03/05 2020

Die Welt ist groß und schmutzig

Ich zeige euch hier ein Fläschchen, dessen Inhalt ich vermutlich momentan zu Höchstpreisen versteigern könnte. Handdesinfektionsgel. Ich habe es im Rucksack gefunden und überlegt, wann ich es dort reingepackt habe. Ach ja – im Dezember waren mein Mann und ich acht Tage mit dem Zelt in Afrika unterwegs – und zwar ziemlich jottwede, wie man in Berlin sagt (janz, janz weit draußen). Gesundheit ist immer wichtig. Also ließen wir uns impfen und besorgten diese angesagten Malariatabletten, von denen es heißt, dass man davon Halluzinationen kriegen könnte. „Geil“, sagte eine Mitreisende – „Ich LIEBE diese Träume.“ Leider – oder glücklicherweise – habe ich das Zeug nebenwirkungsfrei vertragen. Ich hatte auch kaum Zeit zum Träumen, weil nachts die Löwen brüllten, die Hyänen kicherten oder der Sternenhimmel so gigantisch war, dass es wie Zeitverschwendung schien, die Augen zu schließen. Aber zurück zur Gesundheit: Jottwede heißt auch weit, weit weg von üblichen sanitären Standards. Trinkwasser mit leichtem chemischem Beigeschmack gab es aus Kanistern und unsere Reiseleitung scheuchte uns vor jeder Mahlzeit kollektiv zum Händewaschen. Ja, Löwen sind gefährlich und Flusspferde sogar noch mehr – die Geier kreisten über uns und warteten nur darauf, dass wir einen dummen, dummen Fehler machten … und diese mikroskopisch kleinen Erreger nicht ernstnahmen, die auf allen Oberflächen lauerten. Waaah! Eine aus unserer Gruppe hat es tatsächlich erwischt und während wir ehrfürchtig auf Abstand gingen, fiel mir ein, wie es war, als ich mal in einer Wüstenstadt gedankenverloren das Glas Wasser getrunken hatte, das es zum Kaffee gab … Je nun, ich hab’s überlebt – aber wenn man mich damals gefragt hätte, hätte ich vermutlich einen schnellen und schmerzfreien Tod vorgezogen.

Also kurz und gut – wir passen auf. Wir desinfizieren auch unsere Hände, wenn es sein muss. Aber schaut mal, wie viel Gel noch übrig ist: Zwei Personen reisen acht Tage durch Afrika – wir haben etwa 25 ml gebraucht. Was will ich damit sagen? Es besteht nicht die geringste Notwendigkeit, das Zeug LITERWEISE zu verbrauchen und die Apotheken leerzukaufen. Es gibt jedoch Menschen, für die Desinfektionsmittel (über)lebenswichtig sind: zum Beispiel PatientInnen mit einer Abwehrschwäche nach Chemotherapie, nach Organtransplantation aber auch mit immunmodulierender Therapie z.B. bei Rheuma, um nur einige Beispiele zu nennen. In Arztpraxen und Krankenhäusern wird das Zeug ebenfalls dringend benötigt. Wenn man von Bett zu Bett eilt, oder sich die PatientInnen im wahrsten Sinne des Wortes die Klinke in die Hände geben, muss es eben manchmal etwas fixer gehen mit der Desinfektion.

Wir sind ja öfters mal unter hygienisch nicht ganz einwandfreien Rahmenbedingungen unterwegs (z.B. auf unseren Radreisen) – Händedesinfektionsgel ist immer im Reisegepäck. Aber wir brauchen es selten. Warum? Weil wir unsere Hände WASCHEN. Das möchte ich euch ans Herz legen. Wenn Corona durch ist, werden wir vermutlich über ärgerliche Folgeerkrankungen lesen: Die menschliche Haut mag es nämlich nicht besonders gern, wenn sie ständig mit hochprozentigem Alkohol traktiert wird. Zusatzstoffe wie z.B. ätherische Öle können außerdem bei vorgeschädigter Haut leicht zu Allergien und Ekzemen führen. Alkohol ist ein Gift. Ich weiß das genau, habe ich doch die erste Hälfte meines Berufslebens viel Zeit in Operationssälen und auf Intensivstationen verbracht und die zweite Hälfte mit Suchtprävention und -therapie.

Zugegeben: Einen kleinen Vorrat an Desinfektionsmittel habe ich tatsächlich immer im Haus – seit unsere Kinder mal den Norovirus heimbrachten, weiß ich aber auch wie begrenzt es wirkt … Untersuchungen zeigen, dass hier nämlich Seife wirksamer ist als jeder Alkohol. Gegen bakterielle Sporen und Protozoen (zum Beispiel Amöben) sind alkoholische Desinfektionsmittel übrigens komplett unwirksam. Es tut mir leid, dass ich euch die Illusion der keimfreien Umwelt raube. Die Welt ist groß und schmutzig – endgültige Sicherheit gibt es nicht. Aber wir können uns die Hände waschen, beim Husten und Niesen unsere Mitmenschen mit unseren Sekreten verschonen und Desinfektionsmittel für diejenigen übrig lassen, die sie wirklich brauchen. Mein Plädoyer: Passt auf, was ihr anfasst, öffnet die Türen auch mal mit dem Ellbogen, überlegt, welche Großveranstaltung momentan wirklich unverzichtbar ist und vor allen Dingen: Wascht eure Hände!

Und für alle, die die Finger partout nicht vom Alkohol lassen können, empfehle ich zwei Fingerbreit Whisky.

Bleibt gesund!

Übrigens: wie man mit Whisky dem Tod ein Schnippchen schlägt, verrate ich hier: Achtung Werbung 😉  

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