
Tag 6 bis 9: von Ulm bis Regensburg
Hinter Ulm wird es barock. In der Rückschau habe ich ein wenig den Überblick über Kirchen und Klöster verloren – es waren einfach zu viele! Aber die Höhepunkte bleiben einfach unvergesslich. Von barocker Üppigkeit ist auch die Natur – eine Landschaft, die durch ständige Überschwemmungen an manchen Stellen fast schon tropisches Wachstum zeigt.

Aber zurück zum Anfang: Die Ausfahrt aus Ulm genießen wir auf gut geteerten Radwegen und unter schattigen Bäumen entlang einer gemächlich dahinfließenden Donau. Die erste Hälfte der heutigen Etappe führt über Günzburg und Gundelfingen bis nach Lauingen.
Und hier die schöne Frauenkirche in Günzburg:
In Gundelfingen finden wir dann ein realsozialistisches Kontrastprogramm zum verbreiteten Katholizismus. Die Kombination mit Grabsteinen und Wespennest bietet unfreiwillige Komik zu all dem steingewordenen Pathos.

Stalin über den Grabsteinen 
Thälmann 
Guck mal, was Stalin da unter der Achsel hat! 
ein Wespennest! 

In Lauingen treffen wir Stefan, der einige Monate zuvor mit den Rollerski (!) den Donauradweg bis nach Budapest zurückgelegt hat. Während unserer Vorbereitungszeit haben wir uns immer wieder ausgetauscht und es ist schön, sich jetzt auch mal „in echt“ zu sehen. Stefan begleitet uns auf dem Fahrrad bis Höchstädt. Er kennt viele Seitenwege und führt uns durch schattige Auwälder. Wie oft pro Jahrzehnt es denn hier schwere Überschwemmungen gäbe, wollen wir wissen und er schüttelt den Kopf über so viel Naivität: „Mindestens zweimal jährlich“, klärt er uns auf. „Und hinterher wird aufgeräumt.“ Der schöne Weg, auf dem wir fahren, ist also kein Dauerzustand. Er sei dort auch schon mit dem Kanu unterwegs gewesen, erzählt Stefan und wir lernen noch so einiges über Hochwasserschutz und Polder. Nach der Hochwasserkatastrophe 2013, als mehrere Dämme brachen, trieb die bayerische Landesregierung den Polderbau voran. Polder sind Wiesen, die im Katastrophenfall als letzte Reserve dienen und dann mit Millionen Kubikmeter Wasser geflutet werden können. Hier, im Landkreis Dillingen und bis runter nach Regensburg, wehrten sich die Menschen heftig gegen die Polder, erfahren wir. Die Argumentation erfolgte auf Bürgerversammlungen und Kundgebungen auch durchaus mal rustikal-handfest.

Die Argumente? Polder seien unnötig und drückten nur den Grundwasserspiegel hoch, heißt es. „Außerdem zahlen wir hier drauf, damit die in Passau weiter flussabwärts unbedenklich Häuser mitten ins Hochwassergebiet bauen können.“ Wir halten uns lieber raus, denn in Sachen Hochwasserschutz fühlen wir uns nicht wirklich kompetent. Nebenbei erfahren wir, dass die bayerische Landesregierung in den letzten zwanzig Jahren über drei Milliarden Euro in den Hochwasserschutz gesteckt hat. Ob das reicht? Auch hier fehlt uns die Fachkenntnis.
Neben all diesem lokalen Kawumms wird uns klar, wie heimatverbunden die Menschen hier sind. Auch Stefan zählt sich zu den „stolzen Bayern“. Aus beruflichen Gründen woanders hinziehen? Kommt eher nicht in Frage. Generell seien junge Menschen hier sehr heimatverbunden – die leichten Anklänge von Ausgrenzung überhören wir höflich und denken uns unser Teil. Wir werden vermutlich in den nächsten Wochen noch durch viele Regionen kommen, die sich als Nabel der Welt sehen.
Abends erreichen wir Donauwörth und zelten direkt an der Donau (den Platz verlinke ich nicht, da er privat ist). Mein Knie ist heiß gelaufen und so landet ein halbes Pfund Quark auf dem Gelenk und nicht im Müsli; damit es am nächsten Morgen (fast) schmerzfrei weitergehen kann.
Wörth heißt „Insel“ und genau dort – auf der Donauinsel – befindet sich auch die Altstadt. Letzte Woche war „Reichsstraßenfest“, da war die Innenstadt autofrei – aber jetzt irritiert uns der starke Verkehr. Darüber tröstet auch die Ladestation für E-Bikes nicht hinweg. Es ist laut und voll und wir haben alle Mühe, die pittoresken Häuser zu fotografieren, ohne, dass uns ein vorüberfahrendes Auto die Sicht nimmt. „Schön blöd“, meint ein Mann. „Die fahren hier doch nur im Kreis, um zu sehen und gesehen zu werden.“ Er ist der Vorsitzende des hiesigen Fischerstechervereins. Fischerstechen hat als „Ritterturnier des kleinen Mannes“ in Donauwörth eine 400-jährige Tradition und wir sind zum nächsten Termin am 4. Juli 2020 herzlich eingeladen (die Homepage verkündet, dass der Termin wegen Corona auf 2021 verschoben wurde …)

Reichsstraße (fast) ohne Autos 

vorbildlich! 
Detail Heilig Kreuz-Kirche Donauwörth 
Detail Heilig Kreuz Kirche Donauwörth 
Rathaus Donauwörth 
Heilig Kreuz Kloster
Bei Marxheim entfliehen wir der Mittagshitze (37 °C) und gönnen uns eine deftige Brotzeit mit (alkoholfreiem) Weizenbier. Der Hopfen im Gerstensaft tut jedoch seine Wirkung und mein Schönheitsschlaf auf der harten Holzbank dauert fast eine Stunde.
Ein paar Kilometer radeln wir dann gemeinsam mit einer französischen Familie, die mit zwei Kindern unterwegs sind: Das Baby schlummert im Anhänger, aber Klein-Jules auf seinem Mini-Fahrrad geht tapfer in Führung. Irgendwann nimmt er die falsche Abzweigung und das Baby wird wach, als wir vier Erwachsenen mit voller Lautstärke rufen: „Jules attends!!“
Am Nachmittag ist die Hitze noch unerträglicher. Zum Ausgleich sind die Radwege zum Heulen. Bis Geroldsheim ging es zumindest streckenweise an der Donau entlang. Wir fuhren auf dem geschotterten Deich, bewunderten Wasservögel und beobachten riesige Fische.
Aber irgendwann verläuft der Radweg weitab von der Donau direkt neben der Bundesstraße B16. Das Perfide: Während die Autofahrer auf sanften Wellen durch die Landschaft geführt werden, bietet der Radweg ein heftiges Auf und Ab mit steilen Anstiegen. Nicht so einfach mit Gepäck und bei dieser Mörderhitze. Außerdem sind die Radwege immer nur dort asphaltiert, wo sie auch als Wirtschaftswege für die Landwirtschaft genutzt werden. Ansonsten fahren wir über fiesen Schotter, der immer dann besonders grob ist, wenn es in die Kurve geht oder steil bergauf. Mein Knie meldet sich wieder und wir haben den Eindruck, dass hier amtlich geprüfte Fahrradhasser am Werk waren. Oder ist das bayerisch-rustikale Radwegfolklore?
Als Entschädigung gibt’s zwischendurch mal ein Märchenschloss:
Und üppige Hopfenfelder mit den dazugehörigen Biergärten samt Fähre:


Grafl heißt auf badisch: Geraffel und meint Krempel oder Müll 
z.B. hier mein Fahrradgeraffel 😉

Bei aller Romantik: Leerstand und Geschäftesterben in Dörfern und Städtchen sind ein harter Kontrast zu all dieser liebevoll renovierten Romantik:
Als wir mit heraushängenden Zungen am Stadtrand von Ingolstadt ankommen, schwappt in unseren Trinkflaschen nur noch ein kläglicher Rest pipiwarme Brühe. Beim Bäcker wollen wir nachfüllen, erhalten aber eine Abfuhr: Leitungswasser gibt es nicht, nur überteuerte Plastikflaschen. Auf dem Zeltplatz genießen wir zum Ausgleich ein erfrischendes Bad im klaren Auwaldsee. Aber leider gibt es auf diesem Platz weder WLAN noch Internetempfang und zwischendurch fällt auch mal das Telefon aus. Der Pächter gibt uns die Nummer des Bürgermeisters – wir sollen uns dort beschweren; auf ihn höre sowieso niemand – aber auch er sei es leid, in der digitalen Wüste zu leben. Echt jetzt? Befinden wir uns denn hier nicht im Land von Laptop und Lederhosen? Aber auch im Zentrum der Auto- und Technikstadt gibt es kein freies WLAN. Wenn wir an die digitale Anbindung von Estland zurückdenken, werden wir geradezu sentimental … Morgens fahren einige der Camper übrigens mit dem SUV Brötchen holen (vorn an der Campingplatzrezeption und nicht etwa in der Innenstadt). So einen Quatsch wie Fridays For Future-Demos gäbe es hier nicht, werden wir aufgeklärt.
Aha.

Die Einfaht nach Ingolstadt 
Die gemütliche Innenstadt
Am nächsten Tag treffen wir uns in Ingolstadt mit der Pressereferentin der AUDI-BKK. Sie will ein Interview zum Thema Diabetes mit mir für das Kundenmagazin der Krankenkasse. Deshalb wird die heutige Etappe kurz und deutlich komfortabler: Auf erträglichen Wegen radeln wir heute fast durchgehend auf dem Donaudamm. Das Fahren am Wasser ist erfrischend. Wir beobachten Rehe und Unmassen von Wasservögeln. Nur die Störche, die uns bis gestern begleiteten, sind heute komplett verschwunden. So schön die Natur ist: stehenbleiben sollte man nicht – wenn der Fahrtwind wegfällt, ist die Sonne mörderisch. Leider lässt auf diesem Abschnitt die Beschilderung zu wünschen übrig oder ist missverständlich (die überall angekündigte Baustelle gibt es angeblich seit zwei Jahren nicht mehr, zumindest nicht mehr an der Stelle, wo sie mal war … aber niemand hat sich bis jetzt die Mühe gemacht, die diversen Umleitungsschilder abzuräumen, so dass teilweise ein heilloses Durcheinander entsteht. Nicht nur wir irren herum).
Das Städtchen Vohburg entschädigt uns für diese Mühen:

Am Nachmittag landen wir auf der Landstraße, geben so richtig Gas und fahren aus Versehen zu weit! Auf einmal stehen wir vor dem Ortsschild von Kelheim. Wir entschließen uns jedoch bis Neustadt zurückzuradeln. Am nächsten Tag wollen wir nämlich das Kloster Weltenburg besichtigen und dann mit dem Schiff den Donaudurchbruch durchfahren.
Die Kehrtwende nach Neustadt hat sich definitiv gelohnt. Der Campingplatz Felbermühle ist einer der besten, auf denen wir jemals übernachtet haben. Wir haben tonnenweise Gemüse eingekauft und machen uns eine leckere Gemüsepfanne zum Abendessen. Nach dieser leichten Kost habe ich die ganze Nacht hindurch Hungergefühle. Das wird sich später rächen …
Aber zunächst beginnt alles ganz harmlos: Wir stehen sehr früh auf, um in der Morgenfrische loszufahren und besichtigen bei angenehmen Temperaturen das Römerkastell Abusina.

Dann geht’s über Hügel und durch Hopfenfelder weiter bis zum Kloster Weltenburg. Es soll das älteste Kloster in Bayern sein und Zeugnisse belegen, dass dort schon um das Jahr 700 eine Kirche stand.

Davon ist in dem barocken Prachtbau nichts mehr zu spüren, aber es fasziniert, wie lange an diesem Ort schon Gottesdienste gefeiert werden. Ich bin nicht unbedingt ein Fan des Barock, aber diese Kirche ist ein Kleinod. Sie wirkt überraschend dunkel und intim, wenn man aus der Sommerhitze den Raum betritt. Hinter dem Hauptaltar strahlt eine golden ausgeleuchtet Nische, in der überlebensgroß St Georg gegen den Drachen kämpft und die gerettete Jungfrau mit hochroten Wangen nach rechts flieht. Der ganze Innenraum wirkt mehr wie ein Theater, als wie eine Kirche.
Rechts hängt ein großes Gemälde mit dem Lobpreis der Missionierung. Mit bunten Federn geschmückte Ureinwohner erwarten die Ankunft von Maria, die wie eine leuchtende Galionsfigur am Schiffsbug steht, während sich hinter ihr die Mönche zusammendrängen. Hinter ihrem Rücken findet gleichzeitig auch ein einziges Hauen und Stechen gegen die Mächte der Unterwelt statt. Das Thema Missionierung entlarvt sich in diesem Bild unfreiwillig selbst: Täuschung der Indigenen durch den schönen Schein und die nackte Gewalt im Gefolge. Wahrscheinlich hätten Zeitgenossen das Gemälde vollkommen anders interpretiert …
Ich betrachte das Gemälde und mache mir in der Kirchenbank sitzend Notizen. „Wollen Sie beichten?“, fragt mich ein irritierter Priester, der wohl meint, dass ich mein Sündenregister ergänze.
Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt: Wir bekommen die Passage auf dem ersten Schiff um 10:30 Uhr. Die Schiffe fahren halbstündlich und wir haben eine kurze, erfrischende Pause auf dem Wasser, bevor es wieder weitergeht in der enormen Hitze (wir ahnen noch nicht im Geringsten, welche Temperaturen uns in Rumänien erwarten 🙂 ). Die hellen Felsen des Durchbruchs sind teilweise über 100 m hoch und die bizarrsten tragen Namen wie „Steinerne Kanzel“, „Drei feindliche Brüder“ oder „Frommer Bischof“. Natürlich gibt es auch jeweils die dazu passende Geschichte …

Die Fahrkarten gibt es direkt beim Kloster 

Gegenverkehr 



Wir machen eine lange Mittagspause in einem schattigen Biergarten. Dort esse ich nur eine Kleinigkeit, denn ich habe lediglich Durst, keinen Appetit. Das rächt sich: Bei der Weiterfahrt an einer wenig befahrenen Landstraße, wird mir zuerst schwummerig und dann geht auf einmal gar nichts mehr. Hypoglykämie ….
Joachim füttert mich mit allem, was unsere Müsliriegelvorräte hergeben und allmählich geht’s dann wieder. Als wir abends auf dem Campingplatz in Regensburg ankommen, fühle ich mich immer noch zittrig und habe Heißhunger. Es hilft nix: nur Gemüse zum Abendessen ist zu wenig. Trotz Hitze gibt es also Vollkornnudeln satt.
Selbst in den Waschräumen gibt es heute Abend (fast) nur ein einziges Thema: Das viel zu heiße Wetter – und ob dies ein Zeichen für den Klimawandel sei. Jogi nutzt jedenfalls die generelle Erwärmung unserer Umwelt und schwimmt eine Runde in der Donau.
Der Campingplatz ist total überfüllt. Auf der Wiese für die Radler drängen sich die Zelte dicht an dicht. Wir spielen mit zwei Jungs Kniffel und bringen ihnen ein paar Brocken Schwäbisch bei (vgl. hier den Beitrag über schwäbischen Dialekt und die „Fäägerle“ als Running Gag). Als es anfängt zu regnen, fliehen alle in ihre Zelte und wir hören grinsend zu, wie die beiden Jungs ihren Vater mit den „Fäägerle“ in den hellen Wahnsinn treiben.

Spätabends stranden zwei klatschnasse Mädchen auf dem Zeltplatz und werden abgewiesen – aber wir rücken zusammen. Die beiden Jungs helfen beim Zeltaufbau und sind hellauf begeistert, dass „unsere kleine Gemeinschaft“ (O‘Ton) so gut zusammenhält. Das ist ein Praktikum in angewandter Sozialkunde, denke ich mir. Am nächsten Morgen läuft dann wieder alles auseinander … aber das macht nichts. Irgendwo werden wir uns wieder treffen – erfahrungsgemäß radeln wir in kleineren Grüppchen über Tage zusammen, überholen uns, treffen uns im Biergarten oder abends auf den Zeltplätzen. Eine schöne Begleiterscheinung dieser Art zu reisen.
Weiterlesen? Zum Thema „Verödung der Innenstädte“ verlinke ich hier einen interessanten Artikel auf ZEIT-online, der sich mit der Situation in Ingolstadt auseinandersetzt.
Und hier etwas Lustiges (??!!) zum Thema bayerische Radwege (haltet Euch fest!): Deutschlands buckeligster Radweg.
Für die Statistik:
Tag 6 23.07.2019: Ulm – Donauwörth:
Tagesleistung: 95 km 250 Höhenmeter
Tag 7: Donauwörth – Ingolstadt
74 km 550 Höhenmeter
Tag 8: Ingolstadt – Neustadt
52 Kilometer 250 Höhenmeter 40 Grad Celsius
Tag 9: Neustadt – Kloster Weltenburg – Donaudurchbruch – Regensburg
51 Kilometer 250 Höhenmeter
TOUR-TOTAL (ab Tag 1): 569 Kilometer
Mit unseren Radreisen sammeln wir Spenden für Kinder in Bosnien. Aktuell packen wir Überlebenspakete für Familien in Bosnien, die durch die Corona-Krise unverschuldet in Not geraten sind. Wenn dir meine Reiseberichte gefallen, freuen wir uns über eine kleine Spende an die Corona-Nothilfe der AWO-Bosnienhilfe – Wir sind gemeinnützig; deshalb erhältst du eine Spendenbescheinigung!

























