Gespräch mit zwei Experten für gutes Leben in der Stadt

Das „Rote Wien“ ist Geschichte. Zwischen den beiden Weltkriegen krempelte die damalige Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) die k. u. k.-Metropole der Sissi-Zeit gehörig um und investierte in Gemeindebauten und bezahlbaren Wohnraum. Das ist lange her und mittlerweile ist es nicht mehr allzu sexy bei den „Roten“ zu sein, aber immer noch ist Wien eine der Hochburgen europäischer Sozialdemokratie. Was ist von der damaligen städetplanerischen Ideenwerkstatt geblieben? Wie geht es weiter? Was inspiriert uns auch heute noch?
Um ein paar dieser Fragen zu beantworten, treffe ich mich vor dem Burgtheater mit zwei gestandenen SPÖ-Mitgliedern: Armin Hanschitz und Herbert Wagner sind Bezirksräte. Als Initiator der radfreunde.at kommt Armin standesgemäß mit dem Fahrrad und Herbert als Vorstandsmitglied der Naturfreunde passenderweise zu Fuß. Wir finden einen schattigen Innenhof mit Restaurantbetrieb und noch bevor der Kaffee auf dem Tisch steht, erhalten wir die erste Lektion im „Wiener Schmäh“: Von wegen Ehrfurcht vor den Errungenschaften des Roten Wien – „gewachsene Strukturen“, das heißt ja auch oft „verkrustete Strukturen“, werden wir belehrt – und vor dem, was wir in Deutschland Filz nennen, ist auch die altehrwürdige Sozialdemokratie nicht gefeit.
Dann kommt der Kaffee, wobei der hier „großer Brauner“ heißt – ganz unabhängig von der politischen Gesinnung. Mit vom Koffein stimulierten Synapsen schmäht es sich noch mal so schön und so erfahren wir als Erstes: Österreich ist europäische Spitze – nämlich Spitzenreiter im Flächenfraß. 12,9 Hektar – also knapp 21 Fußballfelder – werden täglich in der Alpenrepublik versiegelt und zubetoniert. Mittlerweile sinkt der Bodenverbrauch – aber viel zu langsam, wie unsere Gesprächspartner übereinstimmend anmerken. Die Zersiedelung schreitet immer noch voran – und die neuen Wohngebiete haben Zugangsstraßen und Supermärkte im Schlepptau . „Wir haben die höchste Dichte an Einkaufszentren europaweit, merkt Armin an. „Raumplanung ist Sache der Kommunen und da handelt jeder Bürgermeister halt eigennützig – oder doch eher kurzsichtig? Denn wem, bittschön, ist mit Leerstand und Ladensterben in wunderschön restaurierten Ortskernen geholfen?“ – Herbert ergänzt konsumkritisch: „Leben wir nicht in einer Zeit der Maßlosigkeit? Großproduzenten breiten sich auf der grünen Wiese immer stärker aus – auch aus dem Blickwinkel von Naturschutz und Artenvielfalt ist das eine Katastrophe. Aber ganz abgesehen von der Ökologie: Kleine Gewerbe- und Handwerksbetriebe werden dadurch vernichtet. Indem wir regional überzogenes Wachstum begrenzen, unterstützen wir das Gewerbe vor Ort viel nachhaltiger.“ Generell sieht Herbert die zunehmende Stadtflucht und den damit verbundenen „Braindrain“ aufs Land kritisch: „Der ökologische Fußabdruck von Stadtbewohnern ist viel geringer als der auf dem Land“, merkt er an. In Deutschland beträgt der Urbanisierungsgrad satte 77 % – in Österreich dagegen nur knapp 59 %. Da ist noch Luft nach oben.
Begreiflicherweise tue ich mich bei diesem Denkansatz etwas schwer: Als überzeugte Statdtpflanze brauchte ich einige Zeit, um zum Landei zu konvertieren und genieße mittlerweile die freie Natur und meinen Garten mit selbstgezogenem Gemüse. Mein Lebensstil ist also doch nicht so nachhaltig und grün, wie ich immer dachte? Was erst einmal befremdlich klingt, wird bei genauerem Hinsehen plausibel: Verdichtung bringt effizientere Nutzung von Strukturen. Das erstreckt sich von der Energieversorgung über Mobilität bis hin zu Wohnen und Freizeit. Was macht Österreich anders – und was ist so besonders an Wien? Immerhin belegt Wien seit vielen Jahren im Ranking der lebenswertesten Städte immer wieder die Top-Plätze. Irgendetwas muss hier also gewaltig richtig laufen.
Stichwort Energie
65% des Energiebedarfs gewinnt Österreich aus Wasserkraft. Der Vergleich mit Deutschland ist schwierig, da es große regionale Unterschiede gibt (in der Voralpenregion kann zum Beispiel das Gefälle genutzt werden, was in Norddeutschland nicht gegeben ist). Die meisten Wasserkraftwerke Österreichs liegen an der Donau. Deshalb haben wir auch den Gedanken an eine Flaschenpost längst aufgegeben: Ursprünglich wollten wir nämlich ganz romantisch eine Flasche von einer der Wiener Stadtbrücken aus auf die Reise schicken – aber „Das kannst du knicken“, werde ich belehrt. „Die Flasche würde im ersten Wasserkraftwerk stromabwärts geschreddert.“ „Genauso wie die Fische?“, vermute ich, werde aber eines Besseren belehrt. Herbert ist u.a. zuständig für Werksführungen in den Kraftwerken an der österreichischen Donau und weist den hässlichen Begriff „Fischhäcksler“ mit aller Vehemenz zurück: „Die Fische sind intelligent genug, um zu wissen, dass die Turbinen nicht gut für sie sind, das spüren sie bzw. sagt ihnen ihr Instinkt. Sie meiden sie entweder, weil ihnen der Lärm der Turbinen nicht behagt, oder, weil ihnen die Fließgeschwindigkeit des Wassers im Nahbereich der Turbinen zu hoch ist, den Grund wissen die Ichtologen auch nicht so genau, aber die Turbinen sind KEIN Massengrab. Auch die Fischwanderung an der Donau ist wegen der Kraftwerke nicht unterbunden, Untersuchungen zeigen, dass Fische ebenso auch die Schiffsschleusen nutzen; nichtsdestotrotz werden seit mehr als zwei Jahrzehnten alle Donaukraftwerke mit Fischwanderhilfen ausgestattet, die oft artenreicher als die Donau selbst sind. Klingt sonderbar, liegt aber an der Tatsache, dass viele negative Auswirkungen, die den Donaukraftwerken angelastet werden in Wahrheit Folgen der großen Donauregulierung des 19. Jahrhunderts sind, die zu einer Verödung der Donau geführt hat; vielfach wurde beim Bau der Donaukraftwerke sogar versucht, die negativen Folgen der großen Donauregulierung ein wenig wieder zu reparieren.“
Armin nennt ein paar technische Fakten zum Wasserkraftwerk Altenwörth bei Krems, an dem wir am Vortag vorbeikamen: Es ist das leistungsstärkste Wasserkraftwerk Österreichs und liefert ca. zwei Milliarden KWh pro Jahr. Wir rechnen mal nach. Im Schnitt braucht ein deutscher Haushalt 1.800 KWh jährlich. Das bedeutet, das dieses Kraftwerk den privaten Verbrauch einer Millionenstadt abdeckt. Auch die österreichische Bundesbahn fährt inzwischen mit 100 % Wasserkraft. Das schafft die Deutsche Bahn bislang nur im Fernverkehr, fährt aber mit 57 % grünem Strom zumindest in die richtige Richtung (übrigens gehört auch Strom aus der Donau zum Deutsche-Bahn Energiemix).
Bei all diesen Erfolgsstories schwingt dennoch ein wenig Misstrauen mit. „Kann man den Angaben der Konzerne tatsächlich trauen?“ Allerdings gab es für Umweltschützer am Vortag etwas zu feiern: Das Kohlekraftwerk Dürnrohr wurde exakt an dem Tag abgeschaltet, an dem wir dort vorbeifuhren – wenn das mal kein Zufall ist 😉

Zwar keine Flaschenpost, aber dafür ein Regenbogen auf der Brücke über den Donaukanal
Stichwort Mobilität
Aber wohin verschwindet eigentlich der viele saubere Strom? Etwa in E-Autos? Armin grantelt: „Die Netze in Österreich sind überhaupt nicht ausgelegt für flächendeckende E-Mobilität“ und Herbert ergänzt: „Außerdem ist so ein Auto in der Stadt unnötig – das ist sowieso nur ein Statussymbol und sonst nix.“ Es ist deutlich spürbar, dass die beiden keine Fans des Autoverkehrs sind und sie geben auch offen zu, dass ums Auto ein echter Kulturkampf geführt wird. Aber das kennen wir auch aus Deutschland. „Autofahren ist in Wien das Vergnügen einer Minderheit“, stellt Armin fest und wir vergleichen wieder mal ein paar Zahlen: In Wien kommen 350 Autos auf 1000 Einwohner. Von den deutschen Städten ist da nur Berlin mit ähnlich niedrigen Werten vergleichbar. Und wen wundert’s: in ländlichen Regionen wird mehr Auto gefahren. Spitzenreiter bei den deutschen Städten ist übrigens Wolfsburg: Dort gibt es mehr Autos als Einwohner!
Aber wie sieht es denn in Wien ganz praktisch aus mit dem Radfahren? Wir haben uns an schönen Radwegen erfreut und den dichten Autoverkehr zur Kenntnis genommen (die Minderheiten sind offensichtlich viel unterwegs …). Wien ist eine Behördenstadt mit vielen Beamten. Da sind doch Dienstfahrräder sicher Standard? Aber: „No way!“ Armin klärt uns auf, dass eher für eine Raucherecke ein paar Zehntausender lockergemacht würden als für eine zweite Dusche. „Dabei sind es doch die Kleinigkeiten, welche die Leute im Alltag vom Radfahren abhalten …“ Aber auch die Radfahrer haben mittlerweile eine Lobby: ARGUS setzt sich seit 2009 für Radfahrer ein und es gibt nicht nur die Kilometer-Sammelaktion „Österreich radelt“, sondern es werden die Rechte der RadfahrerInnen gestärkt und Eckpunkte für fahrradfreundliche Betriebe erarbeitet: Umkleiden, Duschen und regensichere Fahrradboxen gehören zur Grundausstattung. Ganz neu ist ein Förderprogramm der Stadt Wien für Betriebe, die Lastenfahrräder einsetzen. Allerdings wird der Dienstkilometer auf dem Fahrrad immer noch deutlich geringer vergütet als der mit dem Auto.
In Wien sind lediglich 7 % der Verkehrsmittel in der Stadt Fahrräder. Der Grund ist erfreulich: Der öffentliche Personennahverkehr ist extrem gut aufgestellt und wird gern genutzt. Und so war es nicht etwa der Ruf nach Straßenbeleuchtung oder elektrischem Licht für Privathaushalte, der im 19. Jahrhundert zur Elektrifizierung von Wien führte, sondern der öffentliche Personennahverkehr: Die ersten O-Busse fuhren ab 1881, strombetriebene Züge wurden schon damals bis 120 km/h schnell. Der Ausbau der Tram- und U-Bahnlinien folgte.

Die Fiaker fahren immer biologisch 
Quelle Tram-Museum Wien
Und jetzt? Liegt die Zukunft der Elektromobilität bei diesen kleinen Rollern, die nach Gebrauch achtlos am Straßenrand stehen- und liegengelassen werden? Oder doch beim E-Auto? Unsere Gesprächspartner sind weder vom einen noch vom anderen überzeugt. E-Roller sind vermutlich nur ein vorübergehendes Phänomen – und Elektroautos weder in der Herstellung noch im Betrieb nachhaltig und sozialverträglich. „Zumindest in der Stadt geht es doch im Prinzip immer um den letzten Kilometer“, fasst Armin zusammen. „Und da sind Sharing-Angebote langfristig gesehen viel besser, als dass sich jeder ein eigenes Auto in die Garage stellt. Daraus ergibt sich auch ganz logisch die nächste Forderung: Notwendige Flächen (z.B. für Radwege) sollten dem motorisierten Verkehr „weggenommen“ werden und nicht den Fußgängern.“
Inzwischen ist der Kaffee getrunken und wir stärken uns mit belegten Broten, um uns fit zu machen für das nächste Thema:
Stichwort Wohnen
Wie in deutschen Großstädten ist auch der Wohnungsmarkt in Wien zwar extrem angespannt, allerdings viel weniger privatisiert. In der österreichischen Hauptstadt lebt etwa die Hälfte der Bevölkerung in öffentlich geförderten Wohnungen: 1 Million Menschen. Der wichtigste Unterschied zu Deutschland ist, dass Österreich mehr Geld in die „Objektförderung“ (sprich Wohnungsbau) steckt, statt in die „Subjektförderung“ (Direktzahlungen an Bürger). Während es allein in Wien etwa 220.000 öffentlich geförderte Wohnungen gibt, bietet Deutschland ca. 1,3 Millionen – für die gesamte Republik. Tendenz sinkend.
Deutschland schüttet dafür insgesamt 50 Milliarden an Subjektförderung (wie z.B. Wohn- und Baukindergeld) aus. „Das hört sich nach viel an, aber eigentlich wird es ja doch nur durchgereicht an Hedgefonds“, wie Armin trocken bemerkt.
Und noch eins ist interessant: Beim geförderten Wohnraum gibt es mehrere Kategorien der Mietobergrenzen. „Insgesamt ist der Mix entscheidend“, erklärt Armin. „Mietwohnungen, Gewerbe und unterschiedliche Milieus sollten miteinander kombiniert werden, um eine möglichst gute Durchmischung der Wohnquartiere zu erreichen und der Ghettobildung vorzubeugen.“ Wenn bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschritten werden, kann man sich in eine Genossenschaft einkaufen – mit einem Anteil zwischen 5. 000 und 80.000 €. Die Genossenschaftswohnung (oder Gemeindewohnung) ist also eine gute Alternative für diejenigen, die sich eine Eigentumswohnung nicht leisten können, aber trotzdem langfristig planen. Für kleinere Einkommen gibt es das SMART-Wohnungsprogramm bzw. supergeförderten Wohnraum, wo der Quadratmeter nicht mehr als 7,50 € kostet. Schöne neue Wohnwelt? „Nicht ganz“, gibt Armin zu. Es müsste viel mehr gebaut werden.“ Er nennt verschiedene Stadtviertel, wo Neubauvorhaben auf dem Weg sind. „Aber die Baukosten steigen exorbitant und die Baufirmen erpressen die Gemeinden regelrecht.“
Ein weiteres Problem, von dem ich später lese, ist der Leerstand. Nicht alle Gemeindewohnungen werden nach dem Auszug des vorherigen Mieters schnell wieder vergeben. Hier hagelt es Kritik und der böse Spruch machte die Runde, dass Wien nicht in der Lage sei, die eigenen Gemeindewohnungen zu managen.
So hängt also wieder mal alles mit allem zusammen: Architektur und Ökonomie beeinflussen die Umwelt und das Freizeitverhalten und damit die soziale Nachhaltigkeit. Nach dem langen Gespräch brummt mir ein bisschen der Kopf. Was überwiegt eigentlich, frage ich: Der Frust über Rückschläge und komplizierte Prozesse – oder die Lust anzupacken?
„Es gibt halt niemals nur den einen, einzig richtigen Weg“, antwortet Armin. „Wenn man das ganze als Prozess sieht und lernt, systemisch zu denken, dann überwiegt aber ganz eindeutig die Lust am Gestalten.“
Und Herbert ergänzt: „Genau deswegen – weil nämlich alles mit allem zusammenhängt, sollten wir generell viel stärker unser Konsumverhalten hinterfragen. Mein Plädoyer: Raus aus dem Hamsterrad! Wie viel Umwelt wird zerstört, weil wir uns kaputtarbeiten, nur um uns die Dinge leisten zu können, die lediglich eine Kompensation dafür sind, dass wir mit unserer Lebens- und Arbeitssituation unzufrieden sind. Ein wirklich zerstörerischer Kreislauf!“
Das ist ein schöner Schlusssatz finden wir und nehmen es wörtlich: Raus aus dem Hamsterrad der Theorie und rein ins pralle Stadtleben. Mit Herbert entdecken wir gemeinsam das etwas andere Wien. Impressionen unserer Urban-Hiking-Tour findet ihr in Kürze auf meinem Radreise-Blog. https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/category/reisen-auf-zwei-raedern/
Hier ein paar weiterführende Quellen zu Stichworten, die im Text genannt werden:
Ranking und Auswahlkriterien für lebenswerte Städte: https://www.vienna-unwrapped.com/de/wien-lebenswerte-stadt/
Grad der Urbanisierung in Deutschland: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/662560/umfrage/urbanisierung-in-deutschland/
Grad der Urbanisierung in Österreich: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/217716/umfrage/urbanisierung-in-oesterreich/
Zum Thema Flächenfraß (Artikel vom August 2018): https://www.sn.at/panorama/wissen/bodenverbrauch-in-europa-oesterreich-fuehrt-die-liste-an-39137911
Autodichte in der EU (ohne Österreich): https://www.mdr.de/wissen/mensch-alltag/autos-pro-einwohner-100.html
Zur Fahrzeugdichte in den EU-Staaten im Vergleich zu Österreich: https://www.news.at/a/oesterreich-pkw-eu-schnitt-pro-1000-einwohner-511-fahrzeuge-165040
Fahrzeugdichte deutsche Städte: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/429377/umfrage/fahrzeugdichte-in-deutschen-grossstaedten/
Stromzusammensetzung Deutsche Bahn: https://inside.bahn.de/bahn-umwelt-gruen/
Zur Nutzung der Wasserkraft in Deutschland: https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/fluesse/nutzung-belastungen/nutzung-von-fluessen-wasserkraft#wasserkraft-und-klimawandel


