
Mit jedem Kind wird der Satz geboren: „Zieh dir die Jacke an, wenn du raus gehst!“ Ob das heutzutage noch stimmt? Ärzte beklagen, dass Kinder nicht mehr auf einem Bein balancieren können, auf Elternabenden tobt der Kampf, ob Kinder bei Regenwetter auf den Pausenhof „müssen“. Vor Kurzem hörte ich im Radio: „Kinder an die frische Luft“ – es war ein Werbespot für Fenster. Als Medizinstudentin wurde ich öfters nach Tricks gefragt, mit denen man Bundeswehrärzten glaubhaft körperliche Untauglichkeit vorgaukeln könne – heutzutage freuen sich die ärztlichen Kolleginnen bei der Musterung, wenn ein Kandidat „Trainingspotential“ zeigt – weil echte Fitness kaum noch gegeben ist. Was ist da passiert?
Ich war froh um jede Stunde, die meine Kinder draußen verbrachten – auch wenn sie – besonders im Herbst – das Haus nach einem Outdoor-Nachmittag nur noch durch die Waschküche betreten durften. Die dreckigen Schuhe blieben dort, oft wanderte auch die Kleidung direkt auf den Haufen Dreckwäsche (nein, Schmutzwäsche, wäre hier ein zu schwacher Begriff).
Unsere Kinder waren übrigens nachmittags selten allein. Eine ganze Rasselbande wuselte regelmäßig rund um unser Haus oder ging auf Expedition in der Nachbarschaft. Warum sie es liebten, ihre Nachmittage bei uns zu verbringen? Dass ich gern für Kinder backe, hatte sich schnell herumgesprochen, aber Kuchen und Kakao schmeckten noch einmal so gut, wenn man durchgefroren und mit roten Backen von draußen ins Warme kam. Bevor ich diesen Text schrieb, habe ich meine – inzwischen erwachsenen Kinder – noch einmal nach ihren Erinnerungen gefragt und wurde mit Anekdoten bombardiert: „Weißt du noch die Garten-Sushi?“ Oh ja, ich erinnere mich nur zu gut. Der Sand knirscht mir heute noch zwischen den Zähnen. Unsere selbstgezogenen Karotten wurden, kaum, dass sie ein paar Millimeter Durchmesser hatten, erbarmungslos aus der Erde gezogen und in Salatblätter gewickelt – natürlich alles ungewaschen. Tapfer würgte ich das Zeug hinunter und hatte immer ein leises Grauen davor, dass ich vielleicht mal eine fette Nacktschnecke erwischen könnte. Oder der Nachmittag, als die Kinder sich zum Wettrülpsen auf der sonnenwarmen Treppe trafen und mir es auch beibringen wollten (ich kann es heute noch nicht). Wettpupsen gab es auch. Nachts im Zelt im Garten – nachdem sich alle am Zwiebelkuchen rund und satt gegessen hatten. Oder das Geheimhaus. Die selbstgebaute Bude stand zwar für jedermann zugänglich im Garten, aber handgemalte Totenkopf-Schilder schreckten die Erwachsenen ab.

Die Schlacht mit Lehmklumpen-Munition jedoch fand unter strenger Geheimhaltung statt und erklärt mühelos, warum ich damals zuerst die Gesichter der Kinder waschen musste, um zu erkennen, dass es wirklich meine eigenen waren. Manchmal war sogar meine Hilfe gefragt: Ein Nachbarsjunge bat artig um die Gießkanne: „Frau Blatter, ich glaube, Ihre Tochter brennt!“ – Da hatte unsere Tochter die Glut (etwa so viel wie eine Zigarettenkippe) schon längst selbst gelöscht, indem sie sich am Boden wälzte und vorschriftsmäßig laut um Hilfe rief. Bevor sie die Erlaubnis zum Zündeln bekam, hatten wir nämlich mögliche Notfälle besprochen. Nun braucht man zum Zündeln aber nicht unbedingt eine Erlaubnis. Deshalb fuhr unser Sohn auch einen Plastiktraktor mit eigenartig verformtem Heckbereich: Der Versuch, einen „echten“ Auspuff mittels Chinaböller zu installieren ging – nun ja – daneben. Hier war meine Hilfe übrigens nicht erbeten. Gab es denn gar keine Regeln für unsere Kinder? Doch: Handyverbot und Fernsehen nur an den Wochenenden. Manchmal war das peinlich. Aber irgendwann waren sie sogar stolz darauf.
Dieser Text erschien vor einiger Zeit in gekürzter Form als Kolumne im Südkurier. Da ich hier etwas mehr Platz habe, möchte ich auch mal auf die Kehrseite blicken. Denn sind wir mal ehrlich: Klingt dieser Text nicht zu schön, um wahr zu sein? Mir ist klar, dass ich privilegiert bin, da wir auf dem Land leben und die Kinder mit Bach und Feldern vor der Haustür jede Menge Auslauf haben. Ich habe mir viel Zeit für die Kinder genommen – aber wenig für mich selbst. Nein, ich war nie „Nur-Hausfrau“ und Mutter. Ich war immer berufstätig – allerdings unter großen Schwierigkeiten. Wir haben als Familie einige Jahre im Ausland gelebt und als mein Mann nach Deutschland versetzt wurde, war es mir viele Jahre lang nicht möglich, an meinen alten Beruf als Ärztin anzuknüpfen. In der Schweiz hatte ich eine Teilzeitstelle gehabt, in Deutschland gab es entweder diese Stellen nicht – oder nur auf dem Papier (also 50 % Lohn und jede Menge unbezahlter Überstunden, Wochenend- und Bereitschaftsdienst nach unkalkulierbaren Plänen). Außerdem steckte die Kinderbetreuung damals noch (Achtung, Gag!) in den Kinderschuhen. Ich schlug mich mit Jobs und Vertretungen durch, bis ich durch den großen Druck selbst krank wurde. Danach entschloss ich mich zur Freiberuflichkeit und arbeitete als Dozentin in der Erwachsenenbildung vorwiegend an den Wochenenden. Unter der Woche begann ich die ersten Bücher zu schreiben und sprang 2010 ins kalte Wasser des freiberuflichen Autorinnenlebens. Meine Privilegien wurden also mit großen Einschränkungen erkauft – wer zum Beispiel immer dann arbeitet, wenn andere frei haben, versteht sicher, was ich meine. So war es zum Beispiel nicht einfach Freunde an unserem neuen Wohnort zu finden. Das Leben ist immer eine Gratwanderung und wenn man zu einer Sache „Ja“ sagt, sagt man zu tausend Alternativen „Nein“. Aber das kann man lernen … und ich lerne noch fleißig 😉