
Dieser Beitrag (und die hoffentlich bald folgenden Reiseberichte) beruhen auf meinen Tagebuchnotizen aus dem Sommer 2019. Jetzt, mitten in der Coronakrise, scheinen sie wie Nachrichten aus einer fernen Zeit. Ich denke, es tut gut zurückzuschauen, auf ein Europa, in dem wir uns (fast) grenzenlos bewegen konnten. Eine Welt, die wir uns wieder zurückerobern werden. Dieser erste Bericht ist geprägt vom Loslassen, Kämpfen mit der Gesundheit und vom Abschiednehmen. Insofern passt er auch zur aktuellen Lage.
Das Schwierigste ist, sich loszureißen. Wir bereiten die Reise länger als ein halbes Jahr vor, aber wir packen noch einen Tag vor Abreise. Es ist wie Üben: später, wenn wir auf einem Zeltplatz ankommen werden, wenn die Sonne untergeht, während wir hastig das Zelt aufbauen, dann muss man im wahrsten Sinne des Wortes „blind“ das Gesuchte aus der richtigen Satteltasche ziehen. Vielleicht ist das umständliche Packen auch ein Ritual des Abschiednehmens? Solange die Taschen nicht verschlossen sind, können wir schließlich nicht losfahren, oder? Ich suche lange mein Lieblings-T-Shirt. Das war bei jeder langen Reise dabei, ohne geht es nicht, denke ich fast schon verzweifelt und verzweifle gleichzeitig wie man nur so kindisch sein kann. Als ich es finde, stelle ich fest, dass unten die Fäden raushängen. Egal, es muss mit. Vielleicht kaufe ich ja ein neues; unterwegs oder wenn ich zurückkomme. Ob es dasselbe nochmal gibt? Ich bin ein anhänglicher Mensch, sogar bei T-Shirts. Und das Abschiednehmen fällt mir schwer.
Das Haus. Der Garten. Unser Hund, der ist alt geworden in den letzten Monaten; er erträgt Trennungen so schlecht. Meine Eltern. Wir schlafen unruhig in unserem bequemen Bett, liegen aber still, um den anderen nicht zu stören. Ob meine Isomatte diesmal hält, denke ich während ich die Decke wegtrete, denn mir ist so komisch heiß. „Kannst du auch nicht schlafen?“, fragt Joachim. Draußen zwitschern die Vögel, es ist früh hell. Dann können wir auch aufstehen.

„Wir schreiben uns“, tröstet meine Tochter. In solchen Momenten liebe ich die Segnungen des Internets! Und dann geht es tatsächlich los: der erste Berg, den wir bewältigen, ist unsere Auffahrt – wenn wir den schaffen, kann nichts mehr schiefgehen. Etwas wacklig – puh, warum ist das Rad eigentlich so schwer? – trete ich an und schäme mich nicht, schon auf diesen ersten Metern Unterstützung durch den Elektromotor anzufordern. Oben auf der Straße beginnt ein kleiner Triumphzug: unsere Kinder winken, die Nachbarn auch. Vorschusslorbeeren, denke ich selbstkritisch, aber meine Augen werden feucht.
Noch nie habe ich mich schlechter vorbereitet gefühlt: Ich habe nicht nur bis zum letzten Tag gepackt, sondern auch für mein neuestes Buch gearbeitet, das wenige Tage vor Abreise erschienen ist. Seit Januar hatte ich extreme Rückenschmerzen – zuerst beim Joggen, dann Tag und Nacht – und mein Orthopäde hatte mir (wieder mal!) jeglichen Sport verboten. Aber ohne Sport explodieren meine Zuckerwerte; ich kann meinen Diabetes nur mit Bewegung (viel Bewegung!) und vernünftiger Ernährung im Schach halten.
Konsequenzen? Ich suchte mir einen neuen Orthopäden – einen, der selbst viel Sport macht. „Ihre Wirbelsäule ist eine Geröllhalde“, meinte er nach Blick auf das Röntgenbild und setzte hinzu: „Ich kann nichts versprechen, aber wir können es versuchen.“ Eine Laufanalyse ergab, dass ich eigentlich gar nicht laufen kann (naja, das ist jetzt etwas krass ausgedrückt, aber so fühlte sich sein vernichtendes Urteil an – immerhin jogge ich seit meinem 16. Lebensjahr …). Das Becken, der Schwerpunkt, das Abrollen – alles kam auf den Prüfstand. Und warum, zum Teufel, wackelte ich so seltsam mit den Hüften? Es hört sich vielleicht seltsam an, da ich hier über eine Radreise schreibe, aber ich bin eigentlich eine Läuferin. Das Fahrrad nutze ich im normalen Leben zum Einkaufen, als Transportmittel im Alltag und manchmal für Ausflüge, aber meine eigentliche Passion ist die Fortbewegung zu Fuß – beim flotten Gehen oder Joggen kann ich mich am besten entspannen und kriege den Kopf klar. Die Idee zu diesen Fernreisen wurde ursprünglich auch geboren aus meinem Wunsch einmal die Alpen zu Fuß zu überqueren. Joachim wandert auch gern, aber vor allem ist er ein passionierter Radfahrer. Seine Jahresleistung geht in die ich-weiß-nicht-wie-viele-Tausend-Radkilometer und sobald die Uhren auf Sommerzeit umgestellt werden, sind die Treffen mit den Jungs von MiRaGo ein fester Termin für ihn (Mittwochs Radgruppe Gottmadingen). Er hatte keine Lust auf eine so lange Wanderung mit schwerem Gepäck auf dem Buckel. „Denk an deinen Rücken“, sagte er schon vor drei Jahren und ich musste im recht geben. So ein Rad trägt klaglos nicht nur unser Gepäck, sondern auch die Riesenmengen Wasser, die wir tagsüber brauchen.
Zurück zum Rücken. Ich bekam neu angepasste Schuhe. Ich stand früher auf, um meine Dehnübungen zu machen, und meine Physiotherapeutin fand immer die richtigen Punkte, bei denen mir das Wasser in die Augen schoss. „Nicht die Zähne zusammenbeißen, den Unterkiefer entspannen, in den Schmerz reinatmen“, diese Worte wurden wochenlang zu meinem Mantra. Ganz ehrlich: viel schlimmer konnte es nicht mehr werden. Die Reise selbst stand für mich eigentlich nie zur Debatte – aber manchmal fragte ich mich schon, wie lange ich durchhalten würde. Aber mal andersrum gedacht – wenn es nicht mehr schlimmer werden kann, kann es eigentlich nur noch besser werden, oder? Einen Versuch war es also wert. Ich machte brav mehrmals täglich meine Dehnübungen, nutzte die Faszienrolle und lernte quasi neu laufen, kontrollierte bei jedem Schritt die Position des Beckens, und spürte tatsächlich nach etwa drei Wochen, dass sich die Dinge veränderten.
Der Schmerz kam in Bewegung und wanderte. Das war zwar interessant, aber zuerst einmal keine wirkliche Verbesserung. Die Fachleute erklärten mir, dass sich nun Verklebungen lösten, dass das Bindegewebe geschmeidiger würde und dass sich die gesamte Statik verändere – andere Bereiche meines Bewegungsapparates reagierten darauf – Huch! Etwas ist anders! – mit erschrockenen Verkrampfungen und Verkürzungen. Das ging über Monate: Mal tat es rechts weh, mal links, vom unteren Rücken sprang er ins Iliosakralgelenk, dann in die Hüfte und schließlich ins Knie. Es wäre zu viel behauptet zu sagen, dass man sich daran gewöhnt. Aber es tat gut zu spüren, dass der Schmerz nicht mehr festsaß, sondern sich veränderte. Ich fühlte mich nicht mehr so ausgeliefert, sondern konnte selbst etwas tun. Eine Zeitlang nahm ich Schmerztabletten, wenn es zu doll wurde, aber in sehr überschaubarem Rahmen – einfach um weiter trainieren zu können.
Als ich losfuhr, motzte mein Knie – auch deswegen war ich froh um den Elektromotor meines Fahrrades. Die Knieschmerzen begleiteten mich bis Budapest. Ich erinnere mich genau: Ich stand in der Nähe des Hauptbahnhofes an einer Ampel und wollte losfahren. Das Reißen im rechten Kniegelenk war so stark, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb. „Jetzt ist etwas im Knie kaputtgegangen“, rief ich Joachim zu, der erschrocken anhielt. Als ich abstieg, horchte ich in mich hinein. Etwas stimmte nicht. Etwas war unglaublich seltsam.
Der Schmerz war weg. Vollkommen verschwunden. Es war wohl die letzte Bindegewebsverklebung gewesen, die sich gelöst hatte. Als wenige Tage später beide Sprunggelenke wehtaten, lächelte ich nur darüber. Letzte Etage. Der Schmerz war einmal vom Rücken nach ganz unten gewandert und konnte jetzt in den Boden abfließen – nicht ganz wissenschaftlich, aber ein schönes Bild. Wir haben auf der gesamten siebenwöchigen Reise vier Ibuprofen Tabletten gebraucht: zwei habe ich genommen und zwei brauchte Joachim, als er mitten in Serbien plötzlich Fieber bekam. Unsere Schmerzmittelvorräte brachten wir fast vollständig nach Hause (dafür mussten wir Kohletabletten nachkaufen – aber das ist ein anderes Kapitel).
Das alles wussten wir noch nicht an diesem wunderbaren sonnigen Julitag, als wir endlich in die Pedale traten. Aber kaum sind wir um die Ecke gebogen und das Haus ist außer Sichtweite ist es sofort wieder da: dieses Gefühl gemeinsam unterwegs zu sein. Dieses Gefühl der Verbundenheit. Und dieser doofe Schmerz im Knie.
Mit unseren Radreisen sammeln wir Spenden für Kinder in Bosnien. Aktuell packen wir Überlebenspakete für Familien in Bosnien, die durch die Corona-Krise unverschuldet in Not geraten sind. Wenn dir meine Reiseberichte gefallen, freuen wir uns über eine kleine Spende an die Corona-Nothilfe der AWO-Bosnienhilfe – Wir sind gemeinnützig; deshalb erhältst du eine Spendenbescheinigung!








