09/12 2020

Köszönöm heißt Danke!

Tag 25 – 27 unserer Donauradreise – von Budapest bis Mohacs

Wie geplant, sind wir frühzeitig am Déli pályaudvar (Südbahnhof), um unsere Fahrräder samt Gepäck treppauf zu schleppen, da sich die Bahnsteige im ersten Stock befinden. Joachim lehnt bei dieser Aktion zweierlei strikt ab: Erstens, dass ich mit anpacke („Hattest du nicht gestern noch Knieschmerzen?“) und zweitens, die Fahrradschuhe auszuziehen (da er mit Klickpedalen fährt, sind die zum Treppensteigen schlecht geeignet – noch viel weniger zum Trepppensteigen UND gleichzeitigem Fahrradschleppen). Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Aktion mit angehaltenem Atem zu filmen.

Wir machen uns den Bahnhof barrierefrei 😉

Dunaújváros – schöner Wohnen mit Stalin

Dunaújváros sollte eigentlich Sztálinváros (Stalinstadt) heißen. Der Ort Dunapentele südlich von Budapest war ein verschlafenes Nest, als dort 1949 ein Stahlwerk gegründet und das Dorf zur sozialistischen Musterstadt erkoren wurde. Wir erwarten die Tristesse einer Retortensiedlung, sind jedoch positiv überrascht von der Großzügigkeit, der Wohnlichkeit, den schattigen Parks – und der „Kunst am Bau“: Dralle Bäuerinnen und kernige Stahlarbeiter auf Mosaiken sind zwar nicht jedermanns Geschmack, gehören aber zum sozialistischen Realismus dazu, wie die Cola-Werbung zum Kapitalismus.

Wenn man über die breite Allee hineinfährt, beeindrucken wuchtige Gebäude. Der ungarische Architekt Tibor Weiner, der am Bauhaus studierte und in Russland, Basel und Chile arbeitete, übernahm die Planung der Häuser entlang der Prachtallee im Stil des Sozialistischen Realismus. Die Stadt wuchs jedoch so schnell, dass der Wohnungsbau nicht nachkam. Neue Pläne mussten her. Und ein neuer Name. Nach Stalins Tod war nämlich auch sein Name gestorben, und der Ort wurde in „Neustadt an der Donau“ umbenannt. Und die hastig hochgezogenen Wohnblocks mutierten nun von Pracht- zu Plattenbauten.

Dennoch blieb die Stadt attraktiv: Auf einer Wohnfläche von durchschnittlich 55 Quadratmetern waren die Wohnungen zur damaligen Zeit besser ausgestattet, als es dem üblichen Standard in Ungarn entsprach. Mittlerweile ist Dunaújváros in die Jahre gekommen; auch hier ziehen junge Menschen weg, aber in den letzten Jahren gelang die Neuansiedelung von Industrie und der Erhalt von Arbeitsplätzen. Der Erhalt der historischen Bausubstanz ist ein weiteres wichtiges Thema. Für uns war es ein lohnender Abstecher.

Sehenswert ist die Aussichtsplattform mit Blick über die Donauebene. Es gibt einen Skulpturenpark und die beschriebenen Mosaiken finden sich rund um das Theater. Weitere Mosaiken gibt es im ehemaligen Ambulatorium der Kinderklinik (leider war das Gebäude geschlossen). Das Stadtmuseum (Museum Intercisa) gibt einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Stadt. Auch das Stahlwerk Dunafer kann besichtigt werden, aber Achtung! – vor dem Besuch ist ein Alkoholtest obligatorisch, denn man muss absolut nüchtern sein, um an der Tour teilnehmen zu dürfen. Fällt der Atemtest positiv aus, wird er in Rechnung gestellt.

Die Autobahn als Fahrradweg

Entlang von Leitungen und Röhren verlassen wir die Stadt. Der offizielle Eurovelo 6-Radweg verläuft am gegenüberliegenden Donauufer. Südlich von Dunaújváros ist ein Autobahnkreuz und von dort führt die Schnellstraße M8 auf die Brücke Pentele Híd. Leider finden wir keinen wirklich brauchbaren Aufstieg mit den Fahrrädern – und es gefällt uns auch nicht wirklich, über ein Autobahnkreuz zu radeln (wir wissen noch nicht, was uns in Bukarest erwartet, aber Schwamm drüber!).

Unser Plan ist, zwischen Donau und der Autobahn M6 über die Dörfer zu radeln und bei Dunaföldvár die nächste Brücke zu benutzen. Mit dem Auto wären es zwanzig Kilometer, der Umweg sollte sich also in Grenzen halten. Tut er aber nicht. Alle Versuche, eine verkehrsberuhigte Parallelstraße zu finden, enden auf Wanderwegen oder am Donaustrand. Man sollte hier den Sonntagnachmittag mit Schwimmen und Grillen genießen, aber schwitzend quälen wir uns im Zickzack durch unwegsames Gebiet und bringen auch einiges an Höhenmetern hinter uns. Leicht demoralisiert landen wir schließlich doch auf der schnurgeraden Autobahn und übersehen geflissentlich die Verbotsschilder für Traktoren, Pferdefuhrwerke und Zweiräder. Es ist Sonntagnachmittag und ohne Berufsverkehr geht es flott voran. Endlich queren wir die Brücke und folgen erleichtert wieder dem offiziellen Radweg Richtung Dunapataj.

Das Donauufer immer in Sichtweite, durchqueren wir reizende Dörfer und könnten ewig so weiterfahren, aber die Sonne senkt sich und der immer wieder auf Schildern angekündigte Campingplatz bleibt unauffindbar.

Im Paradies gibt’s frischgezapftes Bier

In (Achtung Zungenbrecher!) Dunaszentbenedek sind wir ratlos und so weit, dass wir im Zweifelsfall auch mal wild campen würden. Auf einer verwitterten Anzeigetafel mit Wanderkarte entziffere ich direkt neben dem blauen Strich der Donau den Schriftzug „Büfé“. Das klingt zumindest mal nach Abendessen. Wir schwingen uns wieder in die Sättel und rollen gemütlich hinunter Richtung Strand – um dort ein kleines Paradies zu finden!

Pillango Büfé bezeichnet sich auf der Facebookseite als „Spelunke“ (und ehrlich gesagt, die Videos, die sie dort zeigen, sind in Coronazeiten einfach nur gruselig), aber uns hat dieser Platz gerettet. Vollkommen euphorisch springt Joachim in die erfrischend kühle Donau – um dreckiger als zuvor wieder aus den Fluten zu steigen. Duschen gibt es nicht, lediglich einen Gartenschlauch, aber das macht nichts. Wir werden mit frisch gegrillten Forellen und einem kühlen Bier entschädigt – und als die Sonne untergeht, fühlt es sich an wie der perfekte Urlaub. Als Tagebucheintrag schreibe ich an diesem Abend nur ein Wort: Glücklich.

Uns läuft die Zeit davon

Am nächsten Morgen geht es weiter bis zum Städtchen Kalocsa, wo wir endlich mal Glück mit den Öffnungszeiten haben: Das Paprikamuseum erwartet uns. Eine kleine, aber gut gemachte Ausstellung über den Anbau und die Weiterverarbeitung von Chili und Gewürzpaprika. Schon auf der Fahrt haben wir viele Paprikafelder gesehen, auch die Information, dass diese Region das „weltgrößte Anbaugebiet für Paprika“ sei, nehme ich zur Kenntnis. Ich finde nicht heraus, ob es bei dieser steilen These um Anbauflächen oder Erntemengen geht; aber ich vermute doch stark, dass diese Region mit China kaum mithalten kann, das jährlich ca. 18 Millionen Tonnen Paprika erntet.

Unser Weg führt uns nun stundenlang flach, aber relativ eintönig über den Donaudamm.

Ein wenig Abwechslung bietet das nette Städtchen Baja mit seiner romantischen Altstadt und den schönen kopfsteingepflasterten Gässchen Richtung Donau.  Natürlich verfahren wir uns mal wieder bei der Ausfahrt, merken es aber rasch und der Umweg bleibt überschaubar.

Auch heute ist der Tag wieder viel zu rasch vorbei. Man merkt es einfach, wenn man zwischendrin Pausen einlegt, um etwas zu besichtigen. Der nächste Zeltplatz ist noch viele Kilometer weit entfernt und wir sind wirklich müde, als ein Wegweiser das „Donaudorf“ ankündigt.

Gastfreundschaft

Unterhalb des Dammes erkennen wir einige Zelte, obwohl dort nirgends ein Campingplatz vermerkt ist. Wir fragen einfach mal und es stellt sich heraus, dass es ein Jugendlager ist. Der Platz ist nicht öffentlich. Ein junger Bursche, maximal 16 Jahre alt, betont cool mit E-Zigarette in der Faust, befragt uns in holprigem Englisch und sagt, dass wir warten sollen. Er klärt das. Neugierig beäugen uns die anderen Kinder und Jugendlichen, die einen großspurig Englisch radebrechend, die anderen schüchtern grinsend, aber alle sehr nett. Wir sitzen auf der Beton-Tischtennisplatte lächeln zurück und lauschen auf das leise Sausen in unserer Beinmuskulatur. Der Anführer kehrt mit guten Nachrichten zurück: Wir dürfen bleiben. Dann zieht die ganze Meute los, um ein Bad in der nahegelegenen Donau zu nehmen. Die Gemeinschaftsräume wurden vorher sorgfältig verriegelt, aber für uns lassen sie Duschen und Toiletten offen. In üblicher Weise läuft die Abendroutine bei uns arbeitsteilig: Gemeinsam bauen wir das Zelt auf, dann kümmere ich mich um die Wäsche und Joachim kocht. Als die Jugendlichen zurückkommen, bestürmen sie uns mit Fragen und bieten uns an, dass sie ein Abendessen für uns kochen. Wir sind sehr gerührt, aber schon satt! Wieder einmal bewahrheitet sich der Spruch, dass man Gastfreundschaft nie verdient hat – sie ist ein Geschenk, dass du nur zurück- und weitergeben kannst. In diesem Fall können wir uns rasch revanchieren: als abends ein Sturm aufkommt und eines der Zelte zusammenbricht, kann Joachim seine Reparaturkünste unter Beweis stellen.

Wir machen einen Abendspaziergang runter zur Donau. Es ist fast Vollmond und der weiße Strand schimmert geheimnisvoll zwischen den bizarr gebogenen Stämmen des Uferwaldes. Dort, wo die Sedimente bei Hochwasser angeschwemmt wurden, ist der Boden steinhart. Trotzdem wachsen dort Pilze.

Am nächsten Morgen dürfen wir beim Tanztraining der Jugendlichen zuschauen. Sie sind Mitglieder einer Folkloregruppe, die hier ein einwöchiges Trainingslager abhält. Winkend fahren wir weiter.

Und wir werden an diesem Tag noch oft winken: Fernradler sind hinter Budapest selten geworden und wenn wir durch die Dörfer kommen, werden wir bestaunt und herzlich begrüßt.

Grenzgänger

Die kroatische Grenze ist nun sehr nah. Die ganze Region ist geprägt von einer reichen multiethnischen Kultur – aber auch von Verfolgung und Krieg. Versöhnlich wirkt da das Denkmal der drei Nationen vor dem Rathaus in Mohacs. Drei Frauen in kroatischer, ungarischer und deutscher Tracht reichen sich die Hände.

Wir setzen über mit einer Fähre mit einer wirklich sympathischen Mannschaft.

Nun befinden wir uns in Kroatien, am Rande des Donau-Drau-Nationalparks. Ab hier gibt es zwei Möglichkeiten den Eurovelo 6 weiterzufahren: eine führt direkt nach Serbien, aber wir wählen die Variante über Kroatien. Der Himmel über uns ist immer noch derselbe, als wir die Grenze überqueren. Wir merken nur an der Sprache, von der wir wieder etwas mehr verstehen, dass wir jetzt in einem anderen Land sind.

Für die Statistik:

Tag 25: 11.08.2019
Budapest – Dunaujvaros (mit dem Zug) – Dunaszentbenedek
76 Kilometer

Tag 26: 12.08.2019
Dunaszentbenedek – Kalocsa – Dunafalva (Donaudorf)
88 Kilometer

TOTAL: 1719 Kilometer

Noch mehr Texte? Meine Bücher findet ihr hier: www.ulrike-blatter.de

Diese Reise war ein Spendenlauf für unsere Kinderprojekte in Bosnien. Trotz Corona haben wir uns auch 2020 zu einem Spendenlauf entschlossen – diesmal zu Fuß. Alle Infos gibts hier oder unter @HolidayChallenge bei Facebook und Instagram.