04/03 2020

Mit Corona auf der perfekten Welle reiten

corona welle

Ist der Lockdown maßlos überzogen und beschert uns das Virus eine (Meinungs)Dikatur? Und wohin, zum Teufel, sind meine Grundrechte verschwunden? Der Versuch einer differenzierten Betrachtung.

Wie einige meiner LeserInnen wissen, arbeite ich inzwischen wieder in meinem „alten“ Beruf als Ärztin. Da ich selbst Risikopatientin bin, wurde ich nicht in Bereichen mit hoher Infektionsgefahr eingesetzt, sondern bei einem Beratungstelefon. Dort nützt mir außerdem meine psychotherapeutische Ausbildung.

Ich habe also zwei Berufe: einerseits Medizinerin und Psychotherapeutin, andererseits Autorin, die auch für eine Zeitung arbeitet, also Dinge für die Öffentlichkeit deutet und einordnet. In der ersten Rolle unterstütze ich alle Maßnahmen zur Infektionsprophylaxe. In meiner zweiten Rolle betrachte ich erschrocken die Erosion von Grundrechten wie Versammlungs- und Bewegungsfreiheit. Worum muss man sich mehr Sorgen machen? Um die vielen Toten, die diese Pandemie kosten wird? Oder wird hier mit Kanonen auf Spatzen geschossen, wenn 10 % der Bevölkerung von 90% der Gesellschaft verlangen, in Hausarrest zu gehen – mit allen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. Hat das nicht schlimmere Konsequenzen, als es die Pandemie je haben könnte? Menschen werden arbeitslos und depressiv, die häusliche Gewalt nimmt zu, viele bewegen sich noch weniger als sowieso schon. Und gab es in der Grippesaison 2017/18 nicht über 25.000 Tote in Deutschland und niemand hat’s gemerkt? Ist dieses Virus eine raffiniert eingefädelte Strategie, um unsere Grundrechte im Namen der Gesundheit auszuhebeln, so dass wir nach Corona in einer Art Demokratur aufwachen werden? Die Blockwartmentalität feiert ja schon fröhliche Urständ in Form des Corona-Spitzels oder als Denunziant.

Schon nach wenigen Tagen hörte man immer häufiger den Ruf nach einer Exit-Strategie, nach einer NACH-Corona-NORMALITÄT. Sorry, liebe Leute, die wird es so schnell nicht geben. Wir müssen nachdenken über eine MIT-Corona-NORMALITÄT, denn nach aktuellem Wissensstand wird das Virus die Menschheit ab jetzt begleiten. Und zwar dauerhaft.  Wie jetzt? Heißt das jetzt dauerhaft Hausarrest für alle? Jein.

Corona-Hausarrest forever – oder die perfekte Welle?

Die sicherste Methode ist folgende: die gesamte Weltbevölkerung begibt sich ab morgen früh kollektiv in Einzelhaft. Nach 14 Tagen schauen wir nach, wer überlebt hat, das Virus ist nicht mehr nachweisbar und wir machen weiter wie bisher. Zugegeben, das ist absurd. Wir brauchen eine andere Lösung, und es wird darauf hinauslaufen, dass wir alle lernen, die perfekte Welle zu reiten. Was meine ich damit? Infektionskrankheiten breiten sich in Wellen aus. Am bekanntesten ist die Spanische Grippe, die zwischen 1918 und 1920 in (mindestens) zwei Erkrankungswellen um den Globus zog. Wir beobachten aber auch regionale Wellen. Hier lohnt der Blick auf die Begriffe: eine Epidemie ist ein zeitlich und regional begrenzter Ausbruch einer Infektionskrankheit. Bei einer Pandemie überspringt das Infektionsgeschehen scheinbar mühelos Ländergrenzen und breitet sich auf allen Kontinenten aus. Und zwar in mehreren Wellen, die sich – wenn es schlecht läuft – gegenseitig befeuern. So weit, so schlecht. Aber es gibt Hoffnung: wenn es gelingt, die Infektionswellen so zu steuern, so dass wir wieder auf Epidemieniveau landen, können wir dringend notwendige Zeit gewinnen.

Wofür brauchen wir Zeit?

Wir alle haben momentan eine steile Lernkurve. Ich habe in einem früheren Beitrag diese Situation mit dem Beginn der HIV-Pandemie verglichen. Auch damals kam die Forschung schnell voran – aber verglichen mit dem heutigen Zuwachs an Wissen, saß die Forschung früher in einem Bummelzug, während sie heute im Hochgeschwindigkeitsexpress unterwegs ist.

Wöchentlich, ja täglich erfahren wir neue Details über das neue Coronavirus – aktuell steht zum Beispiel zur Debatte, dass Oberflächen vermutlich (!!) weniger kontagiös (ansteckend) sind, als bisher vermutet. Die Schutzmaskendiskussion gehört ebenso dazu.

Aber viel wichtiger ist die Forschung an Medikamenten und Impfstoffen.

In nächster Zeit wird ein Antikörpertest zur Verfügung stehen, der herausfindet, ob die Erkrankung bereits durchgemacht wurde und Immunität besteht. Diese Menschen könnten dann wieder arbeiten, ohne permanent Angst haben zu müssen, sich und andere anzustecken. Nebenbei: Solche Menschen könnten auch problemlos ins Freibad, ins Museum und auf Open-Air-Konzerte.

Was wir noch nicht wissen: wie lange diese Immunität anhält. Auch hier ist weitere Forschung notwendig und die braucht Zeit. Das gilt auch für die Frage, ob man mit eben diesen Antikörpern zumindest hochgefährdete Risikogruppen passiv immunisieren kann (was zumindest für 4-6 Wochen einen zeitweisen Schutz bieten würde).

Unser Start in die Corona-Saison ähnelte anfangs einem kompletten Blindflug. Wir hantierten mit Zahlen, von denen die Fachleute wussten, dass sie lediglich einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigten. Politiker, Epidemiologen und Gesundheitsfachleute steuerten unser Land durch einen Sturm wie Flugzeugpiloten, in deren Maschinen wichtige Manövriergeräte ausgefallen waren und auch der Autopilot ins Stottern geriet. Nach und nach springen die Navigationsgeräte wieder an oder wir erfinden neue.

Kleiner Exkurs zum Wert von Statistiken

Ich weiß, viele wollen das nicht lesen. Auch ich bin ein Mathe-Dummie, versuche es aber so zu erklären, dass sogar ich selbst es verstehe. Wer das partout nicht lesen will, scrollt bis zur Überschrifft „Zurück zur Welle“ und überspringt diesen Exkurs 😉

Gehören Statistiken auch zu diesen Navigationsinstrumenten? Ja, zum Teil. Aber es wäre falsch, auf einen sogenannten Corona-Live-Ticker zu starren und zu glauben, dass dieser die Realität widerspiegelt. Zahlen geben trügerische Sicherheit. „Ich glaube nur an Fakten“, hörte ich in den letzten Tagen oft. Mit „Fakten“ sind in der Regel „harte“ Zahlen gemeint. Aber wenn wir die Statistiken der John-Hopkins-Universität mit denen des RobertKoch-Institutes vergleichen, wird klar, dass Zahlen – je nach Erhebungsmethode – sehr unterschiedlich ausfallen können. Ich gebe mal ein praktisches Beispiel aus meiner eigenen Arbeit: Angenommen, ich schicke am Samstag-Vormittag zehn Personen ins Diagnosezentrum. Bis 12.00 Uhr erhalten alle einen Abstrich. Vorausgesetzt, sie sind alle positiv, tauchen sie in der Statistik am Montag oder Dienstag auf und verursachen dort regional einen deutlichen Peak. Die Patientinnen, die ich jedoch nach 12.00 Uhr zum Diagnosezentrum schicke, erhalten erst Montag einen Termin und tauchen dann Mittwoch oder sogar erst Donnerstag in der Fallstatistik auf. Plus unbekannte Dunkelziffer, weil immer noch nicht genügend getestet wird. Plus verzögerte Ergebnisse, weil irgendwo Chemikalien fehlen. Bei mir meldeten sich immer wieder PatientInnen, die sich zehn Tage oder länger daheim herumgequält hatten und nicht beim Arzt waren. Wie viele es aktuell sind, kann niemand einschätzen, da diese Menschen erst dann um Hilfe bitten, wenn „die Hütte brennt“. Ungezählt sind auch die vielen komplett symptomfreien Träger des Virus. Das sind ebenfalls Fakten – und sie machen die Interpretation der nackten Zahlen so schwierig.

Ich möchte auch kurz Stellung nehmen zum häufig gehörten Argument, dass die aktuelle Coronapandemie nicht schlimmer sei, als eine normal verlaufende Influenza-Saison. Oft wird dabei auf die Grippesaison 2017/18 verwiesen, die 25.000 Menschenleben forderte. (wie diese Zahl zustande kam, siehe auch weiter unten). Warum man die beiden Krankheiten nicht miteinander vergleichen sollte, brachte mein Kollege Imre Török folgendermaßen auf den Punkt (Stand 2.4.2020): „Die aktuelle Grippesaison geht vom Ende September 2019 bis ca. Mitte Mai 2020 (rund 7 Monate). In dieser Zeitspanne wurden bisher 165.036 bestätigte Fälle gemeldet und insgesamt 265 Todesfälle in Verbindung mit der Grippewelle nachgewiesen. Infektionen mit dem Coronavirus haben Ende Februar / Anfang März begonnen (bisher ca. 6 Wochen). In dieser kurzen Zeitspanne wurden bis heute rund 78 000 bestätigte Fälle und über 930 Todesfälle gemeldet. (Zahlenangaben schwanken minimal).“ Wer jetzt immer noch an der Dynamik zweifelt, schaut bitte nach Bergamo, ins Elsass oder nach New York!

Und was ist mit der Sterblichkeit? Sterben die Erkrankten jetzt mit oder an Corona?

Wenn eine 98-jährige Person sich mit dem Coronavirus infiziert und stirbt, liegt diese Frage auf der Hand. Aktuell wird dieser Fall in der Corona-Sterbe-Statistik auftauchen, was die oben gestellte Frage aber nicht wirklich beantwortet. Schauen wir mal, wie das in der Influenza-Statistik aussieht – also bei der „normalen“ Grippe. Das Robert Koch-Institut setzt hier – wie übrigens auch viele andere Länder – auf die Erfassung der sogenannten Exzess-Mortalität (sogenannte „Übersterblichkeit“). Dieses Prinzip kann auch auf die Einordnung während der Coronakrise angewendet werden. Dabei wird eine Basislinie von erwarteten Todesfällen zugrunde gelegt (diese Basislinie ändert sich je nach Jahreszeit und es gibt unterschiedliche Alterskohorten). Selbstverständlich hat ein 80-Jähriger eine höhere Sterbewahrscheinlichkeit als eine 20-Jährige – mithilfe dieser Basislinien wird also versucht, eine Entzerrung dieser altersbedingten Sterberisiken zu erreichen. Dann beginnt die Zählerei: Wie viele Menschen einer definierten Altersgruppe sterben in einem definierten Zeitraum? Ist das noch normal? Das heißt, bewegen sich die Zahlen um die Basislinie herum? Oder sind die Zahlen deutlich darüber? Hier ist ein Screenshot für die Kalenderwoche 13, darauf erkennt ihr, wie sich die Lage in Europa Ende der letzten Woche darstellte. Die europäische Arbeitsgruppe mit dem harmlos klingenden Namen euroMOMO koordiniert das Monitoring von 24 europäischen Ländern. Wir sehen zum Beispiel, dass – auf das gesamte Land bezogen – Frankreich (noch) gut dastand, als (regional) im Elsass die Kapazitäten schon erschöpft waren. euroMOMO weist allerdings darauf hin, dass auch diese Zahlen vorläufig sind und die Statistik nachgebessert wird.

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Fazit: Statistiken sind wertvoll. Aber wir sollten nicht auf die absoluten Zahlen starren, sondern uns stärker auf Trends konzentrieren (zum Beispiel die vielzitierten Tage bis zur Verdoppelung der Infektionen). Und das bringt mich wieder zurück zum Bild der Welle.

Zurück zur Welle

Wir haben bereits festgestellt, dass das Infektionsgeschehen in Wellenform abläuft. Lässt man den Dingen ihren Lauf, infizieren sich ganz viele, ein gewisser Prozentsatz stirbt und der Rest ist (hoffentlich) immun. Durch die so erzeugte „Herdenimmunität“ kann ein effektiver Schutz der Gesamtbevölkerung erreicht werden, sofern sich mehr als 70% der Bevölkerung infiziert haben. Auf dieses Prinzip der „Durchseuchung“ setzten einige Staaten, die inzwischen auch zurückrudern. Sogar im liberalen Schweden, das sehr auf die freiwillige Solidarität seiner BürgerInnen setzt, werden die Stimmen lauter, die drastischere Kontaktsperren fordern.

Ich wiederhole hier nicht die Argumente des „Abflachens der Kurve“ und habe oben bereits auf die dringende Notwendigkeit hingewiesen mehr Zeit zu gewinnen. Das deutsche Gesundheitssystem ist eines der besten Europas, aber auch hierzulande wurde der Apparat auf Effektivität und Profit getrimmt und bis an die Belastungsgrenze runtergespart. Wohlgemerkt: das gilt bereits für coronafreie Zeiten – ärztliche KollegInnen im Gesundheitswesen arbeiten sowieso schon viel zu oft an der Belastungsgrenze – von den MitarbeiterInnen im Bereich Pflege ganz zu schweigen.

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Es braucht Zeit, das System hochzufahren. Aktuell melden sich – so wie ich es tat – viele Freiwillige. ÄrztInnen in Rente sind darunter, aber auch MedizinstudentInnen. Diese Menschen müssen geschult werden – in Hygiene, Infektionsschutz, sie müssen an Beatmungsgeräten eingearbeitet werden. Nicht jeder Arzt ist automatisch Intensivmediziner – das ist eine hochkomplexe Angelegenheit – ganz besonders bei Lungenentzündungen durch Corona, die sehr speziell verlaufen.

Während der ersten Welle, die wir nehmen, müssen wir das Gesundheitssystem fit machen. Dadurch werden wir den Ansturm der Erkrankten bewältigen können und die Sterblichkeit weiter niedrig halten. Die Geheilten werden (geschätzt mindestens 2 Jahre) immun sein und arbeiten können.

Das öffentliche Leben wird dadurch langsam wieder Fahrt aufnehmen. Regional abgestimmt, werden die Lockdown-Maßnahmen gelockert werden können. Dadurch wird es allerdings wieder zu neuen Infektionen kommen.

Die zweite Welle rollt an.

Diese Ausbrüche werden regional unterschiedlich aussehen, so wie es jetzt auch bei uns im Dorf nur wenige Fälle gibt, aber wenige Kilometer von uns entfernt, ein ganzer Ortsteil komplett unter Quarantäne gestellt wurde.

Ich möchte das mit einem Beispiel illustrieren: Vor einigen Jahren arbeitete ich in einem Klinikzentrum, dessen einzelne Abteilungen in verschiedenen Häusern auf einem weitläufigen Gelände untergebracht waren. Unter anderem gab es dort auch eine Geriatrie. Immer wieder kam es dort zu Virus-Ausbrüchen (meist Norovirus). Die betroffene Abteilung wurde dann unter Quarantäne gestellt, während der Rest des Klinikbetriebs unverändert weiterging. Ein solches Modell wäre auch auf das Land und ganz Europa anwendbar. Die Maßnahmen gegen das Virus würden uns solange begleiten, bis eine Impfung zur Verfügung stünde, bzw. bis eine gewisse „Herdenimmunität“ erreicht wäre. Fachleute sprechen von zwei bis drei Jahren, in denen unsere Gesellschaft etwas entwickeln muss, was ich MIT-Corona-NORMALITÄT nenne.

Die Welle im Voraus berechnen

Der britische Epidemiologe Neil Ferguson hat verschiedene Pandemie-Simulationenberechnet. Viel Beachtung fand ein Modell mit wellenförmigem Verlauf. Unter dem martialischen Namen „Hammer and Dance“ tauchte dieses Konzept auch in einem Strategiepapier des Innenministeriums auf. Auch bei diesem Verlauf werden Menschen an Corona sterben, aber das Gesundheitssystem wird den Ansturm bewältigen können – und vielleicht besteht sogar Hoffnung, dass Krankenhäuser dauerhaft besser ausgestattet mit Personal und Ressourcen aus dieser Krise hervorgehen.

Zweifellos wird es auch bei diesem Modell harte wirtschaftliche Konsequenzen geben. Wenn jedoch immer nur einzelne Regionen zeitlich befristet betroffen sind, können auch diese Folgen eher aufgefangen werden.

Damit zeigen sich auch Linien zur Beantwortung der drängenden Fragen in puncto Grundrechte: Vorübergehende und zeitlich überschaubare Maßnahmen werden bei der Bevölkerung auf größere Akzeptanz stoßen. Das zeigen aktuelle Befragungen zu diesem Thema. Ein gutes Beispiel dafür ist der Einsatz einer Tracking-App, der „gefühlt“ bei vielen positiv bewertet wird, bei anderen Ängste vom Überwachungsstaat schürt. In einer Gesellschaft, die von wechselnden Lockdown-Maßnahmen betroffen ist, entsteht ein viel größerer Freiraum, solche einschneidenden Maßnahmen öffentlich zu diskutieren, sie eventuell auch begrenzt auszuprobieren und zu evaluieren. Kurz und gut: die demokratische Willensbildung bleibt erhalten und wir kommen weg von einer  „Notstandsgesetzgebung“.

Welche Surfbretter haben wir?

Was benötigen wir für diese Strategie? Ganz einfach – und doch so schwierig: Transparenz, Vertrauen und uneingeschränkte Solidarität. Zuerst und vor allen Dingen mit denjenigen, die im Gesundheitssystem tätig sind. Hier brauchen wir vor allem personelle Aufstockung und die Versorgung mit Schutzkleidung.

Solidarität wird bereits geübt, indem CoronapatientInnen aus kollabierenden Krankenhäusern in andere Regionen und Länder verlegt werden. Überall leisten Ärzteteams internationale Nothilfe in den am schlimmsten betroffenen Regionen.

Solidarität mit Groß- und Kleinunternehmen – und zwar europaweit oder sogar global. Zulieferketten umspannen den Globus. Wenn eine Produktionslinie wegen Coronaquarantäne für mehrere Wochen stillgelegt wird, sollte dies nicht zum wirtschaftlichen Zusammenbruch führen. Staatliche Unterstützung, Ausweichen auf andere Niederlassungen und Verzicht auf Raubierkapitalismus mit gnadenlosem Wegbeißen der Marktkonkurrenz wären Ideen, die einigen utopisch erscheinen. Aber vielleicht setzt sich auch bei börsennotierten Unternehmen die Erkenntnis durch, dass in Coronazeiten jeder jederzeit betroffen sein kann und dann selbst auf Unterstützung angewiesen ist? .

Solidarität mit Lernenden: Diese Krise wird die Digitalisierung des Bildungswesens stärker pushen als alle halbherzigen Versuche vorher. Wir müssen dauerhaft Strukturen entwickeln, die digitales Unterrichten auf professioneller Ebene so zuverlässig etablieren, dass wir nicht nur in Zeiten der Not darauf zurückgreifen können. Eine Riesenaufgabe. Aber wir haben ja jetzt Zeit.

Solidarität mit den Schwächeren. Für wen tun wir das überhaupt?

„Die Alten sterben doch sowieso.“ – „Die haben ihr Leben doch schon gelebt.“ – „Wieso sollen sich 90% unserer Bevölkerung wegen der paar Alten so massiv einschränken?“ Das sind einige Sätze, die ich in den letzten Tagen hörte. Ja, es fiel sogar die hässliche Bemerkung, dass man alle Alten ab Mitte April sowieso in speziellen Einrichtungen „konzentrieren“ solle. Der Gedanke des „lebensunwerten Lebens“ feiert in manchen Gruppen eine gruselige Wiederauferstehung. Ich will gar nicht darauf eingehen, dass wir unsere „Alten“ lieben – das sei unsachlich und sentimental, würde man mir entgegenhalten. Außerdem entspricht das nicht flächendeckend der Realität – problematische Familienverhältnisse gibt es in allen Generationen. Ich will auch nur am Rande darauf hinweisen, dass es diese Generation war, welche die Wirtschaft mit aufgebaut hat, deren Niedergang wir nun befürchten. Ich erwähne auch nur kurz die Grundrechte, die für jeden und jede gelten – unabhängig von … (bitte im Grundgesetz nachlesen!).

Nein, es ist etwas viel Banaleres: Es geht nicht nur um die Alten – es geht um die Schwächeren in unserer Gesellschaft generell. Die vielzitierten RisikopatientInnen, das sind Menschen mit Adipositas, Bluthochdruck, Zustand nach Herzinfarkt, Diabetes, Raucherlunge oder Asthma. All dies sind Grunderkrankungen, die zu einem komplizierten Verlauf von COVID19 führen können. Wer von den Lesenden fühlt sich da angesprochen? Diese Krankheiten sind sehr verbreitet in unserer überfütterten Wohlstandsgesellschaft (nebenbei: ich habe selbst Diabetes). Auch zum Schutze dieser Menschen schränken wir uns jetzt ein. Jede Frau, die momentan schwanger ist, macht sich auch so ihre Gedanken – Corona hat glücklicherweise keine besondere Vorliebe für schwangere Frauen gezeigt. Aber spätestens, wenn die Wehen beginnen, werden sich alle Beteiligten Gedanken um den Infektionsschutz machen. Eine kontaktlose Geburt ist schlicht unmöglich. Diese Liste könnte man fortsetzen. Behinderte Menschen, die auf Assistenz angewiesen sind, gehören zur Gruppe, die wir schützen müssen, ebenso wie Rheumatiker, Menschen mit Multipler Sklerose oder nach Organtransplantation sowie Krebskranke, die Medikamente zur Immunsuppression bekommen. Wer von denen, die das hier lesen, hat nicht eine dieser Erkrankungen oder kennt jemanden, der betroffen ist?

Klingelt es bei euch?

Ausgrenzung und Egoismus werden uns in dieser Krise nicht weiterbringen.

Das einzige, was uns retten kann, ist Solidarität.

Und:

„Ich glaube sowieso nicht an das Virus“, sagte mir eine Frau in der Schlange im Supermarkt. „Gute Frau, zum Glauben, gehe ich in die Kirche. Und die Kirchen sind aktuell geschlossen. Das einzige, was gegen das Virus hilft, ist Wissen.“

Ich hoffe, einen Beitrag dazu geleistet zu haben.

Und lerne weiter. Versprochen!

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Hier geht es zu meinen Büchern: www.ulrike-blatter.de