07/08 2020

Ey, ich schwöre: Ulm ist was ganz Besonderes!

Donaureise Tag 5

Der Plan war einfach: Sonntag in Ulm ankommen, Montagvormittag Treffen und Interview im Donaubüro und dann weiterfahren. Aber so geht das nicht – zumindest, wenn wir an DIESEM Montag ankommen: Es ist nämlich Schwörmontag, der höchste Feiertag in Ulm und nachmittags ist Nabada (übersetzt: Hinunterbaden) angesagt. Wenn wir das versäumten, wäre das etwa so, wie am Rosenmontag in Köln den Karneval zu verpassen.

Wir wissen bereits aus Erfahrung, dass Camping in Städten schwierig ist. Die meisten Ulmer Campingplätze befinden sich auch im Umland. Die einzige Möglichkeit unser Zelt im Stadtgebiet aufzubauen, ist der Campingplatz beim Paddel-Club in Neu-Ulm und der ist rappelvoll (Anmerkung: auch unter normalen Umständen empfiehlt sich eine telefonische Reservierung!).

Mit viel gutem Willen findet sich dann doch ein Plätzchen. Wir räumen die Mülltonnen einfach in eine andere Ecke und dann ist es schon ok … Als Dankeschön für unsere sportliche Fortbewegungsart zahlen wir dann einen Sonderpreis und alle sind zufrieden.

Rund um uns steigt eine Riesenparty, aber irgendwann sind wir so müde, dass wir – von Technobeats umwummert – in einen unruhigen Schlaf sinken. Am Morgen steigen wir über einige Bierleichen und machen uns auf zum Donaubüro, das sich in einem schön restaurierten Haus mitten in der Altstadt befindet. Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass das Gebäude ursprünglich als Pferdestall diente. Wir werden von Kathinka Leyhr und Veronika Wierer herzlich empfangen. Die beiden nehmen sich viel Zeit, um unsere Fragen zu beantworten.

Die Donau definiert Landesgrenzen, als Wasserstraße verbindet sie aber auch Regionen und Menschen seit Tausenden von Jahren, so dass entlang des Flusslaufs ein riesiger Kultur- und Wirtschaftsraum entstanden ist. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde es wieder möglich, das Verbindende stärker ins Auge zu fassen. Diesem Thema widmet sich das Donaubüro in vielen Facetten. Der Standort Ulm ist dabei gut gewählt, ist doch die Doppelstadt aus Ulm und Neu-Ulm selbst ein Zeichen dafür, dass die Donau verbindet und nicht trennt: Ulm liegt in Baden-Württemberg und Neu-Ulm in Bayern. In der Coronakrise haben die Menschen das übrigens wieder mal zu spüren bekommen, als in beiden Bundesländern unterschiedliche Richtlinien galten.

Aber jetzt, an diesem sonnigen Morgen im Jahr 2019, denkt noch niemand an eine Pandemie. Das Donaubüro wurde 2002 gegründet, es gab jedoch eine lange Vorgeschichte von Kontakten und Städtepartnerschaften in Südosteuropa, die auch in Zeiten des Kalten Krieges gepflegt wurden. Die Initialzündung war dann 1998 mit dem ersten Internationalen Donaufest, dass seitdem alle zwei Jahre stattfindet und inzwischen Hundertausende Besucher zählt.

Ursprünglich standen Interessen und Themen des Wirtschaftsraumes Donau im Vordergrund, aber mit den Jahren erweiterte sich das Tätigkeitsfeld, das Kathinka Leyhr so zusammenfasst: Nachhaltigkeit, Bildung, Mobilität. Neben der Entwicklung eines Tourismus, der Menschen und Natur guttut, stehen auch Aktivitäten gegen Menschenhandel und Prostitution im Fokus. Die Projektarbeit ist sehr stark geprägt von persönlichen Begegnungen und dem Austausch auf kommunaler Ebene.

Wir interessieren uns naturgemäß besonders für die Bereiche Tourismus und Mobilität. Wir schildern ein ärgerliches Problem, das wir bei der Vorbereitung unserer Reise hatten: Eigentlich wollten wir mit dem Zug zurückfahren. Auch wenn es 30 Stunden dauert und mehr als das Doppelte kostet. Aber entweder konnten wir keine Reservierung für den Nachtzug ab Wien bekommen oder man lehnte es ab, unsere Fahrräder zu transportieren.

Kathinka Leyhr nickt, als sie das hört. Nah- und Fernverkehr im Donauraum zu vernetzen, sprengt im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen. Sie stellt ein Projekt vor, das den Tourismus entwickeln soll. Mit Danube Perls wurde ein Gütesiegel für nachhaltigen und ökologisch verträglichen Tourismus im Donauraum geschaffen.

Die Anschubfinanzierung kam über die EU. Regionen mit schützenswerter Natur schwächeln oft wirtschaftlich. Nachhaltiger Tourismus hilft also nicht nur der Natur, sondern schafft Arbeitsplätze, so dass Armutsmigration gestoppt wird. Gleichzeitig zählen auch Projekte zur Verbesserung der Zivilgesellschaft mit zu den „Perlen“. Es sind noch einige dicke Bretter zu bohren, bis zum Beispiel ÖPNV sowie Radwege und Fernverkehr sinnvoll miteinander vernetzt sind, aber bereits jetzt bündelt die App des Eurovelo 6 regionale Angebote. Wir nehmen uns vor, die App und die Angebote der Danube-Pearls nach Möglichkeit zu nutzen, um uns selbst ein Bild zu machen. In sechs Regionen wurden außerdem bislang knapp 100 Trainer ausgebildet, die weitere Guides schulten, welche nun lokal Führungen in Naturschutzgebieten anbieten – auch dies ein Beitrag zum nachhaltigem Tourismus. Wir erhalten einen Kontakt in Belgrad, wo wir in einem Partnerprojekt der Danube-Pearls mit einem Verantwortlichen sprechen werden und weitere Informationen aus erster Hand bekommen. Die Einfahrt nach Belgrad gilt als eine der gefährlichsten Teilstrecken auf dem gesamten Donauradweg. Falls wir überleben, werden wir also in dieser Stadt einen kompetenten Gesprächspartner finden 😉

Aber zuerst heißt es, auf zum Rathaus! Als wir durch die Menge geleitet werden und uns auf reservierten Plätzen niederlassen, kommt kurz VIP-Gefühl auf. Der Schwörmontag fällt immer auf den dritten Montag im Juli. „In einer etwa einstündigen Schwörrede legt der Bürgermeister Rechenschaft über das vergangene Jahr ab und stellt den rund 115.000 Ulmerinnen und Ulmern die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Pläne für die nächsten 12 Monate vor.

In Tradition der reichsstädtischen Verfassung, dem »großen Schwörbrief« aus dem Jahre 1397, leistet das Stadtoberhaupt am Ende seiner Rede den Eid auf die Stadtverfassung. Mit den Worten »Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in allen gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne Vorbehalte« schwört er beim Klang der Schwörglocke, das Beste für seine Ulmer erreichen zu wollen. Daher rührt auch der Name des „Schwörmontags“. (Quelle: schwoermontag.com)

Und den Rest des Tages heißt es: Feiern! Und zwar ganz groß und bunt und laut. Als rosemontagsgestählte Kölnerin fühle ich mich pudelwohl. Hier sollen die Bilder sprechen – mit leiser Wehmut, da – Corona will es so – dieses Jahr am Schwörmontag fast alle öffentlichen Veranstaltungen ausfallen werden.

Für die Statistik:

In Ulm sind wir insgesamt 11 Kilometer gelaufen

TOUR-TOTAL ab Tag 1: 297 zurückgelegte Kilometer

Mit unseren Radreisen sammeln wir Spenden für Kinder in Bosnien. Aktuell packen wir Überlebenspakete für Familien in Bosnien, die durch die Corona-Krise unverschuldet in Not geraten sind. Wenn dir meine Reiseberichte gefallen, freuen wir uns über eine kleine Spende für die AWO-Bosnienhilfe – Wir sind gemeinnützig; deshalb erhältst du eine Spendenbescheinigung!