
Donaureise Tag 1 – 4: vom Hegau bis nach Ulm
Knapp 300 Kilometer in vier Tagen – das sollte reichen, um sich in die Tour einzugrooven! Jedes Mal, wenn wir eine lange Reise direkt vor der Haustür beginnen, ist es ein seltsames Gefühl, die ersten Tage durch Gebiete zu fahren, die wir sonst von Ausflügen kennen. Donaueschingen – das ist doch quasi um die Ecke! Ja – mit dem Auto oder mit der Bahn, aber mit dem Fahrrad kommen wir ganz schön ins Japsen, als wir uns aus dem „Hegautopf“ nach oben quälen. Trotz Training ist es doch was ganz anderes, mit kiloschwerem Gepäck am Rad unterwegs zu sein! Oben erwartet uns Sven vom Restaurant Hegaublick – ein guter Kumpel Joachims von MiRaGo (Mittwochs-Radgruppe-Gottmadingen). Mit ihm und anderen Freunden hat Joachim schon ich-weiß-nicht-wie viele-tausend Kilometer zwischen Bodensee und Schweiz abgespult. Jetzt sitzen wir mit ihm und seiner Frau gemütlich bei einer Tasse Kaffee zusammen und werfen einen letzten Blick auf die spektakuläre Hegaulandschaft.

Donaueschingen ist unser erstes Etappenziel und diese Nacht verbringen wir komfortabel bei Ralph und Olga. Die beiden haben wir über das Netzwerk „Warm Showers“ kennengelernt. Warmshowers funktioniert wie Couch Surfen für FernradlerInnen. Wir hatten selbst schon Gäste aus Schottland und Polen daheim – und hoffen nun auf Gastfreundschaft unterwegs. Leider wird sich das als trügerische Hoffnung erweisen – doch dazu später. Erst einmal sind wir froh, im Gästebett schlafen zu können und nicht das Zelt aufbauen zu müssen. Olga verwöhnt uns mit einem leckeren Abendessen.
Am nächsten Vormittag gibt es ein offizielles Treffen mit dem Bürgermeister und der Presse an der Donauquelle. Immer noch erscheint die Strecke, die wir vor uns haben, als etwas Irreales – ein gewundener Strich auf einer Karte, vor der wir uns gegenseitig fotografieren.

ein bisschen aneinander festhalten, bevor es losgeht…. 

nur ein Strich in der Landschaft?
Nun haben wir ein kleines Fläschchen mit Quellwasser im Gepäck – die Originalabfüllung beweisen ein paar Algen, die grünlich das Wasser trüben. Hier in Donaueschingen interessiert es niemanden, dass es nicht wirklich die Donau ist, die der Stadt den Namen gab, sondern der Donaubach, der sich später unterirdisch in die Brigach ergießt und sich erst außerhalb der Stadtgrenze mit der Breg zur Donau vereinigt. Jedes Kind kennt hier den Spruch: „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg.“ Dass der Donaubach aber nur einer von insgesamt 22 Zuflüssen ist – geschenkt! Dass der wichtigste Quellfluss eigentlich die Breg ist, die nahe Furtwangen entspringt – egal! Denn die Donau macht hier sowieso, was sie will!
Da erscheint die Figurengruppe über der Donauquelle passend: Sie heißt „Mutter Baar weist der jungen Donau den Weg“. Die junge Donau – dargestellt als reizender Nackedei, lehnt sich an die züchtig verhüllte Mutter (symbolisch für die Schwarzwald-Baar-Region) und kann es kaum erwarten, der strengen Aufsicht zu entkommen.

Wir begleiten sie, aber noch nimmt man ihr die Aufgabe kaum ab, die vor ihr liegt: Als Europas größter Wirtschaftsstrom soll sie Länder verbinden und Grenzen schaffen. An fast jeder Kurve steht eine Hinweistafel, auf der von Bedeutendem die Rede ist. Und die Donau?
Wie ein kleines Kind spielt sie Verstecken: Urplötzlich ist das Flussbett leer. Das nennt sich „Versinkung“ und die Hegauer wissen, wo das Wasser wieder zum Vorschein kommt: an der Aachquelle. Kurz darauf sprudelt die Donau wieder hervor, als sei nichts gewesen. Wie ein Jugendlicher kann sie sich nicht entscheiden, wohin: Zig Arme suchen eigene Wege, um dann doch wieder zusammenzufließen und einen Strom zu bilden – der überraschend seicht ist. Unausgegoren und halbstark ist diese junge Donau. Sie braucht viel Auslauf: Auenlandschaften und Totarme, die sich immer wieder verändern, bilden reizvolle Biotope, wo dieselbe Stelle nie die gleiche ist. Innerhalb von Stunden kann sich dort – je nach Wasserstand – die Landschaft eindrucksvoll verändern.

Diese Wildheit tut der Natur jedoch gut: Im 19. Jahrhundert wurde die Donau begradigt und in ein enges Bett gezwängt, um ihr Ackerland abzuringen. Aber sie rächte sich. Mörderische Hochwasser traumatisierten ganze Landstriche. Heute renaturiert man den Fluss und lässt nicht den Dingen, aber sehr wohl dem Wasser seinen Lauf. Auch uns teilt sich diese Ungebundenheit mit: Wir mäandern mehr als sonst, setzen uns nicht mit Etappenzielen unter Druck, sondern sammeln Eindrücke. Die Landschaftsarchitekten Biber waren überall am Werk. Sie sind aber nicht allein verantwortlich für ganze Reihen abgestorbener Bäume am Ufer: es sind die Reiher, die dort Kolonien angelegt haben und die Brutbäume im wahrsten Sinne des Wortes totgeschissen haben. Totschießen würde so mancher Bauer dagegen wohl gern den Biber, der sich nachts auch mal ausgiebig in den Maisfeldern bedient.
Wir beobachten junge Störche beim Flugunterricht und Falken bei ihren ersten, erfolglosen Jagdversuchen – begleitet von zeternden Helikoptereltern. Auf den Wiesen sehen wir, wie sich Fuchs und Hasen gute Nacht sagen und einmal huscht ein Iltis vorbei.
Bei Beuron biegen wir ab ins spektakuläre Donautal und bewundern die schroffen Kliffe der Kalkfelsen. Eine Autorenkollegin hat uns zum Kaffee eingeladen. Wenn wir gewusst hätten, dass ihr Haus sich an den allerobersten Klippenrand klammert und die Straße dorthin eine mörderische Steigung hat – wir hätten vermutlich auf einem Treffen im Tal bestanden ….
So wird es ziemlich spät, als wir endlich in Sigmaringen ankommen. Müde? Nein, niemals würden wir das zugeben – aber wir haben unsere liebe Mühe mit dem Aufbau des neuen (!) Zeltes, verwechseln lechts und rinks, eine Gaskartusche verzischt laut pfeifend ihren Inhalt und wir fluchen leise vor uns hin – bis endlich die Nudeln auf dem Teller dampfen und eine neue Dose zischt: nämlich die Bierdose.

Hohenzollernschloss Sigmaringen 

da fehlt noch was ….
Und schon am nächsten Abend – auf dem wunderhübschen Naturcampingplatz in der Nähe des Fachwerkstädtchens Riedlingen – sind wir endgültig im Reisemodus angekommen: jeder Handgriff sitzt und selbst ein kurzes Gewitter erschüttert uns nicht. Und ein Abendkonzert gibt’s sogar gratis:
Wir folgen der Donau mal rechts und mal links – eigentlich wollten wir die Brücken zählen, haben aber schon am dritten Tag dieses Vorhaben aufgegeben. Der Radweg begegnet immer wieder der Eisenbahnlinie – die „Schwäb’sche Eisebahn“ ist sprichwörtlich – genauso wie der Dialekt, der nun eindeutig die Schwäbische Alb widerspiegelt.

Brücke … 
Brücke … 
Brücke … 
zur Abwechslung mal Berg statt Brücke … 
sehr witzig 😉 
Schwäbische Eisenbahn

Eine alte Frau erzählt mir lebhaft gestikulierend von den „Blieemla“ im Garten und zeigt mir ein runtergefallenes Schwalbennest: „Die armen Fäägerle!“ Das ist natürlich eine Tragödie – aber trotzdem kann ich mir das Lachen kaum verbeißen und die „armen Fäägerle“ werden zum Running Gag unserer Reise. Egal ob halb verdurstet in Serbien oder in der Pampa Rumäniens – die Erwähnung der Fäägerle treibt uns jedes Mal die Lachtränen in die Augen.
Die heutige Etappe entspricht in großen Teilen dem Verlauf der Deutschen Fachwerkstraße – zwischen Riedlingen und Blaubeuren werden wir architektonisch fündig:

Riedlingen 
Riedlingen 
Schmuck von Palmsonntag 
Blaubeuren 
Blaubeuren 

Blaubeuren 
Blaubeuren
Auf halber Strecke befindet sich bei Munderkingen das Kloster Obermarchtal. Der kleine Abstecher zum ältesten Barockkloster Oberschwabens lohnt sich!


Der absolute Höhepunkt ist der Blautopf, dieser wunderbar gefärbte kleine See, der trotz Besuchermassen nichts von seiner Magie verloren hat:




Kloster Blaubeuren 
Bei Rechtenstein ist jedoch erstmal Schluss mit lustig: Hier ändert sich der Charakter der jungen Donau deutlich, denn dort steht das erste Wasserkraftwerk. Ab jetzt muss die Donau „arbeiten“.


Aufstieg zur Geisterhöhle 
Aber schon in Ulm relativiert sich das: Beim „Nabada“ am Schwörmontag wird die Donau zum Tollhaus: ein schier unübersehbarer Narrenzug treibt johlend, musizierend und mit Wasserspritzen bewaffnet über die Wellen. Und wir? Wir sitzen am Ufer in Neu-Ulm und genießen unsere erste echt bayerische Maß.

Für die Statistik: Die Etappen vom 18. Juli bis 21. Juli 2019
Tag 1: Gottmadingen – Donaueschingen
52 km, 570 Höhenmeter
Tag 2: Donaueschingen – Beuron – Donautal – Sigmaringen
95 km, 440 Höhenmeter
Tag 3: Sigmaringen – Riedlingen
43 km, 100 Höhenmeter
Tag 4: Riedlingen – Ulm
82 km gefahren, 7 Kilometer zu Fuß, 520 Höhenmeter
TOTAL 286 KM
Mit unseren Radreisen sammeln wir Spenden für Kinder in Bosnien. Aktuell packen wir Überlebenspakete für Familien in Bosnien, die durch die Corona-Krise unverschuldet in Not geraten sind. Wenn dir meine Reiseberichte gefallen, freuen wir uns über eine kleine Spende an die Corona-Nothilfe der AWO-Bosnienhilfe – Wir sind gemeinnützig; deshalb erhältst du eine Spendenbescheinigung!










