01/31 2020

Menschen in Zeiten der Seuche

Diesen Text schrieb ich 2014 als Ergänzung zu meiner Novelle „Die Seuche“. Ich finde, er hat nichts von seiner Brisanz verloren. Ganz egal, ob wir über Ebola, Vogelgrippe oder Coronaviren sprechen. Ich gebe nur eins zu bedenken: Was wird geschehen, wenn das Virus sich in den überfüllten Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln oder in den Camps breitmacht, die wir schon längst vergessen haben? Hier der ungekürzte und unbearbeitete Text von damals:

Gemeinhin hält sich der Mensch für die Krone der Schöpfung. Dies ist ein Irrtum. Zumindest dann, wenn man die Überlebensfähigkeit als Kriterium heranzieht. Unter diesem Gesichtspunkt sind es Bakterien und Viren, die in der Lage sind, sich den Planeten Erde untertan zu machen.

Gemeinhin denkt man, werden Kriege durch das Kräftemessen von Staaten entschieden. Sieg oder Niederlage werden durch Verträge besiegelt.  Auch dies ist ein Irrtum. Zum Beispiel entvölkerte die Pest im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges ganze Landstriche. Nach mehreren Wellen dieser Epidemie hatte Europa mehr als ein Drittel seiner Einwohner verloren.

 

Die Spanische Grippe forderte 1918 mehr als doppelt so viele Opfer als alle vorausgegangenen Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs. Danach galoppierten die apokalyptischen Reiter davon und zogen sich hinter den Horizont zurück – fürs Erste.

Wir vergessen nur zu gern, dass wir noch nicht allzu lange über die Waffe der Antibiotika verfügen: In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden erstmals Sulfonamide eingesetzt und erst 1942 wurde der erste Patient mit Penicillin therapiert. Einer meiner Professoren vermachte mir alte Lehrbücher der Kriegschirurgie, in denen ich schaudernd nachlesen konnte, wie das damals mit dem Operieren ging, zu den Zeiten, als man noch kein Mittel gegen das alles verzehrende Fieber hatte und gegen den Wundbrand nur das Amputieren half. 

Mittlerweile tun wir des Guten oft zu viel: Mit dem hemmungslosem Einsatz von Antibiotika in Tierzucht und Human-Medizin züchten wir uns immer widerstandsfähigere Mikroben und Super-Erreger: Multiresistente Keime, gegen die (fast) nichts mehr hilft, sind ein Schreckgespenst der modernen Medizin.

Und wohlgemerkt: Wir sprechen bis jetzt ‚nur‘ über Bakterien. Denn gegen eine andere Gruppe winzig kleiner Plagegeister helfen keine Antibiotika und nur manchmal eine Impfung. Wir sprechen von Viren. Sie sind die perfekten Agenten des Unheils: So gut wie unsichtbar, anpassungsfähig auch an widrigste Bedingungen und von bizarrer Wandlungsfähigkeit, was ihr Erscheinungsbild betrifft.

Sie wollen nur eins: Sich vermehren. Das Irritierende an ihnen ist, dass sie im herkömmlichen Sinne noch nicht einmal zu den Lebewesen zählen. Denn Viren haben keinen eigenen Stoffwechsel und nur ein rudimentäres Erbgut. Für alles, was Leben ausmacht, sind sie auf einen Wirts-Organismus angewiesen. Sie dringen in Zellen ein, knacken deren genetischen Code und benutzen das Erbmaterial für ihre Zwecke. Viren sind, nach einhelliger Übereinkunft von Wissenschaftlern nur eins: Das perfekte Todesprogramm.

Diese Vermehrung ‚ohne jeglichen Sinn und Verstand‘ birgt jedoch nicht nur Risiken, sondern auch Chancen: Wenn Viren ihren Wirt zu schnell töten, dann geht mit dem Wirt auch zwangsläufig das Virus zugrunde. Und bei einer zu hohen Sterblichkeit, findet das Virus irgendwann keinen neuen Wirt mehr und die Seuche läuft sich sozusagen tot.

Aber es gibt Ausnahmen von dieser Regel: Wenn ein Virus eine hohe Mutationsfrequenz hat, so, wie beim Ebola-Virus in West-Afrika, wo die Forscher über 50 Neumutationen fanden. Wenn dann sogar die Leichen hoch infektiös sind und die Lebenden dem Virus das Feld überlassen, dann wird es brandgefährlich. Oder wenn ein sogenanntes Super-Virus entsteht – entweder dadurch, dass zwei Virenstämme miteinander verschmelzen und ihre Wirkung dadurch potenzieren oder, wenn größenwahnsinnige Forscher solche Erreger als Biowaffen erschaffen.

In Zeiten der Globalisierung hat ein solches Virus das Potential, eine Pandemie auszulösen – ein einziger erkrankter Flugzeugpassagier kann einen ganzen Kontinent infizieren. So könnte eine globale Erkrankungswelle entstehen, die – vorausgesetzt, das Virus mutiert munter weiter – mehrfach unseren Globus umkreisen könnte.

Erwähnte ich nicht weiter oben, dass es Chancen gibt gegen Viren? Klingt es nicht zynisch, dass die einzige Chance bei einem Super-Virus darin besteht, auf das Auslaufen der Todeswelle zu warten – und im Übrigen zu hoffen und zu beten, dass man selbst verschont bleibt? Ja, das ist im höchsten Maße zynisch, denn es gibt noch weitere Chancen im Kampf gegen tödliche Viren. Aber dazu gehört die Erkenntnis, dass es nicht nur die bösen, bösen Viren sind, die töten. 

Betrachten wir zum Beispiel die Ebola-Epidemie in Afrika. Jetzt, da ich diesen Text schreibe, weiß ich nicht, wie sich die Situation bei Drucklegung des Buches darstellen wird. Ich versuche trotzdem eine Einschätzung. Es sei mir eine Frage gestattet: Erinnern Sie sich an irgendein individuelles Gesicht eines Ebola-Opfers oder an dessen Namen? Oder erinnern Sie sich lediglich an namenlose schwarze Gesichter? Ich gehe jede Wette ein, dass Ihnen ein paar weiße Gesichter einfallen. Dieser amerikanische Arzt zum Beispiel, der mit einem noch nicht zugelassenen Medikament geheilt wurde und auf dem Krankenhausflur einen Freudentanz aufführte.

Dass wir erst dann aufschreien, wenn wir uns selbst bedroht fühlen, ist ebenso menschlich wie verständlich. Das Hemd ist einem eben näher, als die Jacke. Gleichzeitig ist es ebenso unmoralisch wie verantwortungslos.

Überforderte, bettelarme Staaten mit rudimentärerer Infrastruktur werden von der sich großspurig als ‚Gemeinschaft‘ bezeichnenden Welt allein gelassen und müssen in immer dringenderen Appellen um Hilfe betteln. Ganze Stadtteile werden abgeriegelt und die Menschen sich selbst überlassen, aus den Krankenhäusern fliehen die Patienten, weil sie dort verhungern und ähnliche Horrorgeschichten mehr. Die einzigen, die die Stellung halten, sind die Helden (dieses Wort verwende ich sonst nie!) von ehrenamtlichen Hilfsorganisationen an vorderster Front meine Kolleginnen und Kollegen von Ärzte ohne Grenzen.

Alles toll? Die weißen Ärzte helfen den schwarzen Afrikanern? Nein, denn für die Helfer ist es so, ‚als ob sie versuchten mit einer Sprühflasche einen Waldbrand zu löschen‘, schreibt Ella Watson-Stryker, von Ärzte ohne Grenzen.

Und was geht uns das an? Viel.

Zugegeben, wir können Ebola behandeln: Die Uni-Klink Hamburg Eppendorf hat zum Beispiel sechs Plätze in einer hochspezialisierten Isoliereinheit. In anderen europäischen Zentren sieht es ähnlich aus. In Afrika erkrankten Zehntausende und die Zahl der Neuerkrankungen verdoppelte sich alle drei Wochen. Es gibt Leitlinien für den sogenannten Massenanfall von Verletzten, z.B. nach einem Flugzeugabsturz. Leitlinien für die Evakuierung ganzer Landstriche im Falle einer Pandemie, existieren nicht. Ja, auch unser hochgerüstetes westliches Gesundheitssystem wäre in einem solchen Fall überfordert.

Wir sind jedenfalls gewarnt. Es kam in den Abendnachrichten und in allen Zeitungen und wer Augen hat zu sehen, konnte es sehen: Die apokalyptischen Reiter haben ihre Pferde gewendet und galoppieren wieder auf uns zu. Dürer hat ihren wahnsinnigen Ritt in einem berühmten Holzschnitt eingefangen: Krieg und blutige Gewalt, Hunger und Krankheit sind ihre Namen. Es sind die alten Reiter, die auch schon im Mittelalter ganze Landstriche verheerten. Die Fahnen, die sie schwenken, sind ein wenig moderner, aber im Grunde genommen, ist es dasselbe. Schauen wir uns diese düsteren Gesellen doch etwas genauer an: Der erste Reiter steht für Armut und Hunger durch globale Spekulationen. Der zweite Reiter für mangelnde Bildung und daraus resultierenden religiösen Fanatismus, der dritte Krieger hebt die blutige Fahne von Nationalismus und Krieg, Krieg und nochmals Krieg. Und der vierte Reiter, der sich ein wenig hinter den anderen versteckt? Fast scheint es mir so, als schäme er sich … aber das ist ein Irrtum, dieser Kerl hat kein Gewissen und kennt keine Scham. Ja, jetzt erkenne ich auch seine Fahne: Ignoranz steht darauf geschrieben und ich muss mir eingestehen, dass dies die Fahne ist, die ich selbst oft genug hochhalte. Diese modernen apokalyptischen Reiter bereiten den Boden, auf dem das tödliche Virus prächtig gedeiht.

Menschen sind die Krone der Schöpfung? Ja, aber nicht wegen ihrer Überlebensfähigkeit, sondern wegen der Fähigkeit zur sozialen Interaktion, wegen Selbstlosigkeit und Mut – kurz gesagt: Wegen ihrer Menschlichkeit.

Viren sind keine Lebewesen, sondern Todesprogramme. Aber noch sind wir Lebewesen in der Überzahl: Man zählt mindestens 1,8 Millionen Arten von lebenden Wesen. Wahrscheinlich sind es sogar viel mehr. Sie alle – wir zählen dazu! – sind aus Zellen zusammengesetzt, atmen, bewegen sich, geben sich gegenseitig Signale und pflanzen sich mehr oder weniger lustvoll fort. Manche fressen sich auch gegenseitig auf. Dagegen erscheint die Zahl von 3000 bekannten Virenarten vernachlässigbar klein. Auch dies ist ein Irrtum. Ein Virus reicht, um jegliches Leben auf unserem Planeten auszulöschen. Ein einziges.

Noch ist es Zeit etwas dagegen zu tun. Zugegeben, dieses Ziel lässt sich nicht zum Nulltarif erreichen. Aber ganz sicher ist es nicht umsonst.

Bildquellen: pixabay

Die o.e. Novelle wurde überarbeitet und aktualisiert und ist unter dem Titel „PANDEMIA“ in der Anthologie „Rendezvous mit dem Tod“ mittlerweile neu erschienen:

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