06/16 2020

Regiokrimis – nur für Dorfdeppen?

Letzte Woche besuchte ich bei der Singener Poppele-Zunft die Zunftschüür. Für Leute, die nicht im Südwesten leben: Der Begriff „Zunft“ beschreibt hier keine Handwerkervereinigung, sondern das, was man im Rheinland Karnevalsgesellschaft nennt. Aber Handwerker dürfen mitmachen 😉 Und die „Schüür“ ist tatsächlich eine ehemalige Scheune, dient aber jetzt als Vereinslokal. Alles klar? Mir selbst war jedenfalls einiges unklar und ich kam mit meinem aktuellen Kurzkrimiprojekt nicht so richtig vorwärts. Mir fehlten einige entscheidende Details. Also stieg ich in Begleitung des „Zeugmeisters“ in den zweiten Stock, schaute nachdenklich aus dem Fenster der Dachstube und überlegte, wie man dort einsteigen könnte, ohne sich alle Knochen zu brechen. Für eine Leiter ist es zu hoch und die Hauswand eignet sich nicht zur Fassadenkletterei. So halsbrecherisch kann also die Recherche zu einem Regio-Krimi ablaufen (ganz zu schweigen von einer Verfolgungsjagd durch einen Bannwald oder die Brandschatzung einer Haschplantage und was ich sonst noch auf dem Kerbholz habe).

Regio-Krimis sind mittlerweile eine eigene Sparte und erfreuen sich großer Beliebtheit. Sie werden gern gelesen oder verschenkt, wenn man in der beschriebenen Region wohnt oder dort Urlaub gemacht hat. Oje, dort, wo der Kommissar falsch parkt, habe ich auch schon mal einen Strafzettel bekommen! Dieser raffinierte Mord geschah in einem Jugendstilhaus mit wunderschönen Fenstern und originellen Balkonen? Das Gebäude ist mir noch nie aufgefallen – da muss ich doch direkt mal vorbeischauen! Im Idealfall beginnt dann auf Ermittlers Spuren eine Ortsrallye der etwas anderen Art; mit der Lektüre in der einen und dem Stadtplan in der anderen Hand (oder beidem digital auf dem Smartphone). Andererseits gelten Regio-Krimis oft als hastig zusammengeschriebene Schmalspurlektüre, bei der es weniger um die Handlung, sondern lediglich um den lokalen Wiedererkennungsfaktor geht. Und es gibt sie tatsächlich: die AutorInnen, die ihr Lokalkolorit lediglich mithilfe von Google-Maps, Reiseführern und Stadtplänen kreieren. Bei mir ist es eher andersherum: ich muss zuerst eine Wurzel im Boden haben, damit meine Fantasie Flügel bekommt. Dieser Ort bleibt unter Umständen für die LeserInnen fiktiv – aber ich kenne ihn genau. Als ich meinen Köln-Krimi schrieb, war ich froh, dass ich alte Stadtpläne aus sentimentalen Gründen jahrzehntelang aufbewahrt hatte, da ich mir nun längst geänderte Straßenverläufe ins Gedächtnis zurückrufen konnte. Eine ganz bestimmte Textstelle im Roman „Nur noch das nackte Leben“ konnte ich erst schreiben, nachdem ich zu einer bestimmten Tageszeit an einem ganz bestimmten Ort im ehemaligen KZ Ravensbrück gewesen war. Manchmal werde ich auch zur Chronistin: Mein erster Kurzkrimi spielte im Conti-Hochhaus in Singen, das mittlerweile abgerissen wurde. Und jetzt? Da in Coronazeiten meine Lesungen ausfallen, habe ich mal wieder Zeit für einen regionalen Kurzkrimi. Er wird ziemlich närrisch, so viel kann ich verraten.

Übrigens: Hier könnt Ihr meinen Coronakrimi „SHOOTING“ in voller Länge gratis lesen! Bitterböse – aber zugunsten einer Benefizaktion. Falls Euch die Geschichte gefällt, dann lasst doch bitte ein Like da! Vielleicht schafft sie es dann in einen Kurzgeschichtenband (E-Book), dessen Einnahmen ausschließlich BuchhändlerInnen zugute kommen, die durch die Coronakrise in Not geraten sind. Ich freue mich über Eure Kommentare, wenn Ihr die Geschichte weiter teilt und möglichst viele Menschen auf die tolle Aktion #wirschreibenzuhause aufmerksam macht, die vom Bestsellerautor Sebatian Fitzek ins Leben gerufen wurde.

PS – Ihr müsst euch einmalig hier registrieren, aber das ist unkompliziert und dient lediglich der Kontrolle, dass nicht mehrfach von einer Person abgestimmt wird.

Dieser Beitrag erschien in gekürzter Form als Montagskolumne im Südkurier