06/20 2019

Nichts wird wie früher – und das ist gut so

Warum „heil werden“ mehr bedeutet als nur funktionstüchtig zu sein

Vor einiger Zeit bin ich aus der Kirche ausgetreten. Das hat nichts mit meinem christlichen Glauben, aber sehr viel mit dem „Verein“ Kirche (wenn ich das mal so salopp sagen darf) zu tun. Es folgten ein Gespräch mit dem Dekan und mit einer (geweihten römisch-katholischen) Priesterin. Mit beiden Mitmenschen fanden sich in der Sache viele Übereinstimmungen – wir haben lediglich andere Konsequenzen gezogen. Der Dekan bleibt Dekan, und die Priesterin ist nach Kirchenrecht illegal und wurde exkommuniziert, zahlt aber weiter Kirchensteuern.

Gemeinschaft war immer ein starkes Argument für mich, in der Kirche zu bleiben, engagiere ich mich doch seit Jahrzehnten in Projekten in und um die Kirche herum. Und in der Gemeinschaft möchte ich ganz gern auch bleiben. Mein Austritt ist ja keine Absage an den Glauben.

Im Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD (AKC) werde ich nun versuchen, gesellschaftspolitisches Engagement und christliche Grundhaltung zusammenzubringen. Der AKC besteht seit 2008. Neu hat sich ein solcher Kreis nun in der Region Konstanz / Hegau zusammengefunden.  

Was haben wir zu sagen? Im Zweifelsfall viel, denn es sind ein paar ebenso helle wie interessante Köpfe dabei. Aber es sollte nicht in Geschwafel ausarten.

Wem wollen wir etwas sagen? Erst einmal uns selbst, aber wir wollen keine Nabelschau, sondern die Kreise hinein in Partei und Gesellschaft sukzessive erweitern.

Worüber wollen wir etwas sagen? Zum Beispiel über die Verbindung von Christentum mit der Sozialdemokratie. Ach du lieber Gott, klingt das sperrig und überambitioniert! Haben wir denn sonst keine Probleme?

Zugegeben, die Zeiten sind verwirrend: Volksparteien werden bis zur Unkenntlichkeit zerfleddert – und was die Wähler übriglassen, erledigen wir dann flugs selbst, indem wir uns mit Personaldebatten und Grundsatzprogrammen samt permanenter Rückversicherung bei der Basis an den Rand der Handlungsunfähigkeit manövrieren.

Wir können keine Lösungen bieten, wollen aber Gedanken und Impulse beisteuern, die wir in den nächsten Monaten – auch in der Diskussion mit den jeweiligen Ortsvereinen – vertiefen möchten.

Die Sehnsucht nach alter Größe, nach „Heilung“ im übertragenen Sinne ist da. „Alles zurück auf Null“ oder „wieder zurück zur Volkspartei“ sind jedoch Schlagworte, die in die Irre führen. Jeder Arzt kann bestätigen, dass „heil werden“, nicht bedeutet, dass alles so wird wie es vorher war. Mit dem Beginn der Heilung kommt ein Prozess in Gang, an dessen Ende etwas anderes steht – eine Umwandlung (oder Transformationsprozess). Alles andere würde zur Erstarrung führen – auf die Politik bezogen bedeutet das: rückwärtsgewandte Politik, bestenfalls konservativ, schlimmstenfalls reaktionär.

Transformationsprozesse sind also gefragt. Ein sperriger Begriff. Aber wir müssen noch nicht einmal Heilungswunder des Neuen Testamentes bemühen, um etwas von dieser Dynamik zu erfassen. Ein Blick in die neuere Forschung genügt vollkommen.

Ein Schlüsselbegriff ist die „Salutogenese“ (übersetzt: Entstehung von Gesundheit) – nicht ganz zufällig ist eine zweite Übersetzung des Begriffes „salus“ auch „Heil“ im Sinne von Rettung. Der Begriff der Salutogenese hat die Medizin revolutioniert: seit Jahrtausenden erforschten Ärzte immer nur die Ursachen der Krankheit, die „Pathogenese“. Erst seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts konzentrierten sich immer mehr Forscher auf die Schutzfaktoren, die zum Erhalt der Gesundheit oder zur Unterstützung der Heilung beitragen.

Im Zentrum der Betrachtung stehen „Kohärenz“ und „Ressourcen“. Was verstehen wir darunter?

Kohärenz bedeutet ein Gefühl der Stimmigkeit und Zusammengehörigkeit. Probleme sind verstehbar, man kann sie handhaben und alles, was mir widerfährt ergibt (irgendwie) einen Sinn.
Dies gilt – wie wir unschwer erkennen – nicht nur für Individuen, sondern auch für Gesellschaften … und für Parteien.

Kleiner Exkurs: Probleme wie wirtschaftliche Globalisierung, Klimawandel, internationale Konflikte, Digitalisierung, innere Sicherheit und Wertewandel (um nur ein paar Stichworte herauszugreifen) sind echte Herausforderungen. Sie sind mit komplexen Fragestellungen verbunden, und frustriert stellt man fest, dass es auf schwierige Fragen keine einfachen Antworten gibt. Ein diffuses Unbehagen macht sich breit: irgendwie hängt alles mit allem zusammen und so richtig kapieren tut es niemand. Abgesehen von Experten. Wobei hier oft Lobbyisten im Schafspelz auftreten und zur allgemeinen Begriffsverwirrung und zu Interessenskonflikten beitragen. Verstehbarkeit von Problemen? Schwierig. Hier schlägt die große Stunde der Populisten, die Fragen so weit verkürzen, bis man auf alle Fragen eine einzige Antwort hat (wechselweise: die Flüchtlinge, die Klimakatastrophe oder ein anderer Schwarzer Peter je nach Stimmung im Land). Genauso kompliziert stellen sich Sinnfrage und Handhabbarkeit von Problemen dar.

War das früher anders, vielleicht sogar besser?

Ganz klare Antwort: Nein.

Aber mit den neuen Medien und der Digitalisierung haben sich Argumentationsketten verkürzt und Diskussionen beschleunigt. Hinzu kommen eine stärkere Individualisierung und ein spürbarer Zerfall in verschiedene Milieus – die es auch schon immer gegeben hat, die sich aber heute immer lauter zu Wort melden. Bestenfalls wird damit die Meinungsvielfalt verstärkt. Schlimmstenfalls die Hasspropaganda. Aber in jedem Fall wächst die Verwirrung.

Also Internet abschalten und alles stärker regulieren? Das klappt in China doch auch wunderbar. Tschuldigung, das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.

Ich beende meinen Exkurs und kehre zurück zum „heil werden“ und zum zweiten zentralen Begriff der Salutogenese: den Ressourcen. Ressourcen sind Tankstellen, an denen wir „Kraftstoff“ beziehen, der uns stärkt für alle Widrigkeiten des Lebens (und der Politik). Diese Ressourcen machen uns widerstandsfähiger. Forschungen haben gezeigt, dass die seelische Widerstandsfähigkeit gestärkt werden kann – zum Beispiel in Kriegs- und Krisensituationen. Man spricht dann von „Resilienz“ (Widerstandsfähigkeit).

Zu diesem Konzept wurden in den letzten 20 Jahren in diversen Qualitätszirkeln Grundlagen erarbeitet. Wenn die Ressourcen durch „Warnhinweise“ und Grenzen aus der Pathogenese ergänzt werden, ergibt sich ein sehr interessanter Fahrplan zu mehr Gesundheit. Der Blick darauf lohnt sich, denn auch gesamtgesellschaftlich geht es nicht ohne solche Ressourcen. Hier eine Auswahl:

  1. Probleme müssen wahrgenommen und klar benannt werden – aber man soll sich dabei am Gedanken der Kohärenz orientieren (was baut uns auf, was verbindet uns miteinander; Beispiel für einen integrativen Ansatz: Welche Rolle spielen Minderheiten in unserer Gesellschaft; wie schützt man sie, welche Plattformen zur Kommunikation stehen ihnen zur Verfügung).
  2. Ziele und Vorstellungen sollen attraktiv und positiv formuliert werden; man wird aber dennoch nicht vermeiden können, auch Grenzen zu setzen (Beispiel: Meinungsfreiheit vs. aktives Vorgehen gegen Hasspropaganda im Netz).
  3. Aktive Suche nach vorhandenen Ressourcen bei gesellschaftlichen Problemstellungen; dabei Defizite klar benennen (Beispiel: Kommunikation und Diskurs verschiedener gesellschaftlicher Gruppen ermöglichen z.B. durch den vermehrten Einsatz einfacher Sprache und Mehrsprachigkeit).
  4. Sich selbst und die anderen grundsätzlich wertschätzen – sich aber gleichzeitig über eigene Normen im Klaren sein (Beispiel: Diskussionen über Sterbehilfe, Abtreibung oder rund um das Embryonenschutzgesetz sollten nicht weltanschaulich aufgeladen sein, sondern von gegenseitiger Wertschätzung getragen, so dass eine möglichst ganzheitliche Auseinandersetzung mit diesen Themen möglich wird und die Möglichkeit zum Querdenken besteht).
  5. Sich darüber im Klaren sein, dass alle Systeme (Menschen, Gesellschaften, unser Globus) niemals stillstehen, sondern sich permanent weiterentwickeln. Das Chaos ist Teil des Systems, aber Chaos kann auch produktiv und kreativ sein und ermöglicht Selbstregulation, Selbstheilung und neue Wege. Diese Sichtweise befreit nicht grundsätzlich von Ängsten – aber ein wenig Zutrauen und Angstfreiheit würde uns allen guttun. (Beispiel Trump: auch heftige Eingriffe ins System führen nicht zum Weltuntergang, sondern mobilisieren kreative Antworten).

Die genannten Grundsätze lassen sich mühelos vereinbaren mit der „Guten Botschaft“ des Neuen Testamentes. Christliche Grundwerte beinhalten nicht, dass man den Gegner kreuzigt und verlangen auch nicht „zu Kreuze zu kriechen“. In der Nachfolge Jesu leben wir im Wissen um und in der Hoffnung auf die Auferstehung; das sollte Mut machen zum permanenten Neubeginn.

Es gibt viele andere weltanschauliche Sichtweisen neben der christlichen, aber Fürsorge um die Schöpfung und tätige Sorge um den Mitmenschen zeigen mehr Möglichkeiten auf, als lediglich ein „C“ im Parteinamen zu tragen. In der Nachfolge Jesu zu leben heißt radikal zu sein, im besten Sinne: „radix“ heißt übersetzt“ die Wurzel“ und wenn es der SPD gelingen sollte, ressourcenorientiert und wertschätzend wieder zu den Wurzeln zurückzufinden, wird sie feststellen, dass man auch die guten Geschichten erzählen darf; nämlich die von Hoffnung und Neubeginn statt von Spaltung und Schuldzuweisung, und dass die Themen für eine gute sozialdemokratische Politik auf der Straße liegen. Man muss sie nur sehen.

Es gibt viele Wege zur Erneuerung, aber keinen zurück zur „alten Volkspartei“. Und wenn ein bisschen christlicher Hintergrund dabei hilft, dann ist das gut so.