12/27 2018

Litauen Teil 1: Von Nida bis Klaipeda

Strichweise Regen und haufenweise Gastfreundschaft

In Litauen begegnet uns pure Magie – oder besser gesagt: Zauberhaftes. Ob es die Riesin Neringa war, die den Nationalcharakter der Litauer geprägt hat? Sie ist eine sagenhafte Gestalt. Vermutlich frei erfunden, aber trotzdem allgegenwärtig. Aber jetzt der Reihe nach:

Nida in Lettland ist ein Dorf an der Grenze zu Litauen. Bis zum litauischen Nida (auch genannt Nidden) sind es etwas mehr als einhundert Kilometer. Eigentlich viel zu kurz, denn Litauen bietet so viel mehr als „nur“ die Ostseeküste. Aber Reisen heißt auswählen – und verzichten. Umso mehr bei einer Radreise und an einem Tag wie diesem: Von Liepaja kommend, haben wir das schlechte Wetter im Genick und der Gegenwind beißt in unsere Gesichter. Während das restliche Europa unter einer Jahrhundert-Hitzewelle ächzt, fliehen wir vor Regen und Sturm. Hinter der Grenze erwarten uns auf flackerndem Feuer riesige schwarz verrußte Kochkessel und scheinen laut zu rufen: „Essen ist fertig!“ – Gerade richtig denken wir und setzen uns an einen der Holztische auf der Terrasse des Restaurants. Eine Plane dient als Wetterschutz und knattert unheilverkündend im Wind. „Vorher eine Suppe?“, fragt die Bedienung. Wir nicken und in Windeseile kommen Datteln als Vorspeise. Danach … lange nichts. Um uns herum schmausen gut gelaunte Familien, die später als wir angekommen sind, zahlen und fahren gesättigt davon. Wir warten. Zuerst geduldig. Aber auch Geduld ist eine erschöpfbare Ressource … besonders dann, wenn man als Radfahrer sieht, wie sich ein ganz übles Wetter zusammenbraut. Jeder kennt dieses merkwürdige Gefühl, wenn man einem Kellner winkt und übersehen wird. Waren es verzauberte Datteln gewesen und wir sind unsichtbar geworden? Nein, die Erklärung ist einfacher: Die Kellnerin spricht nur gebrochen Englisch und schämt sich ein bisschen – und die Suppe … ist noch nicht fertig. „Na klar, ist die fertig“, behaupte ich einfach mal aufs Geratewohl. „Das rieche ich doch!“ Aber der Koch kennt kein Erbarmen – zu Recht, wie ich zugeben muss, denn die leckere Brühe, die dann doch irgendwann serviert wird, wärmt Körper und Seele.

Den Hauptgang vertilgten wir in unziemlicher Eile, denn die Wolkenwand wird immer bedrohlicher und tatsächlich: Kaum fahren wir los, holt uns der Regen ein. Weit und breit kein Quartier in Sicht … Wir beißen die Zähne zusammen und treten in die Pedale. Autos überholen uns, auf der Strecke nach Palanga herrscht reger Ausflugs- und Schwerlastverkehr.

In Sventoji landen wir in einer Kuranlage und suchen mit zahlreichen tropfnassen Touristen unter dem Vordach eines Imbiss-Standes Schutz. Badetücher, Flip-Flops und Sandeimerchen erzählen von anderen Wetteraussichten, aber trotz Regen ist die Stimmung hervorragend – sitzen wir doch an der Quelle zu Eis, heißen Waffeln und Bier – was die Zungen unserer russisch- und litauisch-sprachigen Leidensgenossen lockert, so dass die Zeit wie im Flug vergeht. Obwohl es allmählich dämmrig wird, rauscht der Regen immer noch monoton und scheinbar unerschöpflich. Der Imbiss-Stand schließt. In Grüppchen machen sich die Touristen auf den Weg – mit und ohne Schirm. Wir stehen buchstäblich im Regen, denn unser geplantes Quartier ist noch mindestens zwanzig Kilometer weit entfernt. „Ich schau mal, was sich machen lässt“, sagt Joachim, schwingt sich aufs Rad und überlässt mich einem alkoholbeschwingten Russen, der sichtlich stolz ist, seine Englischkenntnisse an mir auszuprobieren (je höher der Alkoholpegel, desto besser die Englischkenntnisse. Eine Tatsache, die meines Wissens noch nicht gründlich genug erforscht wurde und bei der Planung von Sprachreisen junger Menschen vollkommen neue Aspekte eröffnet). Die Lösung unseres Problems liegt jedoch zum Greifen nah: Wir müssen lediglich eine schwankende, knallbunte Hängebrücke überqueren, um auf einer perfekten Tourismusmeile zu landen.

Müde und nass nehmen wir den erstbesten Campingplatz – obwohl sich später herausstellt, dass der erste in diesem Fall nicht der beste war. Allerdings werden wir hier zum ersten Mal mit einem Phänomen konfrontiert, dass unsere vier kurzen Tage in Litauen prägen wird: Mit umwerfender Gastfreundschaft! Kaum wollen wir unser Zelt aufbauen, kreuzt der Platzwart auf und bietet uns ein festes Dach über dem Kopf an. Es würde weiterregnen, signalisiert er. Eine Baracke sei noch frei, dort sollten wir uns einrichten. Selbstverständlich ohne Aufpreis. Vor lauter Freude vergessen wir vorher die Räumlichkeiten zu kontrollieren … und breiten wenig später mit gerümpften Nasen unsere stabile Plastikplane über die Matratze der Lagestätte. Die (Bruch)Bude sieht so aus, als sei sie seit ihrer Erbauung (schätzungsweise in den frühen Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts) fleißig genutzt aber kaum jemals geputzt wurde. Die Fenster sind nicht zu öffnen und die Luft … nun ja …. tropisch. Kurz erwägen wir eine heimliche Flucht, oder ob wir doch das Zelt …?  

 Wir werfen einen kritischen Blick in den düsteren Himmel; außerdem grummelt es vernehmlich – allerdings nicht von oben, sondern aus unseren Mägen. Also gut – wir haben schon in Indien unter ähnlichen Bedingungen genächtigt. Wir werden auch das überstehen … Erst einmal muss etwas zum Essen her.

Wenige Schritte hinterm Campingplatz beginnt eine Tourismusmeile, die keine Wünsche offenlässt – wenn man auf knallbunte Lichtshows, 9-D (!!)-Kinos, Fressbuden, Bierhallen, Trampolins und sonstigen Kirmesbetrieb steht. Das kulinarische Angebot ist reichhaltig – allerdings erfahre ich später, dass sich das nach der kurzen Sommersaison schlagartig ändert und der kleine Ort dann in eine Art Winterschlaf verfällt.   

***

Die Nacht ist ruhig und im Morgenlicht sehen die Baracken auch gleich viel freundlicher aus. Ich mache mich auf den Weg in ein nahegelegenes Restaurant um „Geschäftliches“ zu erledigen. Ich bin hartgesotten, aber die sanitären Einrichtungen auf diesem Campingplatz sind schlicht unbenutzbar. Die Restaurant-Toiletten dagegen sind sauber und – wie hier allgemein üblich – nicht nach Männlein und Weiblein getrennt. Als ich mir die Hände wasche, kommt ein Riese von Mann rein, drängt sich an mir vorbei und grummelt etwas Unverständliches. Ich könne leider kein Litauisch, sage ich auf Englisch und er wiederholt mit breitem Grinsen auf Englisch: „Normalerweise begrüßen wir uns hier mit Guten Morgen!“ – Ich werde rot. „Labas Rytas“, strahle ich zurück, denn das hatte ich auf meiner Übersetzungs-App nachgeschlagen. Und kurz darauf, in der Gemeinschaftsküche unseres Campingplatzes grüße ich mit: „Dobroe utro!“, da der Platz fest in russischer Hand ist. Bei der Zubereitung des Frühstücks gucken wir uns gegenseitig neugierig in Töpfe und Pfannen. Unser obligatorischer Haferflockenbrei stößt auf erstauntes Lachen. „Damit wollt ihr den ganzen Tag durchhalten??!! – Wir brauchen was Richtiges zum Frühstück.“ Zugegeben: die Riesenportion Eier mit Speck duftet verführerisch.

Sventoji  ist ein Vorort von Palanga – sozusagen der Ballermann Litauens. Wir schieben unsere Räder über die rappelvolle Strandpromenade (Fahren ist schier unmöglich) und laufen raus auf die Seebrücke. Auch die Strände sind voll – die Sturmwarnungen, die ständig aus Lautsprechern verkündet werden, scheren niemanden.

wie ein Gruß aus einer anderen Zeit …

Wir schauen, dass wir weiterkommen. Der Radweg schlängelt sich durch Kiefernwälder und ist komfortabel ausgebaut. Ein paar Kilometer hinter Palanga ist er dann auch nicht mehr ganz so verstopft mit „Sonntagsradlern“ und wir kommen zügig voran.  Leider macht uns das Wetter wieder einen dicken Strich durch die Rechnung. Etwa zehn Kilometer vor Klaipeda erwischt uns ein Regenschauer so urplötzlich, dass wir völlig durchnässt sind, bevor wir es auch nur schaffen unsere Räder abzustellen, geschweige denn die Regenkleidung anzuziehen. Da hält neben uns eines dieser merkwürdigen pedalbetriebenen Fahrzeuge, die von Touristen benutzt werden: ein drahtiger Mann und eine hochschwangere dunkelhaarige Frau lächeln uns an. Zwischen ihnen sitzt ein kleines Mädchen, das uns eher misstrauisch beäugt. Ellis – wie sich der Mann vorstellt – redet hastig gestikulierend auf uns ein. Wir sollen ein paar Kilometer weiterfahren, dort käme die Vasarus Konzertarena, wo wir uns unter der Zuschauertribüne unterstellen und auf ihn warten sollen. Das Halbrund aus Beton ist schnell erreicht. Wir sind nicht die einzigen, die dort Schutz suchen: eine Art Sekte hat dort einen Info-Stand aufgebaut und verteilt Traktate an alle Durchnässten und Heilsuchenden, die eintrudeln. In einem kleinen Zelt nebenan bieten die „Missionare“ auch Massagen an – wir nehmen Abstand von diesem Angebot der Nächstenliebe, denn Ellis hat uns eingeholt und lässt nicht locker: „Der Wetterbericht sei verheerend und wir sollten unbedingt bei ihm zu Abend essen. Ob wir schon ein Hotel in Klaipeda hätten? Wir verweisen auf unser Zelt. Er schüttelt missbilligend den Kopf. Es gäbe Sturm und er hätte sowieso ein Zimmer frei. Dann gibt er uns Handynummer und Adresse. Es wohne in einem Plattenbauviertel – alle Eingänge seien codegesichert und wir sollen anrufen, wenn wir dort sind, er hole uns ab. „Ihr kommt auch ganz sicher?“, fragt er drängend, bevor er wieder losfährt. Wir nicken. „Ob das ein Abenteuer wird“, fragen wir uns, sind aber relativ unbesorgt. Auf unser Bauchgefühl konnten wir uns meist verlassen und hier schlägt keine Alarmglocke an.  Familien mit Kleinkindern und schwangeren Frauen erscheinen in unseren Augen eher liebenswert als gefährlich. „Wenn wir ein blödes Gefühl haben, können wir ja immer noch abhauen“, beschließen wir und machen uns auf den Weg. Das Viertel, in dem Ellis wohnt, liegt am entgegengesetzten (südlichen) Ende der Stadt und wir bekommen einen ersten Eindruck davon wie groß Klaipeda ist.

Als größter (und einziger Handels-)Ostseehafen Litauens ist die Wirtschaft der Stadt traditionell maritim ausgerichtet. Während des zweiten Weltkrieges wurde Klaipeda (Memel), mitsamt dem Memelgebiet evakuiert und aufgegeben. Beim Einmarsch der Russen sollen in der ganzen Stadt nur noch fünfzig Menschen gelebt haben. Wie die gesamte Küstenregion Litauens, wurde auch Klaipeda danach stark durch den Zuzug russischer Bevölkerung geprägt. Im Gegensatz zu anderen Regionen wurde die ursprüngliche Bevölkerung nach dem Krieg zur Rückkehr ermuntert und die Stadt erfuhr ein langsames aber stetiges Wachstum, das nach der Unabhängigkeit Litauens noch einmal gewaltig zulegte. Seit den 2000er Jahren jedoch hat sich diese Entwicklung umgekehrt und die Stadt verliert wieder Menschen. Daran hat auch die Einrichtung einer Sonderwirtschaftszone nichts geändert, die Inverstoren anlocken soll. Es entstanden zwar viele Arbeitsplätze und generell ist die Arbeitslosigkeit niedrig – aber die meisten Menschen arbeiten für Mindestlohn, was zwar zum Überleben reicht, aber kaum zu mehr. Deshalb wandern gut qualifizierte junge Menschen ab. Armuts- und Wirtschaftsmigration, die uns auf unseren Reisen durch Osteuropa in vielen Facetten immer wieder begegnet. All dies erzählen uns Ellis und seine Frau beim Abendessen. Ohne große Umschweife haben sie uns in ihre kleine Wohnung verfrachtet. Ehe ich etwas sagen konnte, hat sich Ellis mein schweres E-Bike gepackt und es in den vierten Stock hinaufgetragen.

Das Kinderzimmer wurde freigemacht und ein Bett für uns frisch bezogen. Jetzt sitzen wir gemütlich im Wohnzimmer und essen Kugelis– neben Zeppelinas – eine der litauischen Spezialitäten aus Kartoffeln. Wer gern etwas nachkocht, findet hier eine Auswahl an typisch litauischen Rezepten: https://www.alles-ueber-litauen.de/litauen-im-ueberblick/litauische-rezepte.html

Warum wir so gastfreundlich aufgenommen wurden? Das hat verschiedene Gründe: „Ich bin selbst Radreisender“, berichtet uns Ellis. „In Norwegen ging mir mal der Proviant aus, und ich hatte zu wenig Geld, um mich satt essen zu können …. Ich weiß, wie es sich anfühlt, in der Fremde zu sein und auf Hilfe anderer angewiesen zu sein. Deshalb mein Grundsatz: Ich lasse keinen Radfahrer im Regen stehen!“ – Aber es gibt auch noch andere Gründe: Neugier und Interesse am Leben im Ausland. Leider ist das Reisen hier ziemlich teuer und kompliziert, da Litauen größtenteils an die russische Exklave bzw. an Weißrussland angrenzt; dort ist die Aus- und Durchreise visapflichtig – ganz nebenbei erfahren wir, dass die Litauer für ihre Visa deutlich mehr zahlen müssen, als wir Deutsche. Lediglich ein schmaler Grenzkorridor im Südwesten Litauens grenzt an Polen – führt also direkt ins EU-Ausland. Nur dort wäre ein visafreier Grenzübertritt möglich. So führt generell der einfachste – aber leider auch der teuerste Weg – ins Ausland über den Flughafen. „Auslandsreisen sind für uns einfach nicht drin. Dabei ist Reisen einer meiner größten Träume … Aber wenn wir nicht reisen können, holen wir uns das Ausland einfach hierher“, grinst Ellis verschmitzt, während seine Frau uns Melonen und Gebäck zum Dessert auftischt.

Es wird spät, und die beiden laden uns ein noch einen Tag länger zu bleiben. Wir sollen uns in aller Ruhe die Stadt anschauen und die angekündigte Sturmfront bei ihnen „aussitzen“. Ohne weitere Umschweife werden uns Sicherungscode der Haustür sowie die Schlüssel ausgehändigt – wir sind baff bei diesem Vertrauensbeweis und nehmen das Angebot gern an. Alle Versuche uns mit einer Einladung zum Essen zu revanchieren, laufen ins Leere. „Elisabeta kocht einfach zu gern“, verrät uns Ellis schmunzelnd. Und als wir am nächsten Morgen aufstehen, hat er uns, bevor er zur Arbeit ging, noch ein Frühstück gerichtet. „Good morning!“, grüßt ein Zettel. „Have a nice day!“  Und den haben wir!

Weil der Sturm mittlerweile heftige Ausmaße angenommen hat, fahren wir mit dem Bus in die Stadt und bestaunen die kleinen Bücherschränke, die an den größeren Stationen fest installiert sind. Die Fahrt führt uns vorbei an der russisch-orthodoxen Kirche und am römisch katholischen Riesenbau „Josef der Arbeiter“.

Nachdem fast alle Sakralbauten entweder im Krieg stark beschädigt oder während der Sowjetzeit abgerissen worden waren, gibt es nur noch wenige Kirchen in Klaipeda – diese seien aber gut besucht, erfahren wir. Überall begegnet uns eine unglaubliche Hilfsbereitschaft. Man muss nur mal kurz an einer Straßenecke stehenbleiben und sich ratlos umschauen, schon wird man angesprochen, ob man Hilfe brauche. Einmal kommt sogar jemand aus einem Laden heraus, um uns den Weg zu weisen, noch bevor wir in der Lage waren überhaupt eine Frage zu formulieren …

Das ehemalige Schulschiff Meridianas bildet den Ausgangspunkt unseres Stadtbummels durch Klaipeda. Wir werden ganz schön vom Wind durchgeschüttelt, erwischen aber trotzdem schöne Momente in der Altstadt und am Hafen – außerdem wissen wir, dass ein warmes und gemütliches Quartier auf uns wartet …

Blick auf den alten Hafen
es war eine gute Idee, NICHT im Zelt zu übernachten …

Gut erholt starten wir am nächsten Vormittag Richtung Hafen, um die Fähre übers Haff zu nehmen. Die Kurische Nehrung – eine schmale Landzunge, welche die raue Ostsee vom stillen Haff abtrennt, erwartet uns – und Neringa, die Riesin. Aber das ist eine neue Geschichte.

Der SWR hat einen kleinen Film über unsere Reise gedreht. Hier ist der Link: https://www.facebook.com/landesschau.bw/videos/1909924912428008/