An diesem heißen Tag hatten wir einen ungeplanten aber ausführlichen Abstecher in ein Freilichtmuseum im „karierten Land“ gemacht.
Als wir Koszalin (ehemals Köslin) nach einer Tagesetappe von fast 100 Kilometern erreichten, stand die Sonne schon tief. Das letzte Stück wurde uns „geschenkt“ – die Straße hatte ein so starkes Gefälle, dass wir die Stadtgrenze in rasanter Schussfahrt überquerten – begleitet von unheimlichen Klagegesängen, die aus Ulrikes hinterer Bremse drangen … so dass es keine Triumphfahrt wurde, sondern eher den Eindruck erweckte, als hätten wir vom Ostseestrand ein verwaistes Robbenbaby entführt.

Um ehrlich zu sein – auch uns war ein wenig weinerlich zumute: Nach einem extrem heißen Tag, den wir auf viel zu großen und lauten Straßen verbracht hatten, schmerzten die Muskeln, der Elektrolythaushalt war ein wenig aus den Fugen, wir waren öl- und sandverschmiert, hungrig und brauchten dringend eine Unterkunft. Die Straße des 1. Mai war lang, die Häuser erschienen uns gesichtslos, im Vorüberfahren registrierten wir einen Park und eine historische Post, die aussah wie alle historischen Postgebäude in Polen. Die Touristeninfo war geschlossen. Einen Campingplatz gab es nicht.
Ein Vier-Sterne-Hotel grüßte in der Fluchtlinie – allerdings noch im Bau. Außerdem nicht das typische Ambiente für Radtouristen. Wir fragten nach einem Hostel. Die Einheimischen schauten ratlos. Auf einem Stadtplan fanden wir dann endlich einen Eintrag: „Green Hostel“. Hurra! Es sah gar nicht so weit weg aus – war es aber. Im Hinterkopf das eiserne Gesetz des Fernradfahrers: „Die letzten 10 Kilometer sind immer die härtesten“, radelten wir die Straße des 1. Mai wieder zurück und fanden in einem sehr abgelegenen Wohnviertel zwar tatsächlich das Hostel – jedoch keine Unterkunft. Eine grimmige Dame in Puschen und Morgenmantel öffnete die Tür einen Spalt, und als sie sah, wen sie da vor sich hatte, bedachte sie uns mit diesem „Landstreicher-und-Obdachlose-haben-hier-nichts-verloren-Blick“, den wir inzwischen nur allzu gut kannten.
Ein Blick ins Internet belehrte uns später, dass wir gut daran getan hatten, dieses Etablissement zu meiden: In der ehemaligen Offiziersvilla herrsche nämlich ein strenges Regiment wurden wir belehrt. Neben der Grundgebühr für Übernachtung und Frühstück (wahrscheinlich wässrige Steckrübensuppe??!) wurden offenbar fleißig Strafgebühren für allerlei Regelverstöße angedroht. Ob Ulrike dann wegen nächtlichen Herrenbesuchs von Joachim zur Kasse gebeten worden wäre? Von 21.00 Uhr bis 6.00 Uhr morgens sei das Haus eine geschlossene Zone – ob dann scharfe Wachhunde hinter dem hohen schmiedeeisernen Zaun patrouillierten? Ob die Hausherrin dann ihre rosafarbenen Puschen gegen schenkelhohe Stiefel tauschte? Wir wissen es nicht. Wir kamen später unter in einem netten Hotel, in dem nur das Frühstück spektakulär war – und die einzige Extragebühr, die wir zahlten war die für das „Monitoring“ unserer Fahrräder, die sicher eingeschlossen wurden.

Am nächsten Morgen wurden die hinteren Bremsbeläge an Ulrike Fahrrad fachmännisch ausgewechselt, so dass wir wieder ohne die Begleitmusik von Robbenbabygesängen unterwegs waren. Koszalin, dieser Punkt auf der Landkarte, weckte in uns die Entdeckerlust und lud ein zum gemütlichen Bummeln. Einen ersten Einstieg in die Stadtgeschichte bot der „Müller-Palast“ – ein schlossartiges Gebäude, die alte Wassermühle, die Ursprung und Keimzelle dieses Reichtums war, klebt unscheinbar an der Seite des Gebäudes. (Ausländische) Touristen haben hier offenbar Seltenheitswert, aber immerhin bekamen wir zu jedem Teil der Ausstellung einen deutschen Text, der uns die Ausstellung erklärte. Begleitet von der stummen Pantomime einer Aufseherin wurden wir durch mehrere Salons geleitet, die im Stil unterschiedlicher Epochen eingerichtet waren:
Das Gebäude war weitläufig, die Orientierung war schwierig – aber zuverlässig wie Staffelstäbe wurden wir an jeweils andere Aufseherinnen weitergereicht und besuchten auf diese Weise eine Kunstausstellung (unterm Dach), eine Dokumentation der Stadtgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg und eine kleine, obskure – nur auf Polnisch beschriftete – Ausstellung zur Freimauerei. Draußen schloss sich noch ein kleines Freilichtmuseum an – kleine, geduckte Fachwerkhäuser, heimelig, beengt und dunkel. Ein Webstuhl zur Heimweberei. Eine kleine Werkstatt. Ein deutlicher Kontrast zum Schloss nebenan – dessen Reichtum auch mit einem Handwerk begann. Ich erinnere mich an das, was mir ein – mittlerweile verstorbener – Teilnehmer in einer Biografie-Werkstatt sagte: „Einem Müller war nie zu trauen. Von jedem Sack Getreide, den wir brachten, zwackte er sich ein paar Händevoll Mehl ab. Auf diese Weise kam er zu Reichtum.“
Die anfangs so gesichtslose Stadt erschließt sich nach dem Museum auf neue Weise. Koszalin wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, aber beim Wiederaufbau wurde die ursprüngliche mittelalterliche Anlage beibehalten. Häuserfassaden der Gründerzeit wurden nachempfunden und als wir in Nebenstraßen eintauchen, entdecken wir auch die bunt angemalten Originale. Die alte Feuerwache lockt uns. Ich fotografiere durch die angelehnte Tür den Eingangsbereich, der – wie im Museum – eine original Art Déco Einrichtung zeigt und erschrecke furchtbar, als mich ein Beamter im Wachhäuschen hinter mir anspricht, was ich wolle. Als ich ihm die Wandverkleidung zeige, lächelt er – zuerst verwundert, dann aufrichtig erfreut.
Im Keller des Feuerwehrgebäudes wurden ursprünglich Bierfässer der nahegelegenen Brauerei gelagert – Löschmaterial der etwas anderen Art. Seit Jahrzehnten ist der Keller allerdings überschwemmt und unbrauchbar. Ein zarter Hopfenduft führt uns zur Brauerei, und so lassen wir uns weiter durch die Stadt treiben, die viel Sehenswertes bietet, allerdings eher versteckt und auf freundlich unprätentiöse Art. Alltag und Geschichte begegnen sich. Es gibt kaum Touristen und so kommt man mit den Leuten auch mal ins Gespräch. Unter touristischen Gesichtspunkten wirbt Koszalin vor allem mit dem Umland, mit den nahegelegenen Ostseebädern Mielno und Lazy und auf einer Seite zur Stadt heißt es „Koszalin ist vermutlich eine Stadt, an der Sie immer vorbeigefahren sind.“ Als Sonderwirtschaftszone ist die Stadt vor allem Verkehrsknotenpunkt und von wirtschaftlichem Interesse. Investoren werden gesucht. Ob der Neubau des 4-Sterne-Hotels auch in diesem Zusammenhang zu sehen ist? Jedenfalls lebt Koszalin. Wir sehen viele Familien mit Kindern.
Unser Bummel führt uns in eine Sonderwirtschaftszone ganz eigener Art: einen Chinesen-Markt. Ulrike stürzt sich begeistert in neonfarbene Tüllröcke, Plastikspielzeug und Haushaltsgegenstände aller Art, während Joachim im Dunst von Weichmachern und sonstigen Chemikalien Beklemmungsgefühle entwickelt und schnell das Weite sucht. Hier kriegt man einfach alles – und sogar Dinge, bei denen man nie auf die Idee gekommen wäre, sie überhaupt zu brauchen. Wie gut, dass in unseren Packtaschen kein Platz mehr ist!
Zurück in den Resten der Altstadt suchen wir das Haus des Henkers und finden die winzige, achteckige Gertrudenkapelle, die eine wechselvolle Geschichte hat und in der Pestzeit sogar als Krankenhaus diente. Daneben das Theater.

Der Rückweg geht durch eine weitläufige Parkanlage entlang der ehemalige Stadtmauer. Koszalin hat insgesamt vier Parks, die teilweise ineinander übergehen, darunter auch der denkmalgeschützte Park der Pommerschen herzöge. Dieser Spaziergang ist ein wunderbarerer Ausklang unseres Besuches in dieser Stadt, die zu einer echten Entdeckung wurde.
Aus unseren Reiseerlebnissen haben wir einen spannenden Vortrag gemacht. Am 14. Februar 2019 sind wir in Radolfzell, am 21. Mai 2019 in Bad Waldsee. Buchungsanfragen über das Kontaktformular.










