10/04 2020

Vom Geben und Nehmen: Nachhaltiger Tourismus in Serbien

Dieses Gespräch führten wir mit Vladan Kreckovic vom Danube Competence Center im Sommer 2019. Das Danube Competence Center wurde 2011 mit Unterstützung der GTZ* gegründet. Wegen herausragender Ergebnisse wurde die Finanzierung bis 2017 verlängert und danach von der EU weitergeführt. Das Zentrum beschäftigt sechs MitarbeiterInnen. Zur Finanzierung einzelner Projekte steht ein „Topf“ an Fördergeldern bereit, der jedes Jahr neu verteilt wird. Die größten Geber für diesen Fördertopf stammen aus Deutschland, aber auch nationale serbische Fördermittel landen dort. Außerdem zahlen Hotels und andere serbische Tourismusunternehmen kleinere Beträge. Das Volumen im Fördertopf belief sich 2019 auf knapp 15.000 €. Der Aufbau von „Schwesterunternehmen“ in Rumänien und Bulgarien hat leider nicht funktioniert. Hier ist noch viel Aufbauarbeit zu leisten.

*) Gesellschaft für technische Zusammenarbeit; seit 2011 GIZ: Gesellschaft für Internatinale Zusammenarbeit

Am Ende dieses Textes findet ihr einige hilfreiche Links und Hinweise zur Organisation einer Radreise bzw. zum Fahrradtransport zwischen Belgrad und Nationalpark Đerdap.

Wir treffen uns mit Vladan, um über nachhaltigen Tourismus in der Donauregion zu sprechen – vor allem mit Blick auf den Fahrradtourismus. Natürlich erhoffen wir uns auch konkrete Tipps für die Weiterfahrt. Einer kommt rasch: „Bleibt auf der serbischen Seite, die ist sicherer – auf der rumänischen Seite rollt der gesamte Schwerlastverkehr via Türkei.“ Wir werden in den nächsten Tagen noch oft an diesen Ratschlag denken: Wenn wir über den schlechten Straßenzustand in Serbien schimpfen, geht der Blick regelmäßig zum gegenüberliegenden Ufer, wo die mörderische Blechlawine rollt.

Unsere erste Frage gilt den tollen Fahrrad-Wegweisern, die uns in Serbien sofort aufgefallen sind. Ganz oft haben sie unten einen roten Streifen mit einem motivierenden oder nachdenklichen Zitat. Die gesamte Beschilderung geht zurück auf die Initiative eines einzigen Fahrradpioniers: Jovan Erkovic erstellte das Grundgerüst der Fernradwege durch Serbien und montierte innerhalb von 10 Tagen alle Schilder. Diese Beschilderung wurde zum Grundgerüst der Streckenempfehlung auf der App des Eurovelo 6. Mitglieder der European Cycling Organisation evaluieren die Radrouten – alles wird immer wieder abgeradelt und die Hinweise auf der App dann ergänzt und aktualisiert. „Jedes Mal, wenn ihr ein Schild mit rotem Streifen und Zitat seht, denkt an Jovan – diese Schilder hat er alle selbst gesetzt!“, sagt Vladan. „Vor zehn Jahren gab es hier noch keinen einzigen Radweg und auch heute noch gibt es dafür keine staatliche Förderung. Alles wird extern finanziert.“

Joachim erwähnt Mallorca, wo massiv in Fahrrad-Infrastruktur investiert wurde und inzwischen eine ganze Branche vom Fahrradtourismus existiert. „Das kann man natürlich nicht mit der Situation in Serbien vergleichen“, antwortet Vladan. „Aber es tut sich einiges: Besonders in Ost-Serbien ist man viel weiter. Aktuell steckt zum Bespiel die Stadt Novi Sad viel Energie in die Planung neuer Radwege-Infrastruktur.“

Wir erinnern uns an unsere halsbrecherische Ausfahrt aus Novi Sad und schlucken trocken. Nachtrag zum Stand 2020: Nach einer Bedarfsstudie ist die Entwicklung des innerstädtischen Radwegenetzes in Novi Sad nun in der Ausschreibungsphase.

„Wenn wir den gesamten Donauraum betrachten, sind Radwege in Städten aber nur ein kleiner Teil der gesamten Thematik. Die kommen ja hauptsächlich den dort lebenden Menschen zugute.“ Vladan schildert die drei touristischen Schwerpunkte, deren Entwicklung durch das Danube Competence Center unterstützt wird:

  1. Kulturtourismus: seit 2014 wurden in der gesamten Balkanregion38 zertifizierte Kulturrouten eröffnet, zahlreiche davon in Serbien. Der Schwerpunkt liegt hier auf der römischen Kultur, die den Donauraum entscheidend geprägt hat.
  2. Flusskreuzfahrten: die Donau ist ein attraktives Reiseziel und immer häufiger gibt es auch die Kombination von „boat & bike“ – direkt vom Schiff aus werden Fahrradtouren organisiert.
  3. Fahrradtourismus ist aber auch für Individualreisende schwer im Kommen: zwischen Passau und Wien nutzen jährlich um die 680.000 Radler die Fernradwege des Eurovelo 6.

Wir haben ja erst vor Kurzem selbst an dieser Völkerwanderung auf zwei Rädern teilgenommen und erlebt, wie am Wegesrand Hotels, Campingplätze und Restaurants davon profitierten. Hinter Budapest kam der Strom der Radler allerdings schlagartig zum Erliegen. Könnten vororganisierte Ausflüge im Rahmen von bike & boat diese Lücke in Serbien schließen?

Vladan äußert Bedenken: „Diese Touren funktionieren nach dem Hopp-on Hopp-off-Prinzip“, erläutert er. „Die Passagiere werden morgens mit Fahrradtaschen versorgt, in denen der Tagesproviant steckt. Allenfalls gibt es Zwischenhalte in einem Gasthaus, mit dem eine Kooperation besteht. In Serbien gibt es den bösen Spruch: Die Kreuzfahrtschiffe lassen uns nur ihren Müll hier und bringen kein Geld.“

Natürlich stimmt das nicht so ganz: Wenn ein Schiff anlegt, kann man beobachten, wie regionale Zulieferer die Schiffsküche mit Nahrungsmitteln heimischer Produktion versorgen – aber es sei zu wenig, um die kleinen Betriebe in der Region wirklich nachhaltig zu fördern, erfahren wir.

Und dann gibt es noch so einen bösen Spruch über Radtouristen: „Die sind wie Geier!“ So beschreiben Einheimische die Mentalität vieler Radler, billig einzukaufen und sich möglichst selbst zu versorgen. Das macht uns nachdenklich, da auch wir meist selbst kochen. Aber einen Einwand haben wir: „Unterwegs haben wir oft Probleme einen Laden zu finden – und wenn, dann gibt es nur altbackenes Brot und abgepacktes Industriefood. Was wir vermissen, ist frisches Obst und Gemüse und irgendetwas, das zumindest in die Richtung Vollkorn geht … Haferflocken sind in der Regel der kleinste gemeinsame Nenner, aber selbst die gibt es nicht überall. Dafür ist allerdings der Kaffee meist sehr gut und es gibt nachmittags auch immer diese weltbekannte überzuckerte und coffeinhaltige Limonade, so dass wir bis zum nächsten Übernachtungsplatz durchhalten …“

„Das hat was“, gibt Vladan zu. „Die regionale Versorgung mit den Produkten, die ihr vermisst, läuft oft über Märkte und den eigenen Hausgarten.“ Es ist auch immer wieder Thema, wie das Angebot für Durchreisende, wie ihr es seid, verbessert werden könnte. Wenn (Rad)Touristen ganz bewusst lokale Produkte kaufen und sich Zeit nehmen, die lokale Gastronomie zu entdecken, können diese Angebote sich auch entwickeln. Es ist ein Geben und Nehmen – die Infrastruktur muss von beiden Seiten her unterstützt werden: Ein Angebot wird nur dann aufgebaut, wenn auch Nachfrage besteht.“

Gruppenbild – etwas unscharf, aber naja …

Dann spricht er ein generelles Problem an, dass wir auch von unserer Projektarbeit in Bosnien nur zu gut kennen: „Die ehemals sozialistischen Länder kranken auch heute noch daran, dass Eigeninitiative und bürgerliches Engagement oft nur „mit angezogener Handbremse“ stattfinden. Jede*r vergewissert sich zuerst, dass alles möglichst perfekt durchgeplant und von oben abgesegnet ist. So funktioniert Projektarbeit aber nicht. Wenn wir quasi bei Null anfangen, müssen wir Dinge ausprobieren und aus Fehlern lernen. Es bringt auch nichts, Pläne, die anderswo funktionieren, 1:1 auf unsere Situation zu übertragen. Leider ist die Autoritätshörigkeit immer noch stark ausgeprägt, aber ich sehe mich nicht als „Big Boss“, sondern als Motivator und Koordinator von Graswurzelarbeit vor Ort. Ich denke, dass wir nur so wirkliche Nachhaltigkeit erzielen und Projekte lokal dauerhaft verankern können.“

Das klingt sehr schön, aber funktioniert das auch? Ich erinnere mich daran, dass in den Anfangszeiten unserer Projekte in Bosnien Geld von schwarzen Löchern geschluckt wurde, dass Dinge, die wir mühsam aufgebaut hatten (wie z.B. ein Spielplatz) buchstäblich über Nacht verschwanden. „Wir kontrollieren!“ Vladan lächelt. „Wir sind viel unterwegs und kontrollieren vor Ort die Einhaltung aller Standards. Und wenn das nicht funktioniert gibt es Feedback statt immer noch mehr Geld.“ Zu schwarzen Löchern, in denen Geld verschwindet, sagt er nichts. Aber wir werden uns zwei Tage später auf einer serbischen Landstraße wieder begegnen – da ist er auf einer dieser Kontrollfahrten.

Danach besprechen wir vor allem den weiteren Routenverlauf, der spannend wird. Und hier kommen die versprochenen Tipps:


LINKS und TIPPS

Euro Velo 6 App:

Die Euro Velo 6 App kann im Appstore heruntergeladen werden. Bitte vergesst nicht, dass diese App noch in der Entwicklung ist und teilweise Schwächen hat. Sie wird aber immer besser. Mit Euren Feedbacks könnt ihr zur Verbesserung beitragen. Wir haben die App besonders in Bulgarien und Rumänien genutzt, wo die Beschilderung nicht mehr so toll war und sie hat uns bei der Streckenplanung und beim Hilfeschrei „Wo zur Hölle befinde ich mich eigentlich?“ oft unschätzbare Dienste geleistet. Mit ihrer Hilfe fanden wir auch Restaurants und Übernachtungsmöglichkeiten – in Landstrichen fast ohne Wegweiser.

Bustransfer von Belgrad nach Veliko Gradisce: Morgens um 6:00 Uhr fährt ein arriva-Bus mit Fahrradtransport vom zentralen Busbahnhof BAS ab. Vorreservierung ist notwendig! Fahrpläne und Reservierungsmöglichkeiten unter diesem Link: https://www.arriva.com.hr/de-de/internazionale/belgrad Es empfiehlt sich jedoch, das Ticket persönlich am Schalter zu reservieren. Beim Ticketkauf erhaltet ihr einen Jeton, ohne den der Zutritt zum Bus nicht gestattet ist. Bitte macht nicht denselben Fehler wie wir und verschusselt diese Wertmarke 😉

Bei Schwierigkeiten helfen in der Regel auch gern Mitarbeiter des Hotels, in dem ihr wohnt oder man kann das Danube Competence Center kontaktieren.

Transportmöglichkeiten im Nationalpark und zum Eisernen Tor (z.B. Taxi on demand): Touristeninformation Donji Milanovac. Weitere Informationen (z.B. Ausflüge im Nationalpark, die von einem Ranger geführt werden oder Schiffstouren) gibt es im Nationalparkzentrum ebenfalls in Donji Milanovac.

Fahrradshuttle und/oder Gepäcktransfer von Kladovo nach Drobreta Turnu Severin (bulgarische Grenze): Viber Taxi bietet diesen Service. Weitere Informationen auch im Hotel Aquastar in Kladovo.

Noch mehr Texte? Meine Bücher findet ihr hier: www.ulrike-blatter.de

Diese Reise war ein Spendenlauf für unsere Kinderprojekte in Bosnien. Trotz Corona haben wir uns auch 2020 zu einem Spendenlauf entschlossen – diesmal zu Fuß. Alle Infos gibts hier oder unter @HolidayChallenge2020 bei Facebook und Instagram.