Tag 29 – 34 unserer Donauradreise

Abends kommen wir in Novi Sad an und beziehen ein kleines, hübsches Appartement bei einem wirklich netten Gastgeber. Нови Сад (serbische Schreibweise) hatte in den letzten Jahrzehnten viele Namen: Neusatz (deutsch) oder Újvidék (ungarisch) spiegeln die wechselvolle und teilweise tragische Geschichte der zweitgrößten Stadt Serbiens und Hauptstadt der Vojvodina.
Wir bummeln durch die lebendige Altstadt, die voller Menschen und Musik ist. Ein Abend, der sich einfach nur nach Urlaub anfühlt – und allmählich macht sich die Sehnsucht nach ein wenig Pause breit. Eigentlich sind wir in den letzten fünf Tagen nur knapp 400 Kilometer gefahren, aber die waren anstrengend. Außerdem soll die Einfahrt nach Belgrad eine der gefährlichsten Etappen des Eurovelo 6 sein. Wir haben also gute Argumente, wieder mal den Zug zu nehmen. Aber alle unsere Abklärungen laufen ins Leere: Die Strecke ist wegen Bauarbeiten unterbrochen (oh, wie gut kennen wir das auch aus unserer Heimatregion in Deutschland!) und so schwingen wir uns am nächsten Tag wieder in die Sättel.
Erhöhtes Verkehrsaufkommen vor Belgrad
Die Straßenverhältnisse sind tatsächlich gruselig. Uns begleitet eine schier endlose LKW-Kolonne. Eines unserer Hauptprobleme ist etwas, das man als Autofahrer vermutlich nie wahrnimmt und weswegen man über Radfahrer schimpft, die „mitten auf der Straße“ fahren: Die Straßenränder sind oft fast unbefahrbar. Da gähnen riesige Löcher, wenn mal wieder ein Gullideckel fehlt. Aller Dreck dieser Welt liegt dort, vor allem dicke Äste und Glasscherben. Und last but not least: In der extremen Sommerhitze weicht der Asphalt auf und wird wie eine träge Welle immer weiter an den Rand gedrückt, wo mit der Zeit ein dicker Wulst entsteht, über den wir halsbrecherisch balancieren.

typischer „Radweg“ 

Abstecher und Wegweiser
Ein kleiner Lichtblick unterwegs ist das Städtchen Sremski Karlovci mit seiner sehenswerten barocken Altstadt, den Klöstern und Kirchen.




Auf der Weiterfahrt bietet der Eurovelo 6 wieder mal einen Abstecher durch einen Nationalpark, den wir diesmal jedoch nicht nutzen. Erwähnt werden soll er trotzdem: Die Fruška Gora ist ein Gebirgszug mit Höhenplateau und bietet neben einer urwüchsigen Natur auch zahlreiche orthodoxe Klöster (die Region zählt zu den drei Heiligen Bergen der christlich orthodoxen Welt).
Wir haben jedoch noch einen weiteren serbischen Nationalpark auf dem Plan und lassen diese Naturschönheiten – trotz verlockender Hinweisschilder – links liegen, obwohl es uns leidtut. Überhaupt: diese Schilder! Zuverlässig begleiten sie unseren Weg und wirklich kein einziges Mal hatten wir in Serbien Sorge, uns zu verfahren. Immer wieder sind sie mit einem schönen Zitat geschmückt. Später werden wir mehr über diese Beschilderung erfahren, aber heute sind wir einfach nur froh, dass es sie gibt.







Ein Hundeleben!
Als wir uns dem Stadtrand von Belgrad nähern, nimmt der LKW-Verkehr wieder dramatisch zu und Joachim hat kaum eine Ausweichmöglichkeit, als ihn ein Rudel Straßenhunde ins Visier nimmt. Es ist das erste Mal, dass wir von Hunden gejagt werden. Laut schreiend geben wir Gas. Glücklicherweise haben die Biester keine große Lust uns in der Hitze zu verfolgen und kehren zurück in den Schatten der Brücke, wo wir sie aufgescheucht hatten. Uns wurde mehrfach geraten nur mit Reizgas in der Hand oder mit einem dicken Knüppel zu fahren. Auf beides verzichten wir. Was würde es bringen, wenn Joachim (der signifikant mehr Probleme mit Hunden hat als ich) mich mit Reizgas einnebeln würde? Es kommt dann auch tatsächlich nur noch zweimal zu ähnlichen Situationen: einmal ist es ein winziger, aber lästiger Kläffer in Rumänien (der Besitzer steht direkt daneben und sagt nichts) und das zweite Mal sind es Gänse in einem Dorf, die uns verfolgen. Wir übernachten am Stadtrand von Belgrad auf dem Campingplatz Dunav, den wir gern weiterempfehlen.
Feiern oder endlich mal ausschlafen?
Am nächsten Morgen sind nicht nur wir ziemlich kaputt, auch Joachims Fahrradständer gibt den Geist auf. Ein bisschen Schwund ist immer …




Kaum haben wir die Stadtgrenze von Belgrad erreicht, empfängt uns eine wunderbare Parklandschaft mit großzügigen Radwegen. Und die Welt ist klein: uns begegnet Johannes, ein Fernradler aus Dresden. Im Stadteil Ušće findet sich am Donauufer eine der bekanntesten Partymeilen der Stadt: ein Clubboot reiht sich an das andere. Jetzt am Morgen herrscht eher Katerstimmung, aber Belgrad ist Kultur- und Partymetropole und zieht die Feiernden aus der gesamten Balkanregion an. Selten haben wir uns so alt gefühlt, denn nach Feiern steht uns kaum der Sinn, eher nach einer Dusche. Wir finden eines der tollsten Hostels der gesamten Reise und ergattern tatsächlich ein Doppelzimmer. Als wir auf die Matratze sinken, fühlt sich das an wie purer Luxus und wir werden erst am späten Nachmittag wieder wach. Auch das Rabbit’s Hostel verlinke ich gern und empfehle es weiter.



im Hintergrund Blick auf die Festung 



Tesla Boulevard – typische Architektur in Novo Beograd 
Danke für das Bild an Xoracio, pixabay
Belgrader Spaziergänge
Ich habe aus unseren diversen Ausflügen zwei Rundwege ausgesucht, auf denen man zu Fuß oder mit dem Fahrrad die Stadt entdecken kann. Eine gute Idee ist es auch, zwischendurch die Straßenbahn zu benutzen (v.a. für Rundweg 2). Ihr findet die Tourenvorschläge am Ende des Berichts.
Unser erster Rundgang beginnt vor der Nationalversammlung. Wir laufen vorbei am imposanten Hotel Moskva am Platz Terazije und nun sind es nur noch wenige Schritte bis zum Trg republike. Dort stehen: Nationaltheater, Nationalmuseum und Nationalheld Mihail als Bronzestatue auf einem Sockel. Wir nehmen das zur Kenntnis und lassen uns weitertreiben im Gewimmel der bekanntesten Fußgängerzone Belgrads der Kneza Mihaila. Die ganze Straße ist abends ein einziger langer Tisch, an dem gegessen und gefeiert wird. Von überall tönt Musik und Tausende Stimmen legen sich wie eine Glocke aus Gemurmel und Gelächter über die Stadt.









Im Kalemegdan-Park schauen wir Schachspielern über die Schultern und lassen uns von einem Musiker die Unterschiede verschiedener traditioneller Instrumente erklären.





Der Anstieg zur Festung ist flach und auf dem Plateau erwartet ein internationales Völkchen den Sonnenuntergang und sucht das perfekte Fotomotiv für Instagram, während am anderen Flussufer Technobeats von den Partybooten wummern. Der Blick geht über die große Kriegsinsel zum Zusammenfluss von Donau und Save. Auf einmal sind unsere Gedanken wieder bei der Radreise von 2017, als wir die Drava von der Quelle weg begleiteten und die urwüchsige Kraft der Save bewunderten. Mit der Donau ist unsere Sammlung der drei großen Flüsse dieser Region nun komplett. So viele Kilometer, Erlebnisse und Erinnerungen. Wir werden ein bisschen sentimental.









Zu dieser Stimmung passt der anschließende Bummel durch das Szeneviertel Dorćol. Überall Graffitis und kleine Kneipen. Die Hauptstraße läuft mit sanften Gefälle Richtung Donau und wir laufen ohne Plan mal rechts und mal links durch Gassen und Seitenstraßen bis uns die Füße wehtun. Die Quittung wird uns erst später präsentiert: Selbstverständlich sind wir immer den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, das heißt bergab. Jetzt müssen wir wieder hoch, was mehr schmerzt, als mancher Höhenmeter auf dem Fahrrad! Auf dem Rückweg entdecken wir den Pančićev Park – ein kleines Schmuckstück, umgeben von Mauern mit Jugendstilornamenten und voll mit verliebten jungen Leuten.
Narben der Vergangenheit
Für eine Liebesnacht sind wir – trotz der tollen Betten – viel zu müde und als ich am nächsten Tag aufwache, mahnt mich ein dicker Lippenherpes, dass ich meinem Immunsystem mit der stressigen Fahrt gestern vermutlich einen schweren Schlag versetzt habe. Also lassen wir es mit einem ausführlichen Brunch gemütlich angehen – um ehrlich zu sein: Ich kriege kaum etwas runter, weil bei jedem Bissen, den ich über meine wunden Lippen schiebe, der Herpes bösartiger zurückbeißt als alle Straßenhunde Serbiens.
Wir wollen morgen mit dem Bus weiterfahren und machen uns auf den Weg zum Busbahnhof (BAS), um den Fahrradtransport zu organisieren. Unterwegs kommen wir mit einem jungen Mann ins Gespräch. Radomir[i] sagt, dass sein Name übersetzt „Arbeiter für den Frieden“ bedeute und dass er das inzwischen als einen Auftrag in seinem Leben betrachte. Er sei kein Mörder, beteuert er. Auch wenn man als Serbe oft als solcher bezeichnet würde. Ihm sei es unverständlich, wie man Kinder zum Hass erziehen könne. Ich denke zurück an das Gespräch mit dem Hooligan in Vukovar, der den Hass als feste Größe in seinem Leben schilderte. Vorsichtig spinne ich den Gesprächsfaden weiter, indem ich von meinen Kriegsenkelerfahrungen berichte. Ja, es sei ihm bewusst, dass Kriegstraumata über Generationen ihre unheilvolle Wirkung entfalten, bestätigt er und berichtet von privaten Problemen. Inzwischen ist er sicher, dass diese mit seinen Erfahrungen zusammenhängen, die er als Kriegskind machen musste. Welche Spätfolgen dieser Zeit beobachtet er an sich? „Jeder misstraute damals jedem“, berichtet er. „Auch bei mir selbst beobachte ich ein grundsätzliches Misstrauen – auch gegenüber Freunden und Angehörigen. Das vergiftet mein Leben, denn ich trage den Krieg in alle meine Beziehungen hinein. Ich kann kaum darüber sprechen, denn ich habe gelernt, alles mit mir selbst auszumachen und immer hart gegen mich zu sein. Mir ist bewusst, dass ich mein eigenes Trauma auf diese Weise weitergebe – aber was soll ich tun? Wie versöhnt man sich mit sich selbst?“ Ich schätze ihn auf Anfang dreißig. Er ist also mit dem Kriegszustand aufgewachsen und kann höchstens zwölf Jahre alt gewesen sein, als die NATO Belgrad bombardierte. Auch wenn er äußerlich unverletzt blieb, hat diese Zeit Spuren hinterlassen. Welche (angebliche) Schuld hat dieses Kind auf sich geladen, dass es sich selbst nicht vergeben kann? Ich denke an die Kinder Sarajevos, die teilweise drei Jahre lang in den Kellern lebten und mir wird kalt. Dieses Problem betrifft eine ganze Generation, die sich auf sehr existenzielle Weise alleingelassen fühlt. „Weißt du was wirklich schlimm ist“, führt er das Gespräch weiter. „Die Täter deklarieren sich als Opfer und bauen diese widerlichen Mythen auf. Das hat viel mit Nationalismus zu tun. Ich bin stolz auf mein Land, aber es ist schwierig die Balance zu finden zwischen Patriotismus und Nationalismus. Die wirklichen Opfer dagegen schämen sich, weil ihnen ständig erzählt wird, dass sie an ihrem Elend selbst schuld sind.“ Ich denke darüber nach, dass eine ganze Generation mit diesen Opfermythen großgezogen wurde – was auch heißt, dass viele in erlernter Hilflosigkeit verharren. Dabei bräuchte es eine pragmatische, umsichtige und zuversichtliche Generation, die aus dem EU-Beitrittskandidaten einen zukunftsfähigen europäischen Staat auf Augenhöhe macht.
Auf halbem Weg zum Busbahnhof passieren wir an der Kneza Miloša die Ruine des ehemaligen Verteidigungsministeriums (Bišva Zgrada / Generalštaba), das durch NATO-Angriffe zerstört wurde. Die dort aufgehängten Plakate und Banner wirken wie eine Illustration unseres Gespräches von gerade eben und lassen uns ratlos zurück.




Schöne, kaputte Stadt
Bei Tageslicht besehen bröckelt die wunderbare Stadt mit ihren imposanten Gebäuden, durch die wir gestern flanierten, an allen Ecken. Immer wieder wird vor herabfallenden Fassadenteilen gewarnt. Neben Gründerzeit- und Jugendstilhäusern gibt es die Bauten im brutalistischen Betonstil, der nicht jedermanns Sache ist, aber zum faszinierenden Stilmix beiträgt.






Es ist laut, der Verkehr ist dicht, da helfen auch Busse und Straßenbahnen kaum. Ganz ehrlich? Uns gefällt Belgrad trotzdem besser als Budapest. Belgrad ist keine schöne Stadt im landläufigen Sinne, aber ihr rauer Charme fasziniert und ihre sprudelige Vitalität steckt an, so dass es uns immer weiterzieht. Außerdem fällt die Orientierung leicht, denn überall stehen gut gemachte Wegweiser und Schilder, die auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machen.
Heute ist Sonntag, aber je näher wir dem zentralen Busbahnhof BAS kommen, desto dichter wird der Verkehr. Wir haben gehört, dass es einen Bus mit Fahrradtransport nach Veliko Gradište geben soll, aber wir erhalten weder Ticket noch brauchbare Auskunft.

Hinter dem alten Bahnhof … 
befindet sich der neue Busbahnhof 
hier fährt kein Zug mehr 
nur noch nach Nirgendwo … 
Frustriert beschließen wir eine Nacht länger zu bleiben und die Angelegenheit morgen mit Vladan vom Danube Competence-Center zu besprechen. Mit ihm haben wir in aller Frühe einen Interviewtermin vereinbart, der aber eigentlich nicht zur Lösung unserer Transportprobleme gedacht war. Vor dem Tesla Museum wartet eine lange Schlange. Im Internet steht zwar, dass das Museum durchgehend geöffnet sei – aber man sollte den kleingedruckten Hinweis „Öffnungszeiten können variieren“ ernst nehmen. Wahrscheinlich hilft jetzt nur noch beten. Also machen wir uns auf zum Dom des Sankt Sava (Hram Svetog Save), einem Monumentalbau, mit dem 1935 begonnen wurde. In der kommunistischen Ära kam alles zum Stillstand und die Bauarbeiten wurden erst 1989 wieder aufgenommen. Nach dem Abschluss der Kuppel und der Außenanlagen, begann der Innenausbau um 2004. Mittlerweile ist die Krypta fertiggestellt, aber der Innenraum der Kirche zeigt sich aber immer noch als Großbaustelle. Architektonisch orientiert sich der Bau an der Hagia Sophia. Über die fragwürdige Wirkung monumentaler Kirchenbauten mit national tragender Funktion habe ich schon in meinem Beitrag über Ezstergom geschrieben. Dieser Bau ist – nun ja: groß. Sehr groß sogar und die Krypta hat den Charme einer überladenen Hotellobby. Man mag mir die Ironie verzeihen, aber mit dieser Architektur bin ich nicht warm geworden. Von allem zu viel, zu glatt, zu glänzend und für meinen Geschmack ohne jegliche Ausstrahlung. Was auch daran liegen mag, dass neben einigen Menschen, die andächtig vor den Ikonen beten viel zu viele Touristen wuseln (selbstkritisch zähle ich uns dazu).

In der zweiten Kirche, die wir besuchen, werde ich ein wenig entschädigt, obwohl es auch hier nicht konfliktfrei abläuft: Die St. Markuskirche ist ein neobyzantinischer Bau, der mitten im Tašmajdan Park liegt.
Der Gottesdienst ist fast zu Ende, als wir uns leise in die letzte Reihe stellen, um den schönen Gesängen zu lauschen. Der Pope schreitet mit einem Weihrauchfass segnend durch die Gemeinde, macht aber um mich einen Bogen wie um den leibhaftigen Gottseibeiuns. Zugegeben, ich bin gotteslästerlich schulterfrei. Normalerweise habe ich beim Besuch heiliger Stätten ein Tuch dabei, um „sündige“ Körperteile wenigstens provisorisch zu bedecken, diesmal leider nicht. Ich versuche fromm zu gucken, aber es hilft nicht. Einige der großen Mosaike werden restauriert und sind auf dem Boden ausgebreitet, so dass wir sie nach der Messe in Ruhe betrachten können. Normalerweise kommt man nicht so dicht an diese Ikonen heran. Mir gefallen die Darstellungen viel besser als die Mosaike in der St. Sava Krypta, aber über Geschmack lässt sich nicht streiten.
Kontraste
Der nächste Vormittag steht ganz im Zeichen unseres Besuchs im Danube Competence Center. Darüber werde ich in einem separaten Beitrag berichten. Mit Unterstützung von Vladan gelingt dann auch endlich die telefonische Reservierung des Bustickets: Es gibt einen einzigen Bus, der mit einem Fahrradständer ausgestattet ist. Er fährt um sechs Uhr morgens. Auch diese Transportmöglichkeit gehört mit zum Projekt „Danube Pearls“, das nachhaltigen Tourismus im Donauraum fördern soll (vergleiche meinen Beitrag über das Donaubüro in Neu-Ulm). Wir radeln wieder raus zum Busbahnhof und holen unsere reservierten Tickets ab. Von dort ist es nur ein Katzensprung bis zum ebenso legendären wie berüchtigten „Waterfront Project“. Am Ufer der Save wird hinter schön dekorierten Bauzäunen ein luxuriöses, futuristisches Stadtviertel hochgezogen.

Die Finanzierung erfolgt zum größten Teil von Geldgebern aus Abu Dhabi und die Verflechtungen zum serbischen Staat sind nebulös. Als 2017 in einer Nacht- und Nebelaktion Wohnhäuser abgerissen wurden, formierte sich lautstarker Bürgerprotest. Heute ist alles ruhig. Neben der Bauschneise träumt der alte Hauptbahnhof vor sich hin und am Hotel Bristol wird vor Steinschlag gewarnt.


Luxus im Rotlichtviertel
Wir stehen mittendrin im Savamala-Viertel. Schon der Name ist ein Verweis auf die multikulturelle Vergangenheit Belgrads: Sava wegen des Flusses und Mala aus dem türkischen „Mahale“ für Stadtquartier. Auf Serbisch bedeutet Savamala „kleine Sava“. Durch die gute Verkehrsanbindung (Bahnhof, zwei Brücken) wurde das Quartier im 19. Jahrhundert zum modernsten Stadtviertel Belgrads. Imponierende Häuser sind – trotz zwei heftiger Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs – noch immer vorhanden und es finden sich auch noch Bauwerke aus osmanischer Zeit. Wir sehen Bauzeugnisse aus Gründerzeit, Art Deco, Jugendstil und osmanischer Zeit. In der Tito-Ära wurde das Viertel als „Zeuge der kapitalistischen Vergangenheit“ bewusst vernachlässigt und in den heruntergekommenen Häusern entwickelte sich ein sozialer Brennpunkt mit Rotlichtviertel und viel Kriminalität. Stadtplaner wollen das Quartier als Künstlerviertel zu neuem Leben erwecken, aber wann dafür das Geld und der Wille vorhanden sind, steht in den Sternen. Aber ein Gebäude sollte man unbedingt besichtigen – obwohl sich die schweren hölzernen Türflügel nur mit Kraft öffnen lassen, wird man dort freundlich empfangen: Das Geozavod-Haus wurde um 1905 erbaut und war Sitz der mächtigen Belgrader Genossenschaft (Beogradska zadruga). Damals zählte es zu den modernsten und schönsten Gebäuden der Stadt und der Glanz ist auch heute nicht verblasst (bzw. wurde mit viel Geld aufgepeppt). Der Bau im barocken Art-Deco Stil (Gibt’s den überhaupt? Ich habe keine Ahnung wie man diesen Stil nennt.) empfängt mit einer Lobby, die mit ihrer Freitreppe wie eine Filmkulisse wirkt. Im ersten Stock wird eine interaktive Ausstellung zum Waterfront Projekt präsentiert, die den Titel „Heile Welt“ verdient. In Belgrad wirkt das Ganze etwa so realistisch wie die bunten Bildchen vom Paradiesgarten in den Broschüren der Zeugen Jehovas. Wer wohl dort wohnen soll, wo der Wohnungsquadratmeter um die 3000 € kostet? Das monatliche Durchschnittseinkommen in Belgrad liegt bei etwa 400 €. Trotz unserer Kleidung, die so gar nicht zum eleganten Ambiente passt, werden wir überall freundlich empfangen und dürfen uns sogar im Restaurant „Salon 1905“ umschauen, das wohl kulinarisch mit zum Besten gehört, dass Belgrad zu bieten hat. Allerdings wäre jedes Gourmet-Dinner bei meinen wunden Lippen mehr Strafe als Genuss.





Wir dinieren stattdessen im Touristenhotspot Skadarlija – eine „Boheme“-Straße, die von allen Reisebloggern heftigst empfohlen wird. Dort MUSS man gewesen sein. Nein, muss man nicht. Aber zumindest hatte ich einmal im Leben das erhebende Gefühl, dass ein Stehgeiger nur für mich allein zirpende Töne produziert („Schatz bitte zahl ihn, bitte, bitte – ich verstehe mein eigenes Wort nicht mehr!“). Wie jeden Abend machen wir auf dem Rückweg einen Abstecher zu einer Bibliothek (leider finde ich den Namen nicht mehr), weil es dort tolle Live-Konzerte gibt. Heute Abend Blues vom Feinsten. Gefällt mir besser als Geige.



Vidimo se kasnije, Beograde!
Am nächsten Morgen stehen wir um halb fünf auf und werden nach drei Tagen im Hotel so herzlich verabschiedet, als ob wir zur Familie gehörten. Der Nachtportier lässt es sich nicht nehmen, unsere Fahrräder eigenhändig eine steile Treppe runter zu bugsieren. Vidimo se kasnije heißt „Auf Wiedersehen“. Er sagt: „Vidimo se.“ Das heißt: Bis bald! Über die morgenleeren Straßen sind wir schnell am Busbahnhof, dürfen aber nicht auf den Perron. „Jeton! Jeton!“, fordert der Aufpasser und wir fragen uns, was er will. Noch ist alles ruhig und auch auf der Anzeigetafel wird unser Bus noch nicht angezeigt. Wir gedulden uns, fragen aber immer wieder nach und werden jedes Mal zurückgeschickt. Ein Mann erklärt uns schließlich, dass wir nur mit einer Wertmünze raus zu den Bussen kommen – ähnlich wie die Bahnsteigkarten, die man früher lösen musste. Ja verdammt, woher bekommen wir denn jetzt diese ominösen Jetons? Am Ticketschalter zuckt man die Achseln und will uns weder für Geld noch gute Worte eine „Bahnsteigkarte“ verkaufen. Wir weisen unsere Tickets vor – die sind aber wertlos ohne Jeton. Angeblich hätten wir die Münzen bereits erhalten, wird uns klargemacht. Joachim stülpt den Geldbeutel um und tatsächlich, dort klimpern zwei silbrige Münzen, die er gestern als Wechselgeld eingesteckt hatte, ohne sie genauer anzusehen. Wir haben wirklich Glück, dass wir sie nicht als Trinkgeld im Hotel gelassen haben.


Nun geht alles sehr schnell: Unsere Fahrräder werden fachmännisch hinten am Bus befestigt und die Erleichterung ist so groß, dass wir noch vor der Abfahrt einschlafen. Wir werden allerdings durch den rasanten Fahrstil des Busfahrers immer wieder unsanft geweckt. In Veliko Gradište kommen wir auf die Minute pünktlich an, obwohl wir in Belgrad mit Verspätung gestartet sind. In Windeseile heben wir die Räder vom Bus und versuchen unser Gepäck zu sortieren, bevor der Bus wieder losbraust. Wir haben lediglich eine Wasserflasche verloren, die nun irgendwo im Bus auf dem Boden herumkullert. Aber um die Ecke hat es einen „Chinese Shop“ und dort gibt es: Alles, was sie brauchen – und was wir nicht haben, das brauchen Sie auch nicht.
Und hier die versprochenen Stadtrundgänge:
1.Tour – etwa 7 Kilometer ohne Zoobesuch (am besten zu Fuß):
Parlamentsgebäude (Nationalversammlung) – Terazije mit Hotel Moskva (ein Blick in die Lobby lohnt sich oder man trinkt dort Kaffee) – Trg Republike (je nach Lust und Laune mit Besuch des Nationalmuseums oder ihr gönnt euch vielleicht eine Theateraufführung im Nationaltheater) – Fußgängerzone Kneza Mihaila (tagsüber shoppen, abends essen und den Straßenmusikanten lauschen. Hier kann man Stunden verbringen) – Kalmegdan-Park mit Festung (auf dem Plateau findet sich auch der Zoo) – Szeneviertel Dorcol und wieder zurück zum Ausgangspunkt; ggf. auch über kleine Straßen parallel zur Fußgängerzone, dann findet ihr auch den liebenswerten Pancicev Park.
2. Tour – etwa 6 Kilometer ohne Spaziergänge in den Parks (mit Fahrrad oder zu Fuß und Straßenbahn):
Markuskirche (den Tasmajdan Park nicht vergessen!) – Tesla-Museum – Dom des Heiligen Sava (ebenfalls mit Park) – zu Fuß durch pittoreske Straßen und das Botschaftsviertel oder mit der Straßenbahn bis zur Ruine des ehemaligen Verteidigungsministeriums (direkt gegenüber ist eine Straßenbahnhaltestelle und es fahren diverse Busse Richtung zentraler Busbahnhof) – von dort weiter Richtung Belgrad Waterfront – Alter Hauptbahnhof – Hotel / Restaurant Salon 1905 – vorbei am Hotel Moskva (gutes Essen, aber etwas teurer) bis zum Touristenhotspot Skardalija (mäßiges Essen, aber teuer und mit Stehgeiger)
Für die Statistik:
Tag 30 – 16.08.2019: Novi Sad bis Campingplatz vor Belgrad – 88 Kilometer; 500 Höhenmeter
Tag 31 – 17.08.2019: Belgrad – 20 Kilometer Fahrrad; 10 Kilometer gelaufen
Tag 32 – 18.08.2019: Belgrad – 14 Kilometer gelaufen
Tag 33 19.08.2019: Belgrad – 7 Kilometer gelaufen
TOTAL: 2106 Kilometer
[i] Um meine Gesprächspartner zu schützen, habe ich die Umstände des Gesprächs und einige biografische Details verändert.
Und noch eine Sache ist uns wichtig: Immer wieder fotografieren wir Menschen. Wir haben allen, von denen in unseren Berichten Porträts auftauchen, die Bilder gezeigt und ihr Einverständnis erbeten.
Noch mehr Texte? Meine Bücher findet ihr hier: www.ulrike-blatter.de
Wenn ihr diesen Beitrag gelesen habt, versteht ihr vielleicht, warum wir auch nach zwanzig Jahren immer noch unsere Kinderprojekte in Bosnien unterstützen. Auch wenn die Kriegsfolgen eher indirekt spürbar sind, zerstören sie dennoch auch heute noch Familien oder hindern Kinder daran, ihr Potential zu entfalten. Diese Reise war ein Spendenlauf für unsere Kinderprojekte in Bosnien. Trotz Corona haben wir uns auch 2020 zu einem Spendenlauf entschlossen – diesmal zu Fuß. Alle Infos gibts hier oder unter @HolidayChallenge bei Facebook und Instagram. Danke fürs Spenden und Weitersagen! Wir sind gemeinnützig, eure Spenden sind steuerlich absetzbar.















