1986 lebten Joachim und ich in einer Studenten-WG mit einem chinesischen Paar. Feng* studierte Ingenieurwissenschaften und Yin* besuchte vor allem Sprachkurse. Ihre Hauptaufgabe war es, den Haushalt zu führen und dem Mann den Rücken freizuhalten. Feng studierte mit großem Elan und kannte kaum etwas anderes als seine Bücher. Yin sprach anfangs nur rudimentäres Englisch, verbesserte aber ihre Deutschkenntnisse stetig. Lediglich den Unterschied zwischen Knoblauch und Knopfloch hat sie nie wirklich verstanden. Als die Sprachbarriere fiel, lernten wir uns etwas besser kennen. Integration war kein vorrangiges Ziel, da die beiden sowieso nur auf Zeit in Deutschland waren, aber die Neugier auf die andere Kultur war gegenseitig und manchmal konnte man auch ganz konkret helfen. Aber obwohl wir Bad und Küche teilten und uns morgens im Pyjama begegneten, blieb dennoch immer dieses Gefühl von Distanz, das wir nicht recht einordnen konnten; so, als wäre da ein Geheimnis, über das die beiden nicht sprechen durften. Manchmal kochten und aßen wir zusammen und nach einem oder zwei Bier war auch der stets gestresste Feng etwas lockerer drauf. An einem solchen Abend zeigten sie uns Fotos von daheim. Das einzige Motiv: ein süßes kleines Mädchen, das damals etwa zwei Jahre alt war.
Schwanger und in nackter Panik
Die kleine Ming* war das einzige Kind der beiden. Logisch – damals verfolgte China ja noch eine rigorose Ein-Kind-Politik. Sie lebte nun bei der Oma in Peking – als eine Art Staatsgeisel und Garantie dafür, dass die Eltern wieder zurückkamen. Eines Tages kam Yin blass und weinend zu mir und berichtete, dass sie ziemlich sicher schwanger sei. Ich begleitete sie zum Frauenarzt. Sie war vollkommen überrascht, dass dort nicht umgehend eine Ausschabung durchgeführt wurde. Nach einem Beratungsgespräch und Test war dann klar, dass es falscher Alarm gewesen war, aber die Panik der jungen Frau habe ich nie vergessen.
Schwanger? Wie rücksichtslos von dir!
Ich selbst hatte damals das Thema Familiengründung noch nicht auf dem Zettel. Trotzdem war es mein Traum mit spätestens 27 Mutter zu werden und zwar berufstätige Mutter. Freunde und Kolleginnen nannten mich verantwortungslos: „Wie kannst du nur in diese Welt ein Kind setzen!“ So, als würde man das Baby an einem Autobahnparkplatz im Mülleimer deponieren. Klar, wir waren in ständiger Angst vor dem Atomkrieg großgezogen worden und hatten auf dem Balkan einen Krieg direkt vor der europäischen Haustür. In Nordirland und Spanien gab es hausgemachten Terrorismus mitten in Europa. Umweltverschmutzung war ein Riesenthema, die Kinder hatten Krupphusten und die Wälder waren todkrank. Außerdem war die Welt komplett überbevölkert – warum also eigene Kinder? Das erschien vielen als total egoistisches Lifestyleprojekt. Oder man war zu blöd, um zu verhüten. Aber aus Gründen des Umweltschutzes hat meine Generation auf keinen einzigen Flug nach Mallorca, auf die Malediven oder nach New York verzichtet. Und Bahnfahren galt als piefig – auch für die Kurzstrecke nahm man das Flugzeug. Shoppen in London und abends wieder zurück nach Berlin? War doch billig!
Aber immer, wenn ich das Projekt „eigenes Kind“ ansprach, fielen auch diese Sätze: „Du wirfst dein Leben fort! Wofür hast du denn so lange studiert?“ Auch nur der leiseste Kinderwunsch war damals in Bewerbungsgesprächen ein absolutes No-Go. Schwangere Kolleginnen wurden gemobbt und eine Rückkehr in Teilzeit war faktisch unmöglich. Ich schaute mich um im KollegInnenkreis und war umgeben von Nicht-Eltern. Offenbar ein Generationen-Phänomen.
Schwanger – ist das eigentlich noch Privatsache?
Aber es steht mir nicht zu, über kinderlose Familien abzulästern. Manche, die eine beachtliche Lebensleistung zeigen, aufopferungsvoll für Patenkinder sorgen oder sich ehrenamtlich betätigen, sind ungewollt kinderlos und haben oft viel Geld in Kinderwunschzentren liegengelassen oder dort die Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Unter dem Hashtag #childfree finden sich ernstzunehmende Motive, warum Menschen bewusst auf Kinder verzichten. Leichtfertigkeit ist selten dabei. Außerdem gibt es keine gesellschaftliche Verpflichtung zum Kinderkriegen. Das hatten wir nämlich schon. Brauchen wir nicht mehr. Meine eine Oma sprach davon, ihre Pflicht gegenüber Führer, Volk und Vaterland erfüllt zu haben und meine andere Oma weigerte sich, zur offiziellen Verleihung des Mutterkreuzes zu erscheinen. Als der Ortsgruppenleiter ihr das gute Stück daheim überreichte, flog es im hohen Bogen auf den Misthaufen.**
Beruf und Familie – das leidige Thema
Es ist mittlerweile auch wissenschaftlich untersucht, dass es in unserem Land eine Kinderfeindlichkeit gibt, die sich bestenfalls als Gleichgültigkeit tarnt und ihre Wurzeln in der schwarzen Pädagogik der Vergangenheit hat. Aktuell recherchiere ich für einen Familienroman, und lese viel in Lebensratgebern der letzten Jahrhundertwende. Es ist viel von braven, sauberen und frommen Kindern die Rede – und von den Zwangsmaßnahmen, um Wohlverhalten zu erreichen. Das Aufbegehren der 68er, der Überschwang der antiautoritären Erziehung ließ das Pendel teilweise zu stark auf die Gegenseite ausschlagen. In neuerer Zeit wurden mit dem Ausbau von KiTa-Plätzen und der Betonung frühkindlicher Bildung vor allem ein Schwerpunkt auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelegt. Seit Corona hat auch dieses Modell Risse bekommen.
Es ist aber noch gar nicht so lange her, als mein Mann als frischgebackener Vater einen halben (!) Tag pro Woche im Homeoffice beantragte. Um genau zu sein: es war 1995, als dieses anliegen abgeschmettert wurde, mit dem Argument, dass man keinen Präzedenzfall schaffen wolle. Hätte es damals schon Internet gegeben, die Bewegung #proparents hätte ich vermutlich mitgegründet. Nein, hätte ich nicht. Übermüdung, Burnout, das Gefühl auf der falschen Seite der Gesellschaft zu stehen und eine Last zu sein, blockierten damals jegliches Engagement. So schräg es klingt: Als Mutter war ich in meiner Generation eine diskriminierte Minderheit.

Mama tanzt mit mir – Anne ca. 1996 
Mama ist die Sonne – Andrej ca. 2002
In einer pluralen Gesellschaft, in der bestenfalls jeder nach seiner Fasson selig werden kann, sollten aber auch verschiedene Lebensmodelle möglich sein: alles, was denkbar ist, wenn man Familie als eine Gemeinschaft von Menschen definiert, die sich lieben, achten und füreinander sorgen. Die viel zitierte Chancengleichheit wird es nie geben. Lieber sind mir die Begriffe Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Alle müssen gehört werden. Fingerfarbengeschmier auf KiTa-Wänden als Ausdruck kindlicher Willensbildung ist nicht genug. Demokratie beginnt überall dort, wo Kinder leben. Gebt schon Kindern Räume, in denen sie trainieren können, sich auszudrücken und Argumente auszutauschen! Eine Debattenkultur kann schon bei den Kleinen beginnen. Schritt für Schritt – und dann sind auch die 16-Jährigen politisch mündig, so dass sie ihr (viel zu leichtes!) Generationengewicht in die Waagschale der Wahlen werfen können.
Denn der Geburtenstreik der Babyboomer hat Folgen. Heute haben wir den Salat: Die Altersgruppe der 18 – 25-Jährigen ist eine statistisch vernachlässigbare Minderheit. Wir Alten sind viele. Wir dominieren die Politik, setzen die Wahlkampfthemen und vermurksen den Jungen die Zukunft. Endet dieser Alptraum eigentlich nie?
in gekürzter Form erschienen im Südkurier (Juni 2021)
Rubrik „Am Rande“
*) alle Namen geändert
**) Zum Nachlesen in meinem Roman Der Hütejunge