03/20 2020

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht!

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Überall organisieren zurzeit Nachbarn Hilfe für Menschen in Corona-Quarantäne, Ältere, Behinderte und andere, die momentan nicht zum Einkaufen können oder sollen. Ich bin aktuell in mehreren Gruppen Mitglied, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen und heute sind ein paar Dinge passiert, die mich dazu bringen, diesen Beitrag zu schreiben. Ich möchte euch Fälle aus der Praxis schildern, bei denen man schwuppdiwupp – ohne es zu wollen – Teil einer neuen Infektionskette werden kann. Außerdem möchte ich einige Anregungen geben, wie ihr Alltags-Hygiene gestalten könnt, so dass ihr euch daheim sicher fühlt und die unsichtbare Bedrohung ein wenig vergessen und euch vom Corona-Stress erholen könnt.

Unser Einsatz in der Nachbarschaft wird nämlich länger dauern. Wir brauchen Inseln der Ruhe. Was wir nicht brauchen, sind „Action-Helden“, denn Aktionismus schadet mehr, als dass er nützt.

Als Nachbarschaftshilfe begleiten wir keine Notfälle (dafür gibt es den Rettungsdienst). Unsere Aufgaben sind planbar und wir nehmen uns dafür Zeit. Das schützt alle Beteiligten, vermeidet negativen Stress und macht bessere Laune (wir brauchen sie!!)

Hier meine Tipps:

Erst denken, dann handeln!

Grundsätzlich gilt: rennt nicht einfach kopflos aus dem Haus und schleppt zusammen mit den schweren Einkaufstaschen das Virus von Haus zu Haus – schlimmstenfalls genau zu denjenigen, die am wehrlosesten sind. Ihr solltet euch auch niemals selbst in gefahr bringen – allein die Tatsache, dass ihr regelmäßig in Läden geht, mahnt uns schon zur Umsicht.

Alle Abläufe durchdenken und im Voraus planen: Soziale Distanz ist nicht unhöflich, sondern ein Zeichen der Fürsorge

Generell gilt: HelferIn und Hilfsbedürftige behandeln sich gegenseitig so, als SEIEN sie infiziert, da auch symptomfreie Personen das Virus schon ausscheiden können. Deshalb halten wir Abstand und zwar IMMER und ausnahmslos!

Wir machen den ersten Kontakt mit der hilfsbedürftigen Person telefonisch. Einkaufszettel und Vorkasse werden in einem Umschlag vor der Haustür deponiert. Ich kaufe ein und verpacke alles in kleine  Mülltüten – ich nehme keine Tasche etc. der Hilfsbedürftigen oder gar meine eigene, um dann im Treppenhaus oder Vorgarten alles umständlich aus- und umzupacken (alles schon gesehen …!) Sorry für den Plastikverbrauch, aber ich habe im letzten Jahr so viel eingespart, dass ich jetzt mein „Kontingent“ bedenkenlos aufbrauche …

Bevor ich vom Einkaufen zurückkomme, melde ich mich mit dem Handy an und deponiere die Einkäufe sowie den Umschlag mit Kassenbon und Rückgeld vor der Haustür. Eigentlich sollten wir niemals in Vorkasse gehen, aber ich mache das gelegentlich, wenn ich die Leute persönlich kenne (wir leben ja auf dem Land!) oder wenn es nur kleinere Beträge sind. Wenn ihr euch sicherer fühlt, tragt Handschuhe. Denkt aber daran, dass ihr auch mit Handschuhen das Lenkrad und die Türgriffe im Auto oder den Fahrradlenker anfasst und reinigt diese Flächen regelmäßig.

Helfer oder Familienmitglied erkältet – was tun?

In einer der Nachbarschafts-Gruppen bot jemand Hilfe an und im Gespräch stellte sich dann – quasi im Nebensatz – heraus, dass ein Familienmitglied heftige Erkältungssymptome hat. Kein Aufenthalt in einer Risikoregion und kein Kontakt zu einer Risikoperson – aber wer von euch kann jetzt auf Anhieb sagen, in welchem Regionalzug oder Bus euch eine Person angehustet hat oder euch im Supermarkt zu nah auf die Pelle gerückt ist?

Diese Person wurde zwar auf die Liste der Hilfswilligen gesetzt, aber im Status „inaktiv“, da aktuell nicht sicher coronafrei. Der Hausarzt soll nun entscheiden, inwieweit eine Testung des Angehörigen in diesem Fall Sinn macht. In einem solchen Fall gilt häusliche Quarantäne für das symptomatische Familienmitglied und freiwillige Quarantäne sowie engmaschige Beobachtung der restlichen Familie. Die anderen Familienmitglieder sollen sich so verhalten, als SEIEN sie infiziert. Nach Möglichkeit sollten Mahlzeiten nicht gemeinsam eingenommen werden und das Bad nicht gemeinsam benutzt werden. Nicht symptomatische Familienmitglieder dürfen raus, um Besorgungen zu erledigen, sollten aber penibel alle Sicherheitsabstände einhalten. Falls ein Aufenthalt in einer Risikoregion oder Risikokontakte nachweisbar sind, wird getestet (vorher den Hausarzt oder die regionale Hotline telefonisch informieren, NIEMALS unangemeldet  in die Praxis gehen). Hoffen wir mal, dass der Angehörige unseres Anrufers lediglich eine harmlose Erkältung hat und demnächst für andere einkaufen kann und nicht selbst beliefert werden muss.

Car-Sharing und Fahrgemeinschaften

Heute bot mir eine sehr nette, ältere und chronisch kranke Dame ihr Auto an, um es für Hilfseinsätze während der gesamten Corona-Zeit zu nutzen. Einmal abgesehen davon, dass ich keinen Schimmer habe, wie lange diese „Corona-Zeit“ noch dauern wird: Ich werde nicht das Auto einer potentiell abgwehrgeschwächten Person mit Viren kontaminieren, die ich unter Umständen durch meine Einkauferei munter durch die Gegend schleppe. No way! Ich war trotzdem sehr gerührt und habe mich bedankt 😉 Für alle anderen gilt: wer gemeinsam das Badezimmer benutzt, darf auch zusammen im Auto fahren. Ich würde aktuell die Zahl der Mitreisenden deutlich einschränken und lieber mal zu Fuß gehen oder das Fahrrad benutzen. Viele sind bei uns jedoch aufs Auto angewiesen, da die Bahn kaum noch fährt. Wer kann, sollte Homeoffice beantragen.

Und wenn ich vom Einkaufen zurückkomme? Handlungsprinzip OP-Schleuse

Viele, die – auch in sozialer Distanz – Kontakt mit Corona-Quarantänern (sagt man so?!) hatten, machen sich Sorgen, etwas nach Hause einzuschleppen. Ich gebe mal ein Beispiel, wie ihr strategisch vorgehen könnt – übrigens IMMER und nicht nur dann, wenn ihr Kontakt mit einem Erkrankten hattet. Dann entwickelt ihr eine Routine, und die notwendigen Maßnahmen laufen irgendwann automatisch ab. Alle, die mal eine Operation mitgemacht haben, kennen diese Situation: Man wird im Krankenhausbett an eine Art „Durchreiche“ gefahren, dort komplett entkleidet und mit einem Laken bedeckt, bevor man auf der OP-Liege landet. Der Sinn dieser Prozedur: möglichst wenig krankmachende Keime in den Operationsbereich einzuschleppen (deshalb gibt es auch separate, sogenannte septische Operationssäle, für Eingriffe, bei denen (unter Umständen) infektiöses Material freigesetzt wird.

Dieses Prinzip der OP-Schleuse können wir auch auf unseren Alltag umsetzen. Natürlich ist jegliche Keimfreiheit eine Illusion, aber wir können einiges erreichen und gleichzeitig viel für unsere Lebensqualität tun. Es funktioniert so: Wir sollten einen Bereich definieren, den wir „außen“ nennen (vergleichbar dem Krankenhausbett, mit dem wir an die Schleuse gefahren werden), ein zweiter Bereich fungiert als „Schleuse“, und wenn wir das diszipliniert durchziehen, gibt es den Bereich „innen“, in dem wir uns entspannt bewegen können, da keine (naja, möglichst wenige) Keime eingeschleppt werden.

Und wie sieht das praktisch aus?

Ich gebe ein Beispiel: Wenn wir das Haus, resp. die Wohnung betreten, ist der Flur die „Schleuse“. Dort ziehen wir sofort die Schuhe aus (man kann sie auch im Treppenhaus lassen). Jacken und Mäntel landen auch in diesem Bereich, idealerweise nicht auf einem großen Kleiderhaufen, sondern aufgehängt. Wir haben unsere Jacken aktuell deutlich reduziert und die Garderobe ausgemistet. Dann geht es schnurstracks zum gründlichen Händewaschen ins Bad oder in die Gästetoilette (in vielen Wohnungen ist die ja direkt beim Eingang – bei uns leider nicht).Ein- oder zwei Hände Wasser ins Gesicht zu werfen, ist sicher auch keine schlechte Idee – vor allem bei Männern mit prächtigen Bärten (da sammelt sich ja sowieso so einiges an …).

Die Wäsche

Jedes Familienmitglied hat ein eigenes Handtuch, das regelmäßig gewechselt und mindestens bei 60 Grad mit einem Vollwaschmittel (mit Bleiche!) gewaschen wird (dann braucht es keinen zusätzlichen Hygienespüler) oder ihr benutzt Einmalhandtücher. Das ist die Grundlage der Schleuse. Macht es auch Sinn die Kleidung zu wechseln? Wenn du vom Spazieren oder der Gassirunde kommst und niemandem zu nahe getreten bist, brauchst du dir wegen deiner Kleidung keine Sorgen zu machen. Wir wechseln die Hosen, wenn wir im Laden waren oder mit potentiell infektiösen Menschen Kontakt hatten. Wenn es wärmer wird und wir nur im T-Shirt draußen unterwegs sind, wird wohl auch das T-Shirt gewaschen. Die ganze „Draußen-Kleidung“ wird regelmäßig gewaschen. Bei Kleidung, die nicht mit 60 Grad gewaschen werden kann, benutzen wir Hygienespüler oder – das ist viel umweltfreundlicher! – trocknen alles draußen in der Sonne. UV-Licht tötet Krankheitserreger effektiv ab.

Wenn ihr beim Betreten der Wohnung diese „Schleusenfunktion“ richtig durchführt, könnt ihr euch drinnen entspannt bewegen und seid sicher, dass ihr die größtmögliche Keimreduktion erreicht habt, wenn ihr eins nicht vergesst:

Richtig putzen!

Ganz ehrlich: ich mag es , wenn es sauber ist, aber ein „Putzteufel“ war ich nie. Hygienisch und einigermaßen ordentlich reicht mir, um mich wohlzufühlen. Auf meinem Grabstein wird  sicher nicht der Satz stehen „Ihre Fenster waren immer schön geputzt!“ – aber da ich in nächster Zeit keinen Grabstein über meinem Kopf haben will, putze ich zur Abwechslung mal richtig systematisch und gründlich. Und nicht nur die Böden: Alles, was eure Hände anfassen, sollte jetzt besonders häufig gereinigt werden – wie z.B. die Griffe von Schubladen und Küchenschränken, auch die Wasserhähne im Bad. Wusstet ihr, dass das Innere der Kloschüssel bei den Deutschen oft weniger Keime aufweist, als der Kühlschrank? Die Toilette wird nämlich häufiger gerputzt…. In Corona-Zeiten ist es dann wirklich an der Zeit auch mal den Kühlschrank fgründlich zu reinigen – und auch mal hinter den Gummidichtungen der Spülmaschine zu wischen. Erstaunlich, was sich dort ansammelt: nämlich der ideale Nährboden für Gruselkeime aller Art (nicht nur Corona)! Man braucht da übrigens keine speziellen Kühlschrank- oder Spülmaschinenreiniger: Wir stellen alle Haushaltsreiniger selbst her; das ist günstig, umweltfreundlich und spart tonnenweise Plastik: Organgenschalen, Essigessenz, Soda, Spiritus und Schmierseife – mehr brauchen wir nicht. Jetzt haben wir noch hochprozentigen Alkohol im Reiniger-Sortiment, aber wir setzen ihn zur Flächendesinfektion eher sparsam ein. Was wir regelmäßig desinfizieren sind Haustürgriffe, Klingelknopf und Briefkasten – nicht zu unserem Schutz, sondern vor allem zum Schutz der ZustellerInnen. Ach so: Fensterputzen ist noch immer nicht so meins … aber dort sitzen auch nicht die meisten Viren 😉

Desinfektionsmittel ist nicht gleich Desinfektionsmittel!

Aufgepasst! Auf vielen Händereinigunsges steht drauf: Tötet mindestens 99% aller Bakterien ab. Diese Mittel sid gegen behüllte Viren wie Corona unwirksam! Viel effektiver ist dann das gute alte Geschirrspülmittel oder Seife – diese Reinigungsmittel zerstören die fetthaltige Hülle des Virus aufweichen und es kann dann quasi abgewaschen werden. Solange die Seife zwischendurch trocknen kann, ist feste Seife übrigens genauso hygienisch wie Flüssigseife. Auch unterwegs kann man einfach mal zwischendurch die Hände mithilfe einer Wasserflasche abspülen. Wenn ihr Desinfektionsmittel für unterwegs dabei habt, achtet auf einen Alkoholgehalt von mindestens 70%. Im Internet findet ihr Anleitungen, um Desinfektionsgel selbst herzustellen. Ein preisgünstiger Grundstoff ist Weingeist oder der gute alte Melissengeist (den man bei Panikattacken verdünnt (!) auch innerlich anwenden kann – ok, das ist nicht gesund, aber diesen Scherz konnte ich mir nicht verkneifen!). Achtet bei alkoholischer Händedesinfeltion auf die Hautpflege. Hochprozentiger Alkohol trocknet die Haut aus – und rissige Haut schmerzt beim Waschen; ihr werdet dann die Handhygiene vernachlässigen und das wäre wirklich fatal. Wenn ihr jetzt noch daran denkt, zweimal täglich das Smartphone abzuwischen, und die üblichen Empfehlungen der Nies- und Hustenettikette umzusetzen, seid ihr ziemlich auf der sicheren Seite.

Ich hoffe, diese Tipps helfen euch ein wenig weiter. Es braucht momentan viel Disziplin und man hat das „Sch….Virus“ eigentlich immer im Hinterkopf. Aber es ist eine Tatsache – wir werden einige Zeit mit dieser Bedrohung leben müssen (und leben wollen wir – und wie!) – wir werden es lernen und damit klar kommen. Verantwortungsvoll und gemeinsam. Falls Ihr Fragen habt, nutzt die Kommentarfunktion. Ich werde mich bemühen, zeitnah zu antworten.

Dieser Text oder Textauszüge dürfen unter Angabe der Quelle https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/ zu Informationszwecken verwendet werden. Sinnentstellende oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate (#CoronaFake) sind zu vermeiden.

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