man muss das Rad nicht neu erfinden. Erprobte Methoden gibt es reichlich und sie sind gut untersucht – auch wenn man dazu manchmal über den nationalen Tellerrand hinausblicken sollte. Man muss es nur wollen und die Schulen dazu befähigen. Und dazu gehört zwingend eine gigantisch verbesserte finanzielle und personelle Ausstattung – und zwar nicht an den Eliteschulen, sondern an den sogenannten Brennpunkten. Eine Bazooka hat an einer Schule nichts verloren – aber ein finanzieller Wumms täte gut. Und zwar auf eine Art, die auch tatsächlich unbürokratisch abrufbar ist.
Schulöffnung anders – mit lebenslanger Bildungsperspektive
Wenn die jetzige Schülergeneration fast bis zum 70. Lebensjahr arbeiten wird, dann dürfen wir ihnen auch ein wenig mehr Lehrzeit zugestehen, oder? Jahrelang drehte sich die Schuldiskussion hauptsächlich um das Thema Beschleunigung. Die erste Fremdsprache bereits im Kindergarten und das Abitur nach 12 Jahren. Schön und gut – für die, die es schaffen. Aber die Universitäten beklagen sich über unreife StudentInnen, die nach dem Bulimie-Prinzip lernen: (Wissen reinstopfen und bei der Prüfung auskotzen). Außerdem geht es nicht nur um die akademischen Bildungswege: Überhaupt einen Schulabschluss zu schaffen, ist für viele schon eine Herausforderung. Wir leisten uns beschämende 20% funktionale AnalphabetInnen in Deutschland. Wenn so viele Menschen nur mit Mühe ihren Namen schreiben und allenfalls Balkenüberschriften entziffern können, wundern wir uns über die Anfälligkeit für Fake, Hass und Hetze? Wie oben geschildert, müssen wir unendlich viele niederschwellige Möglichkeiten schaffen, um auch nach dem Ende der Schulzeit Bildungsangebote aufrechtzuerhalten. Es gibt Klassentreffen, an denen man sentimentale Erinnerungen austauscht. Warum gibt es für Realschulen oder Berufsschulen keine Alumniprogramme – also Netzwerken und berufliche Laufbahnen planen über den Schulabschluss hinaus? Ideen gibt es sicherlich, aber wer sind die MacherInnen, die solche Programme am Leben erhalten? Seien wir ehrlich: Auch hier braucht es finanziellen Wumms.
Land der Dichter und Denker?
Mit gewissem Stolz bezeichnen sich die Deutschen als „Land der Dichter und Denker“ – wobei diese Fähigkeit zur Reflektion im Ausland auch durchaus als Schwäche gesehen wurde (und wird): „Die deutschen Schriftsteller beschäftigen sich nur mit Theorien, mit Gelehrsamkeit, mit literarischen und philosophischen Untersuchungen, und davon war für die Mächtigen dieser Welt nichts zu fürchten.“ (1891, Madame Staël in ihrem Buch D’Allemagne).
Ich könnte mich mit den Begriffen ganz gut anfreunden. Dichter sehen die Welt aus ungewöhnlichen Perspektiven, sind experimentierfreudig und fantasievoll. Das kann nie schaden.
Den Denkern würde ich gern eine Vor-Silbe schenken und ihnen eine gehörige Portion Pragmatismus und Lebensklugheit verpassen: Vor-Denker, die beim Entwickeln ihrer Theorien im Homeoffice ständig von ihren eigenen Kindern gestört, nein: gefordert werden – eine schöne Vorstellung. Auch hier holt uns Corona alle auf den Boden der Tatsachen zurück.
So könnten wir zum Land der Lichter und Vor-Denker werden: Damit alle Kerzen am Leuchter strahlen dürfen und bei uns die Lichter nie ausgehen.
Und wie gings weiter? Update 2022 – Bildungsbericht
Die Pandemie wurde offiziell für beendet erklärt, aber immer noch frieren Schülerinnen und Schüler in Deutschlands Schulen. Diesmal sind es nicht die geöffneten Fenster, um das Virus zu vertreiben, sondern die Heizungen sind wegen der Energiekrise runtergedreht. Ans Frieren hat man sich vielleicht einigermaßen gewöhnt, aber Homeschooling und Unterrichtsausfälle haben tiefe Spuren in Deutschlands Bildungslandschaft hinterlassen. Der aktuelle Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz zeigt massive Rückschritte in Lesekompetenz und Rechtschreibung sowie beim Rechnen. Knapp 20 % der Viertklässler*innen erfüllen nicht die Minimalanforderungen fürs Lesen und Schreiben, beim Rechnen sind es etwa 30 %. Ganz zu schweigen davon, dass wir im europäischen Vergleich in der Digitalisierung beschämend weit zurückliegen, hat sich auch der soziale Bildungsgraben während der Pandemie drastisch vertieft. Das ist nichts Neues. Neu ist auch nicht, dass in unseren Schulklassen Kinder aus anderen Ländern sitzen – viele von ihnen Kriegsflüchtlinge, die noch andere Probleme haben, als „nur“ das Sprachproblem. Im November hatte ich eine Lesereihe an verschiedenen Schulen und konnte mich selbst davon überzeugen, wie viel Mühe sich die Lehrpersonen vor Ort geben – und dass es nicht reicht. Dass man Fachpersonal bräuchte, viel mehr Sprachunterricht, viel mehr Schulsozialarbeit. Aber das ist nicht in Sicht – und so werden die Kinder, die nichts verstehen, einfach irgendwie „mitgezogen“. Manchmal gelingts – viel öfter aber nicht. Das ist frustrierend für alle Beteiligten.
Homeschooling extrem – die übersehene Gefahr
Im Dezember 2022 berichtete der STERN über illegale Schulen von Neonazis, Querdenkern und Reichsbürgern. Kinder werden dort indoktriniert und Antisemitismus steht auf dem Stundenplan. Eigentlich naheliegend, dass diese Szene die Pandemiezeit nutzte, um eigene „Bildungs“strukturen zu verfestigen und auszubauen. Vielleicht schaut man ja nach der Reichsbürger-Razzia mal auch dort etwas genauer hin. Wünschenswert wäre es – bislang interessierte es kaum jemanden.
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