
Hallo Corona-Virus! Ich bin so dankbar, dass es dich gibt! Warum?
Weil die Deutschen endlich vollkommen hemmungslos ihrem liebsten Hobby – dem Shopping – frönen dürfen – und dabei auch noch das zutiefst befriedigende Gefühl haben, etwas Sinnvolles zu tun? Ähm, nein … Lasst mich mal ein bisschen ausholen, bevor ich die Frage beantworte. Dazu muss ich allerdings in die Vergangenheit blicken.
Isolation, Quarantäne, Schuldzuweisungen an Kranke – an irgendetwas erinnert mich das doch. Es war Mitte der Achtziger, als es erste Meldungen über eine „Schwulenseuche“ gab. Niemand wusste Genaueres, aber ich habe das Bild der Tür noch vor Augen, hinter der der erste HIV-positive Patient lag, dem ich begegnete: ein großer roter Punkt prangte auf dieser Tür und signalisierte, dass der Raum nur mit Schutzkleidung betreten werden durfte. Händedesinfektion war obligatorisch. Eigentlich ging es darum, den immungeschwächten Patienten vor UNSEREN Erregern zu schützen – aber es war sonnenklar, dass viele KollegInnen vom völlig verunsicherten Krankenhauspersonal Handschuhe und Mundschutz vorrangig zum Selbstschutz anlegten. Damals wurde ernsthaft gefragt, ob sich AIDS durch Küssen, Umarmungen oder die gemeinsame Nutzung von Zahnbürsten übertragen ließe (jetzt mal im Ernst – wer von euch teilt die Zahnbürste …?).
Ähnliches beobachten wir heute, wenn wegen Corona die Atemschutzmasken ausverkauft sind – aber genauso gibt es auch eine unverantwortliche Leichtfertigkeit beim Unterlaufen von basalen Hygienemaßnahmen. Auch dafür ein Beispiel aus der Anfangszeit mit HIV: Ein Chefarzt der Unfallchirurgie machte sich darüber lustig, dass ich Handschuhe anzog. Zugegeben: wenn ein polytraumatisierter Patient in den OP kam, musste es schnell gehen und das Blut spritzte oft sprichwörtlich aus allen Löchern. „Alles Einstellungssache“, behauptete mein Chef, wenn er herzhaft mit bloßen Fingern in blutende Wunden griff. „Wer zu viel Angst hat, der kriegt allein davon eine Immunschwäche.“ Ein solches Verhalten ist heute schlechterdings unvorstellbar. Aber es waren Zeiten, in denen Hepatitis noch als typische Berufskrankheit von Zahnärzten galt, da die Kollegen alle ohne Mundschutz arbeiteten. All dies hat sich durch das HIV-Virus zum Besseren geändert. Wir haben das Biest erforscht, es kennengelernt und wissen, wie wir uns schützen. Dass die Infektionsprophylaxe inzwischen wieder nachlässiger gehandhabt wird, weil HIV als behandelbare chronische Erkrankung gilt, steht auf einem anderen Blatt.
Zurück zu Erinnerungen, die momentan bei mir hochkommen. Ich habe schwierige Infektionen nämlich auch am eigenen Leib erlebt. Ein paar Beispiele? Anfang der Neunziger arbeitete ich im Kreißsaal. Eines Tages klingelte eine junge Frau mit Wehen bei uns. Sie war weder Patientin unserer Ambulanz noch angemeldet, aber da die Geburt bereits weit fortgeschritten war, blieb sie und das Kind kam rasch zur Welt. Es war eine dieser Geburten, die relativ schwungvoll abliefen, um es mal unwissenschaftlich auszudrücken: Das Kind flog der Hebamme förmlich in die Arme und sie bekam einen großen Schluck Fruchtwasser ab. Ich musste hinterher die entstandenen stark blutenden Wunden flicken und stach mich unglücklicherweise an einer Nadel. So etwas kommt vor, man macht Witze darüber und vergisst es dann. Das Kind war wohlauf und die junge Mutter zwar etwas blass um die Nase, aber stabil. Erst Stunden später, bei Verlegung auf die Wöchnerinnen-Station fiel auf, dass ihre Arme von Einstichnarben übersät waren. Der HIV-Test war positiv – die junge Frau hatte sich aus Scham und Angst nirgendwo zur Geburt angemeldet – aber auch uns nicht über diese Diagnose aufgeklärt. Die Hebamme und ich als behandelnde Ärztin, wurden getestet und mussten uns danach einige Wochen so verhalten, als seien wir infiziert – Safer Sex inklusive – immer mit der Angst im Nacken, dass man positiv würde. Damals gab es ja noch keine Behandlung. Abschließende Tests zeigten, dass wir Glück gehabt hatten und wir konnten die Kondome wieder wegpacken. Weitere Erfahrungen waren eine Hepatitis A, die ich von einer Reise mitbrachte – da wurde ich auch zwei Wochen isoliert – oder die Norovirusinfektion unseres Sohnes. Da dauerte die Quarantäne allerdings nur einige Tage. Oder diese Lungenentzündung, die ich hatte und bei der zuerst kein Antibiotikum wirkte … alles anstrengend, unangenehm, aber beherrschbar. Mache ich mir deshalb relativ wenig Sorgen in puncto Corona? Ja und Nein.
Zuerst mal, warum ich mir trotzdem Sorgen mache: Wenn wir in die Menschheitsgeschichte schauen, erkennen wir, dass in regelmäßigen Abständen Pandemien über den Globus ziehen. Die sog. Spanische Grippe, forderte vor gut hundert Jahren mehr Tote als der gesamte Erste Weltkrieg. Inzwischen ist laut vielen Stimmen in der Forschung eine Pandemie sozusagen wieder „überfällig“ – besondere Sorge bereiten den Wissenschaftlern mutationsfreudige Viren gegen die zeitnah kein Impfstoff entwickelt werden kann. Corona gehört mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zu diesem Typ. Außerdem gibt es gegen Viren nur ein begrenztes medizinisches Waffenarsenal. Meist kann man lediglich symptomatisch behandeln. Die andere Sorge gilt den multiresitenten Bakterien, die aus vielerlei Gründen zunehmen – die eigentlich wirksame Waffe der Antibiotika ist bei ihnen stumpf geworden.
Die Angst vor einem solchen „Super-Erreger“ ist groß. Aber strenggenommen gibt es ihn bereits. Nein, es ist nicht HIV, obwohl an dieser Infektion 2018 weltweit 770.000 Menschen starben. Die Tuberkulose ist auf dem Vormarsch und hat multiresistente Stämme entwickelt, gegen die kein Antibiotikum hilft. Mit ca. 1,7 Millionen Toten jährlich ist die Tuberkulose der größte Killer unter den Infektionskrankheiten. Und dann habe ich Malaria und Hepatitis noch gar nicht erwähnt …
Man stelle sich diese Dimensionen mal für das Coronavirus vor! Aber jetzt mal ganz ehrlich: wer von euch macht sich täglich und ernsthaft Gedanken wegen HIV und Tuberkulose?
Und damit komme ich endlich zurück zu meiner Eingangsfrage: Warum bin ich dem Corona-Virus dankbar? Aktuell treten Panik und Hamsterhektik ein wenig in den Hintergrund. Die Leute bleiben daheim, schauen mäßig besorgt auf fallende Aktienkurse und reißen im Netz Klopapierwitze – Humor tut ja bekanntlich immer gut. Und vielleicht ist jetzt auch die Zeit ein wenig distanzierter auf das Geschehen der letzten Wochen zu schauen; obwohl wir immer noch mittendrin stecken und auf Sicht fahren – aber auch Distanz tut bekanntlich gut:
Danke, Corona, dass du unser Gesundheitssystem und alle Krisenpläne auf den Prüfstand schickst! Ganz egal, wie es ausgehen wird – dieser Stresstest zeigt, woran es fehlt und rüttelt so manchen wach. Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegende legen den Finger in offene Wunden unserer Versorgung: Verantwortliche aus Medizinmanagement und Gesundheitspolitik werden mit der Nase darauf gestoßen, wo unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten unsere Gesundheitsversorgung kaputtgespart wurde. In der aktuellen Krisensituation zeigen sich Lücken und Mängel überdeutlich. Von den Anpassungen, die aktuell vorgenommen werden, werden wir noch profitieren, wenn Corona durch ist. Beziehungsweise erst recht, wenn tatsächlich mal das Supervirus über uns hereinbricht.
Danke Coronavirus, dass du uns zeigst, was wirklich wichtig ist im Leben! In Australien mussten Kunden, die sich um Klopapier stritten, mit dem Elektroschocker getrennt werden. Ich frage mich, angesichts leergeräumter Supermarkregale allerdings, was jetzt noch in den Tafelläden ankommt. Wo werden die tonnenweise gehorteten Dosen mit Erbsen und Babymöhren in ein paar Monaten landen? Doch nicht etwa auf dem Müll? Solidarität ist eine schöne Sache. Aber, klar doch, erst einmal ist sich jeder selbst der Nächste. Wo kämen wir denn hin, wenn man sich in Zeiten der Superseuche auch noch um die Nachbarn kümmern müsste? Ja, wo kämen wir hin? Zum Beispiel nach Heinsberg. In der schwer getroffenen Gemeinde in Nordrhein-Westfalen stand das Gemeindeleben für zwei Wochen still, da fast das ganze Dorf in Quarantäne musste. Es gibt schöne Berichte darüber, wie sich die Menschen in dieser Situation gegenseitig halfen, sich gegenseitig Mut machten durchzuhalten und die Nachbarn unterstützten, damit sie mit dem Notwendigsten versorgt waren. Danke Corona, auch dafür!
Apropos Nudeln und Klopapier. Mir ist aufgefallen, dass im Laden das Regal mit Vollkorn-Pasta gut gefüllt war, während normale Weißmehlnudeln ausverkauft waren. Da musste ich dann doch grinsen. Deshalb hier zum Schluss noch ein paar praktische Tipps: Wir haben immer einen Getreidevorrat daheim. Mit unserer Mühle und der Nudelmaschine machen wir die tollsten Dinge –und falls wir in Quarantäne müssen, haben wir genügend Zeit neue Rezepte auszuprobieren. Nach Vollkornkost funktioniert auch die Verdauung sehr zuverlässig. Klopapier ist also auch ein Thema. Aber da wir unsere Zeitung ganz altmodisch auf Papier lesen, machen wir uns auch deswegen keine Sorgen.
Bleibt gesund!
Übrigens: Ich habe das Thema PANDEMIE auch literarisch bearbeitet – und bin zu sehr spannenden Ergebnissen gekommen. Eine Leseprobe findet Ihr hier.
