07/31 2020

Die Domglocken als Handyklingelton

Gespräch mit einer Frau, die es „so“ eigentlich gar nicht geben dürfte

Wir treffen Christine Mayr-Lumetzberger im Restaurant „Josef“, was irgendwie witzig ist. Denn Josef als leiblichen Vater Jesu zu sehen, ist genauso ketzerisch wie die Tatsache, dass Christine eine römisch-katholische Bischöfin ist.

Aus Kirchensicht ist das illegal, aber das war schon ihre Weihe zur Priesterin (2002). Damals gab es eine Bedenkzeit für Reue und Umkehr und als Christine hartnäckig blieb, folgte die Exkommunikation. Aus Kirchensicht die einzig mögliche Konsequenz. Christine lächelt das weg: „Im Vatikan werden die Kirchengesetze gemacht, und in Deutschland zu 100 % umgesetzt. Bei uns in Österreich läuft alles ein wenig g’schlamperter –passt scho.“

Natürlich lassen sich zweitausend Jahre Kirchengeschichte und damit verbundene Frauenfeindlichkeit nicht so einfach weglächeln. Aus frühchristlicher Zeit werden Diakoninnen erwähnt und ein Mosaik aus dem 9. Jahrhundert zeigt die „Episcopa Theodora“ – übersetzt Bischöfin Theodora. Aber bei diesen Überlieferungen ist es wie mit alten Gemälden: Sie sind überdeckt von einer dicken Schicht späterer Interpretationen. Das Christentum wuchs aus Wurzeln und Traditionen des Judentums, wo weibliche Priesterinnen undenkbar waren. Viele ChristInnen interpretierten zwar die Lehre Jesu als Frohe Botschaft einer Befreiungsbewegung – die Frauenemanzipation gehörte jedoch nicht dazu. Alles, was in diese Richtung ging, wurde schnell als Häresie, also Ketzertum diffamiert. Die erste Rabbinerin kam übrigens aus Deutschland: Regina Jonas wurde 1935 ordiniert, durfte aber nur eingeschränkt tätig sein. Sie wurde 1944 in Auschwitz umgebracht und es gibt in der öffentlichen Wahrnehmung nur weniges, was an diese Frau erinnert (auch ich kannte sie nicht, sondern wurde von einem Facebook-Freund auf sie aufmerksam gemacht). Seit den siebziger Jahren werden Frauen im progressiven Judentum regelmäßig zu Rabbinerinnen ordiniert – aber das Judentum ist auch zugegebenermaßen viel älter … vielleicht müssen die katholischen Frauen nur noch etwas mehr Geduld haben? So geschätzte zweitausend Jahre etwa?

Keine Zeit für Ironie. Frau Bischöfin hat zu tun – die Weihe einer Priesterin aus den USA steht an und wenn ihr Handy klingelt, ertönt das sonore Läuten der Linzer Domglocke, was dann auch wieder irgendwie witzig ist.

Die Zeremonie wird an der Donau stattfinden und erinnert an die Wurzeln der Bewegung: 2002 fuhren einige Frauen und Männer mit dem Schiff von Passau zur Schlögener Schlinge. Dort, wo die Donau eine Kehrtwende um fast 180 Grad vollzieht, wurden sieben Frauen zu römisch-katholischen Priesterinnen geweiht. Diese erste Weihe wurde durch einen Bischof vollzogen, denn auch Männer sympathisieren mit der Idee von Frauen in Weiheämtern. Mittlerweile sind es über 300 Frauen weltweit – auch meine Freundin Judith Gigl aus dem Hegau zählt dazu. Aber offiziell arbeiten dürfen sie nicht: Sowohl Österreich als auch Deutschland sind durch ein Konkordat (Staatvertrag) mit dem Heiligen Stuhl gebunden: „Der Staat kann nicht erlauben, was der Vatikan verboten hat“, stellt Christine fest.

Frauenproiesterinnenweihe am 29.06.20202 – Bildquelle: virtuelle-dioezese.de weitere Bilder: www.bilderbox.com, Suchbegriff: Frauenpriester Copyright (2002) by www.BilderBox.com

Aber es ist nicht das kirchenrechtliche Arbeitsverbot, das Christine weiter in ihrem Beruf als Lehrerin hielt. Die ehemalige Benediktinerin hat u.a. ein abgeschlossenes Lehramtsstudium in Sonderpädagogik und sieht sich in der Tradition der Arbeiterpriesterbewegung: „Frauen sollen ihr eigenes Geld erwirtschaften“, findet sie. „Sie sollen unabhängig von Männern sein – und die PriesterInnen unabhängig von Zuwendungen der Kirche.“ Die Bewegung der Arbeiterpriester entstand ursprünglich in Frankreich und sollte einen besseren Zugang zum Arbeitermilieu zu schaffen – als „Arbeitsgeschwister“ erlebte diese Bewegung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil neue Impulse und setzt sich auch heute noch ein für eine solidarischere Gesellschaft.

Warum tut Christine sich dies alles an? Wäre Konvertieren nicht einfacher?

„Ich bin leidenschaftlich ökumenisch“, antwortet sie. „Aber meine Kirche ist für mich Heimat. Dort sind meine Wurzeln. Aber wir können nicht auf ein Wunder von außen warten. Der Weg zu Reformen muss von innen heraus begonnen werden. Andere Konfessionen haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht. Wir bleiben dran und wir Frauen werden der Amtskirche ein steter Stachel im Fleisch bleiben.“

Dabei wirkt sie kaum wie eine Rebellin. Nachdenklich berichtet sie davon, wie nach der Weihe erst einmal für längere Zeit „Funkstille“ herrschte. „Nach einem solchen Ereignis muss man erst einmal bei sich selbst ankommen“, sagt sie. „Es gibt ja keine Vorbilder, an denen man sich orientieren könnte. Offiziell gibt es noch nicht einmal eine Aufgabe für mich.“ Ihre Lösung: „Warten. Beten. Sich finden lassen.“

Und wie bereits erwähnt: Es gibt genug zu tun. Die Bewegung, die einen Zugang für Frauen in Weiheämtern fordert, ist weltweit aktiv. Bei der Diakoninnenweihe meiner Freundin Judith lernte ich amerikanische Priesterinnen kennen; inspirierende Frauen, die auf beeindruckende Weise von lebendiger Gemeindearbeit berichten. Christine lacht: „Ja klar, die Amerikanerinnen – die machen einfach. Die legen einfach los!“

Ist ihre Bewegung männerfeindlich? „Natürlich nicht“, sagt sie. „Ohne Männer geht’s doch nicht – wie sowieso im Leben. Wir sollten da keine Fronten aufbauen. Außerdem herrscht doch überall Priestermangel. Gemeinden werden zu riesigen Seelsorgeeinheiten zusammengelegt. Priester leiden unter Burnout und Gläubige fühlen sich unverstanden und empfinden Priester als lebensfremd. Bei all diesen Problemen könnten Frauen eine echte Bereicherung für die Kirchenarbeit sein. Die Bewegung Maria 2.0 hat mit den Kirchenstreiks gezeigt, wie unverzichtbar Frauen in der Kirchenarbeit sind.“

Sie spricht nicht darüber, aber zwischen den Zeilen wird klar, wie tief die Wunden sind, die durch die nicht enden wollende Diskriminierung geschlagen wurden. Männerbünde verteidigen ihre Privilegien mit Zähnen und Klauen, aber so wie Christine vehement für Ökumene eintritt, löst sie auch andere Konflikte gern „amical“, also freundschaftlich. Ein probates Mittel sei es, gemeinsam zu kochen und zu essen. „Am Küchentisch löst sich manches Problem leichter als am Konferenztisch.“

Eine bittere Konsequenz ihres Handelns ist der Ausschluss von den Sakramenten. „Natürlich gehe ich zur Kommunion“, sagt sie. Und auch dieses Problem löst sie „amical“: „Jemand teilt seine Hostie mit mir. Selbstverständlich so, dass es alle sehen.“

Passt scho.

Dieses Gespräch erschien in gekürzter Fassung im August 2019 im Südkurier.

Anmerkung: Wir trafen Christine im Sommer 2019 während unserer Radreise entlang der Donau. Alle Berichte über diese Reise findet Ihr unter dem Stichwort Donau, alle weiteren Radreisen unter dem Stichwort Fahrrad. Viel Spaß!

Wer mehr über meine Freundin Judith lesen will, wird in diesem Artikel der taz fündig.