Corona-Fazit – ein Selbstversuch

Zugegeben, das hier ist eine sehr persönliche Stellungnahme und es hat mich Mut gekostet, sie zu schreiben. Aber ich möchte dies mit euch teilen, da ich euch, meine Fans und LeserInnen tatsächlich brauche. Euer Feedback, eure Rückenstärkung, eure Geschichten und euer Vertrauen. Ihr gebt mir so viel, was mir in den letzten Jahren geholfen hat, durchzuhalten. Auch wenn ich mich momentan aus den sozialen Medien etwas zurückziehe – ich will mit euch in Kontakt bleiben.
Die zweite Impfung liegt mehr als zwei Wochen zurück, die Inzidenzen sind kaum noch der Rede wert und erstmals seit langer Zeit wagen wir über ein paar Tage Urlaub nachzudenken. Erste Anfragen zu Lesungen trudeln ein und die Straßencafés füllen sich wieder. Es könnte so schön sein.
Vor ein paar Tagen freute ich mich, dass man wieder in unsere Stadtbücherei hineinkommt, ohne vorher online einen Termin auszumachen. Nettes Geplauder mit den Mitarbeiterinnen, die ich seit Monaten nicht mehr gesehen hatte, Verlängerung meines Büchereiausweises und eine fruchtbare Recherche folgten. Hinterher dachte ich: Hm, so schönes Wetter, da bummelst du mal ein bisschen durch die Stadt, Kaffee trinken, mal nach Sonderangeboten bei den Blusen schauen, einfach treiben lassen. Eine Stunde später hatte ich immer noch keine Bluse gekauft und auch keinen Kaffee getrunken. Ich fühlte mich unwohl und war froh, als ich mich wieder aufs Fahrrad setzte und losstrampelte – raus aus diesem Getriebe. Nein, ich bin weder agoraphobisch noch menschenscheu, aber alles wurde mir ein bisschen zu viel. Zeit für eine vorsichtige Bestandsaufnahme:
Echte Gefühle? Ja. Nein. Vielleicht
Wie ich mich momentan fühle? Eigentlich ganz gut. In meiner Ausbildungsgruppe zur Psychotherapeutin wäre mir diese Aussage um die Ohren gehauen worden. Denn: Mit „eigentlich“ beginnen Lügen und seine Gefühle mit dem Begriff „gut“ zu beschreiben, ist eine absolute Nullaussage. Zweiter Versuch: Der Hashtag #mütend hat momentan Konjunktur und beschreibt diese merkwürdige Melange aus Müdigkeit und Wut, die manche Mitmenschen beschleicht, die während der Pandemie Außerordentliches leisteten und sich durch die Gesellschaft nur unzureichend unterstützt fühlten. Wer ist betroffen? Um nur zwei Gruppen zu nennen: Eltern mit schulpflichtigen Kindern (wobei die Kinder selbst nicht wütend sein dürfen, sonst wären sie ja verhaltensauffällig) und die Systemrelevanten (wobei systemrelevant ein Euphemismus ist für alle diejenigen, die die Drecksarbeit machen und ich frage mich, ob es nicht eine ähnliche Abwertung beinhaltet wie der Begriff Gutmensch). Bei diesen Mitmenschen ist offensichtlich, weswegen sie überfordert sind und wie sehr sie unter gravierenden gesellschaftlichen Defiziten und Infrastrukturmängeln leiden. Dass sie mütend sind, ist nachvollziehbar. Aber ich?
Zuerst einmal bin ich dankbar. Dafür, dass meine Lieben gesund geblieben sind. Dass ich wieder FreundInnen an unserem Tisch bewirten darf, wenn auch bewusst im sehr kleinen Kreis. Furchtsam bin ich auch, da viele in meinem Umfeld nicht geimpft sind und dieser Maßnahme (noch) skeptisch gegenüber stehen. Teils mit guten Argumenten, teils für mich nicht nachvollziehbar. Aber unsere Beziehungen haben gehalten, ja scheinen teils noch fester als zuvor. Auch das keine Selbstverständlichkeit in solch bewegten Zeiten.
Bin ich müde? Ja, definitiv – aber gleichzeitig auch so ausbalanciert wie schon lange nicht mehr. Vielleicht ist meine Müdigkeit nur ein Zeichen dafür, dass ich in den letzten Monaten gelernt habe, meine eigenen Bedürfnisse besser wahrzunehmen? Bin ich wütend? Jein – in den letzten Monaten hatte ich manchmal Grund dazu, aber meine Wut kochte nie wirklich hoch, sie blieb eher im Bereich des Verärgerten – denn auch das habe ich während der Pandemie gelernt: Schritt für Schritt und immer nur das erledigen, was man schaffen kann. Bin ich überfordert? Ja und Nein. Ich habe neue Pläne und wenn jetzt Anfragen zu Lesungen eintrudeln, kriege ich manchmal eher Panik, als dass ich mich freue. Vor allem bei diesen unsäglichen Anfragen, die mit langer Anreise und mieser Bezahlung (wenn überhaupt) verbunden sind. Auch die ständige Präsenz in den sozialen Medien wird mir manchmal zu viel. Momentan will ich bei mir bleiben und mich fokussieren.
Schreiben. Immer wieder weiterschreiben
Das Schreiben hat mir definitiv durch die Pandemie geholfen. Als Alltagsmeditation auf langen Spaziergängen entstanden Gedichte mit Naturbeobachtungen. Beim Schreiben meiner wöchentlichen Zeitungs-Kolumne musste ich achtgeben, dass kein Corona-Tagebuch daraus wurde und ich die Leichtigkeit verlor. Es ist mir nicht immer gelungen. Aber trotz aller Belastungen habe ich immer weitergeschrieben – auf Zettel, in meinen nun terminbefreiten Kalender und nachts auf den Notizblock neben dem Bett. Das Schreiben half mir – wie schon so oft – meine Gedanken zu strukturieren und indem ich die richtigen Fragen suchte, fand ich oft ganz nebenbei die Antwort. Wenn ich schreibe, verstehe ich die Welt und mich selbst ein Stückchen besser. Aber es ist ein Weg, der niemals endet.
Mut finden für ein neues Projekt
Meine FreundInnen wissen es bereits: Ich recherchiere und schreibe intensiv an einem neuen Roman. Mehr als zehn Jahre Vorbereitung liegen hinter mir und jetzt endlich ist die Zeit reif zum Schreiben. Wenn ich mir vor Augen halte, dass ich für jeden meiner Romane mehrere Jahre (!) brauchte, um einen Verlag zu finden, bedeutet allein das Geständnis „Ich schreibe wieder“, viel Mut. Wenn es so läuft wie beim „Hütejungen“ werde ich nämlich 70 sein, wenn das Buch herauskommt. Mut gehört also auch zu meinem aktuellen Gefühlsinventar. Das Thema ist eines, über das ich schon lange schreibe: Was macht es mit Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt und Missbrauch erfahren haben? Welche Deformationen nehmen sie mit hinein ins Erwachsenenalter und was geben sie an ihre Kinder weiter? Der Fachbegriff heißt transgenerationales Trauma – aber das klingt mir zu abgehoben. Ich schreibe ja keine Fachbücher, sondern Gesellschaftsromane. U(Unterhaltungs)- oder E(ernste)-Literatur ist für mich dabei nicht die Frage. Ich möchte mit meinen LeserInnen in einen Dialog kommen und vielleicht können wir uns dabei gegenseitig ein paar Fragen beantworten. Zum Beispiel: Wie schafft man es, in einer solchen Umgebung seelisch gesund zu bleiben? So viel kann ich jetzt schon verraten: Niemand kommt da ungeschoren raus – man kann nicht gesund bleiben, sondern muss viel Energie hineininvestieren, um gesund zu werden. Narben bleiben immer. Aber es gibt keinen Fluch, der uns dazu verurteilt, diese Traumata immer und immer wieder in jeder Generation neu zu wiederholen.
Euer Beitrag. Danke! Und so geht’s weiter …
Viele Menschen haben mir dazu ihre ganz persönliche Geschichte anvertraut und auch mir selbst geht dieses Thema unter die Haut. Diesmal bin ich aber nicht mehr bereit, die Geschichte in einen Krimi-Plot zu verpacken. Es wird ein Generationenroman werden und ich hoffe darauf, dass mir meine Fans treu bleiben. Es kostet schon sehr viel Kraft, dieses Buch zu schreiben. Wenn ich darüber nachdenke, wie frustrierend (wieder mal!) die Verlagssuche sein wird, werde ich dann vielleicht doch mütend. Aber ich weigere mich, darüber nachzudenken und schreibe einfach weiter. Eine gewisse Sturheit, Leidenschaft und Begeisterung zählen also auch zu meinem Gefühlsinventar. Am liebsten würde ich mich wieder einige Monate dorthin zurückziehen, wo schon einige meiner Bücher entstanden sind: ins Kloster – also in eine Art freiwilligen Lockdown. Warum habe ich denn den echten Lockdown, der einige Monate lang unseren Alltag prägte, nicht dafür genutzt?
Lockdown ist gleich Ruhe? Denkste!
Viele schwärmen noch immer davon, wieviel Ruhe und Zeit sie während der Lockdowns zum Schreiben hatten. Bei mir ist es anders. Ich wurde in den letzten Monaten von Verpflichtungen geradezu aufgefressen. Im Rückblick begann alles kurz nach der Rückkehr von unserer langen Radreise entlang der Donau. Ein riesiger Wasserschaden in meinem Büro. Alles musste raus, der Holzboden, alle Buchregale, dann stellte sich heraus: das Wasser hatte sich bis in Diele und Bad gefressen, stand hüfthoch in den Wänden – der Boden wurde aufgestemmt und das Leck gesucht: Ein Löchlein von 1 mm Durchmesser hatte all das verursacht. Wochenlange Bautrocknung folgte, mein Schreibtisch stand im Wohnzimmer und viele geliebte Bücher waren unwiederbringlich kaputt. Zu diesem Zeitpunkt erschien Corona lediglich als Hintergrundrauschen und weil das halbe Haus jetzt sowieso Baustelle war, entschlossen wir uns den Balkon umzubauen und weitere Zimmer zu renovieren. Jetzt – 17 Monate später – sind wir fast fertig. Und ein dickes Danke an meinen Mann und unseren Sohn, die das als Team so wunderbar hingekriegt haben.
Aber Corona schenkte voll ein: Unsere Tochter brach ihr Praktikum ab und flüchtete aus dem pandemiegeschüttelten London zu uns. Der mit ihrem Partner geplante Umzug in die eigene Wohnung wurde wegen Corona verschoben. Auch unser Sohn hatte das gleiche Problem. Auf einmal war unser Baustellenhaus voll belegt: Vier Erwachsene im Homeoffice plus einer in Quarantäne. Ich kam nicht mehr zum Schreiben, denn ich arbeitete für zwei Coronohotlines und saß stundenlang am Beratungstelefon. So gut wie gratis, übrigens. Ich erlebte Todesfälle bei Patienten und deren Angehörigen, die ich vorher telefonisch betreut hatte. Querdenker und Maskengegner diffamierten und beschimpften mich. Meine Eltern in Köln litten extrem unter der sozialen Isolation und wurden immer hilfsbedürftiger. Nach langem Hin und Her entschlossen sie sich, in unsere Nähe zu ziehen. Wie findet man in diesen Zeiten eine seniorengerechte Wohnung (hier verrate ich meinen Trick: ich hatte die beiden schon vorher auf einige Wartelisten setzen lassen). Es folgte der Umzug mit zwei Mitte 80-Jährigen und endlich kamen auch unsere Kinder in die eigenen Wohnungen. Viel Händchenhalten (symbolisch und mit Coronabastand) gehörten dazu, um sich gegenseitig Mut machen, auch schlaflose Nächte ohne Ende. Der Notizblock lag ständig am Bett, weil mir viele Dinge, die unbedingt geregelt werden mussten, nachts um zwei einfielen. Siedendheiß. Inzwischen sind meine Eltern in der neuen Wohnung angekommen – aber das soziale Ankommen und Heimatfinden wird uns noch länger begleiten. Auch mein algerischer Menté ist nach jahrelanger Vorbereitung in Deutschland angekommen, hat Arbeit gefunden und wird bald die letzten Prüfungen absolvieren, um hier als approbierter Arzt zu arbeiten. Von unserem indischen Patenkind haben wir seit den Horrorbildern der dritten Welle nichts mehr gehört – unsere Briefe blieben bislang unbeantwortet. Täglich schaue ich auf das Foto der jungen Frau, die wir seit über zehn Jahren begleiten.
Ach ja, da ist ja auch noch mein Projekt in Bosnien. Hilferufe erreichten uns. Bosnien hatte zeitweise die höchste Coronasterblichkeit in Europa und die Kinder in unseren Projekten sollten doch weiter betreut werden! Alles war schwierig und technisch aufwändig: Die Kosten stiegen und die Spenden brachen ein. Unser üblicher Spendenlauf war unmöglich. Also habe ich trainiert und (fast) allein meinen ganz individuellen Megamarsch absolviert. 2021 folgte eine Tombola – was so wunderbar geplant war, wäre fast an steigenden Inzidenzen gescheitert, die den Losverkauf unglaublich erschwerten. Ich habe eine Bachelorarbeit betreut und eine Biografie im Ghostwriting geschrieben. Meine Lesungen wurden komplett abgesagt und ich habe danach eine unüberschaubare Zahl von Online Lesungen absolviert. Auch die Kinderlesungen in unserer Bücherei fielen aus. Gemeinsam mit Freundinnen organisierten wir einen Kinderpodcast mit bislang zehn Folgen. So viele Raubkopien meiner Bücher wie im letzten Jahr sind noch nie erschienen. Ich habe vor dieser Flut endgültig kapituliert. Wir hatten Kommunalwahlkampf und als Vorstände unseres SPD-Ortsvereins waren wir zu zweit mit einem Shitstorm von Neonazis und Verschwörungstheoretikern konfrontiert, der es sogar in die Lokalpresse geschafft hat. Tagelang waren wir nur noch mit dem Löschen von Hasskommentaren beschäftigt. Die privaten Drohungen kamen noch obendrauf.
Die Luft ist raus? Nein, aber …
Wenn ich dies alles rekapituliere, verstehe ich, warum ich müde bin und mich der Gedanke an das angeblich „normale“ Leben eher erschreckt. Dabei bin ich nicht im geringsten systemrelevant. Kultur ist nämlich nicht so wichtig. Auch das war eine bittere Erfahrung der letzten Monate. Aber wisst ihr was? All dies ermutigt mich jetzt, auch mal auf meine eigenen Bedürfnisse zu achten. Jetzt bin ich auch mal dran. Beziehungsweise das Buch, das ich schreibe. Ich mache nicht mehr so viele Kompromisse (ganz ohne geht es ja nie 😉 ). Meine Themen vertragen es nicht. „Wegducken und Klappe halten“, ist nämlich die Botschaft, die alle Traumatisierten zur Genüge kennen. Nicht mehr mit mir.
Mehr über mich und meine Arbeit findet ihr hier: www.ulrike-blatter.de
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