03/02 2020

Hanau – oder die Dramaturgie des Dreiecks

Ein Plädoyer gegen Stereotype

Im Fall Hanau scheint die Rollenverteilung klar: Täter ist der Schütze, Opfer sind die getöteten Menschen mit Migrationshintergrund und wer erhält die Rolle des Retters? Ich setze hier mal pauschal „die Mitte der Gesellschaft“ ein – uns alle, die wir politisch und gesellschaftlich versuchen, den Laden in unserem Lande zusammenzuhalten.

Braucht die Mitte der Gesellschaft Therapie?

Das ist jetzt wirklich eine provokante Frage und wir müssen auch nicht kollektiv auf die Therapeutencouch 😉 Aber schauen wir uns doch mal an, was in einer Therapie mit stereotypen Rollenzuschreibungen passiert: Im Rahmen eines therapeutischen Prozesses würde man nämlich genau diese Rollenzuschreibung verändern. Probiert es doch einfach mal aus – auch wenn es zugegebenermaßen schwerfällt: Hätten wir den Schützen gefragt, so hätte dieser sich als Opfer stilisiert. In seinem kruden Weltbild wären die „Ausländer“ zweifellos die Täter und wieder bliebe unserer Gesellschaft die Retterrolle – wobei der Schütze von Hanau das gutbürgerliche Lager politisch weit rechts verortete;  so wie die AfD nach der Thüringenwahl sich endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sieht. Unbehaglicher Gedanke, nicht wahr?

Und die nächste Runde spielen wir mit komplett anderen Rollen – einfach mal ausprobieren!

Machen wir eine dritte Runde mit dem Drama-Dreieck: Ausländische MitbürgerInnen als Opfer und der Schütze als Retter – in unseliger Tradition eines Anders Breivik und wie die selbsternannten rechten Rächer sonst noch heißen. Und jetzt wird es ungemütlich: Uns, als Mitte der Gesellschaft bleibt in diesem Fall nur die Rolle der Täter. Nur ein Gedankenspiel? In der Schule lernte ich, dass im Dritten Reich ein ganzes Volk einer Art Massenpsychose und einem „Rassenwahn“ verfallen sei – dass die Deutschen also quasi kollektiv irre wurden und erst nach dem Krieg wieder zur Besinnung kamen.

Die Bühnen, auf denen wir unseren Wahn gestalten

Es gibt viele Bühnen, um einen Wahn zu „gestalten“ – religiös und sexuell betont war zum Beispiel der Hexenwahn, der Zigtausende Frauen in die Folterkeller und auf die Scheiterhaufen brachte. Aber wenn wir hier genau hinschauen, erkennen wir auch hier, dass der Hexen“wahn“ politisch instrumentalisiert war und der Bereicherung einzelner gesellschaftlicher Gruppen diente, die sich an ihre Macht klammerten. Parallelen zur heutigen Situation sind nicht zufällig – die Rahmenbedingungen und Requisiten werden durch einen hemmungslosen Jargon der Fremdenfeindlichkeit gestellt – und es wird sich immer jemand finden, der irre genug ist, rassistische Thesen mit der Waffe in der Hand zu vertreten. Wie nah dran wir mit dieser Vermutung an der Realität sind, zeigen ja die fast schon erschrockenen Aufrufe zur verbalen Mäßigung, die die AfD in den Tagen nach dem Anschlag absonderte. Es wurden auch heftig Krokodilstränen vergossen: Nicht etwa um die in Hanau ermordeten Menschen; nein, es wurde lediglich Zeter und Mordio geschrien, da die Rechtsaußenparteien ausgegrenzt und geächtet würden. Sie konnten einem wirklich leidtun, diese Heuchler, die sich so entsetzlich anstrengen mussten, ihr klammheimliches Grinsen hinter staatsragender Mimik zu verstecken. Es war ein treffliches Beispiel rhetorischer Abgebrühtheit, das uns dort vorgeführt wurde – die Täter stilisieren sich zum Opfer.

Das Drama-Dreieck als Modell

Wenn ich in einer Therapiesitzung zum Spiel mit dem Drama-Dreieck einlud, warf mancher meiner Klienten es irgendwann wutentbrannt zu Boden (einmal sogar aus dem Fenster): Es schien alles nur noch ausweglos – dieses ewige Kreisen in scheinbar festgelegten Rollen. Das soll uns jedoch nicht davon abhalten, es noch einmal zu versuchen: Nehmt doch mal Stift und Papier zur Hand und probiert es aus. Bezeichnet die Ausländer als Retter und so weiter. Ich weiß, es ist eine Zumutung, denn ihr werdet weder Lösung noch Erklärung finden, sondern endlos immer nur im Dreieck herumirren.

Immer nur Drama, Baby? Nein, es gibt einen Ausweg (oder viele)

Warum tun wir das? Vielleicht muss es wehtun, bis wir erkennen, dass die einzigen Lösungen außerhalb des Drama-Dreiecks liegen. Und steckt im Wort Zumutung nicht auch der Mut? Mut, der auf gesellschaftliche Erneuerung und Dialog setzt, der keine Angst vor einer Streitkultur hat und der nicht auf die Pöbler, sondern auch auf die leisen Stimmen hört. Damit wir auf der Bühne unserer Gesellschaft nicht noch mehr Tragödien inszenieren, sondern auch mal zwischendurch ein Happy End. Unsere Gesellschaft bietet genügend Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Noch.