
Vom Thema Sex eine Überleitung zum Biomüll zu finden, ist eine Herausforderung. Ich versuche es trotzdem. Bei den Geburtsterminen unserer beiden Kinder haben wir jeweils eine Punktlandung hinbekommen: zwei Tage vor Weihnachten und einen Tag vor Silvester! Offensichtlich waren wir immer um Ostern herum besonders aktiv. Was wir nicht bedachten: Es ist nahezu unmöglich, an den genannten Terminen Kindergeburtstage zu organisieren. Einige Jahre feierten wir deshalb Mittsommerfeste zum Halbjahresgeburtstag. Meist hatten wir mit dem Wetter mehr Glück als in diesem Jahr und es gab unvergessliche Gartenfeste mit Grillen, Wasserplanschen, Schminken und was sonst noch dazugehört. Einmal organisierte ich eine Gartenrallye und die Kinder eroberten verschiedene Stationen, um schließlich als Belohnung eine Schatztruhe zu finden. Eine dieser Stationen nannte sich „die stinkenden Hügel“. Natürlich wussten alle sofort, dass damit unser Kompost gemeint war.
Im Herbst, wenn wir den Kompost umsetzen, wird er nicht zur Schatztruhe, aber fast immer zur Fundgrube: Silberlöffel, Kartoffelschäler und altes Spielzeug tauchen wieder auf. Kläglich eingegangene Zimmerpflanzen, die dort entsorgt wurden, sind in der unterirdischen Brutkammer zu neuem Leben erwacht, eine Ingwerknolle hat frisch ausgetrieben und ist faustgroß geworden. Einmal hoben wir ein Nest mit vier Spitzmäusen aus und päppelten eins der Babys auf (drei hatte die Mutter gerettet, dieses eine aber verschmäht – welch eine Tragödie im Miniaturformat!).

Dann hatten wir irgendwann keine rechte Zeit mehr für den stinkenden Hügel. Vier oder fünf Jahre rottete er vor sich hin, schluckte aber brav weiter unseren Bioabfall. Als ich im März das Hochbeet befüllte, kehrten wir wieder mal das Unterste zuoberst. Neben dem obligatorischen Löffel war erschreckend viel Plastik im Kompost gelandet. Knallbunte Bonbonpapierchen waren definitiv uralt, da diese Süßigkeiten schon lange nicht mehr auf dem Speiseplan unserer Kinder stehen. In derselben „archäologischen“ Schicht fanden sich auch Tetrapack-Verschlüsse und jede Menge dieser Sticker, die auf Bananen kleben: alles noch so frisch wie am Tag des Einkaufs. Das deckt sich übrigens mit den Erkenntnissen einer Tiefseeexpedition, die vor Kurzem aus über 4000 Metern Tiefe eine bestens erhaltene Quarkpackung barg, die mindestens zwanzig Jahre alt war.
Nachdenklich wurde ich, als mir eine Bekannte von ihren Erfahrungen im Kompostwerk Singen am Hohentwiel berichtete: Vom Fußball bis zum Backblech finde sich dort alles. Logisch, dachte ich – so ein Backblech, das kann ja schon mal versehentlich in den Müll rutschen und dort findet man es auch nicht so schnell wieder. Aber auf die angeblich kompostierbaren Plastiktüten sollte man besser verzichten. Die zerfallen nämlich nur unter Laborbedingungen. Im Kompostwerk sind sie nur ein Ärgernis und man kann sie getrost in die Tonne treten.
Dieser Text erschien leicht gekürzt als Kolumne im Südkurier.
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