Gedanken zum Muttertag in Corona-Zeiten

Ich habe gerade eben mit meiner Mutter in Köln telefoniert. Corona-Protestler fordern landauf landab lautstark ein „Recht auf Infektion“. Menschen mit Maske werden in der Öffentlichkeit „angegangen“; man kommt ihnen näher als es angenehm und angemessen wäre. Bislang gab es anscheinend noch keine Übergriffe, aber älteren Menschen wie meinen Eltern macht das Angst. Sie balancieren durch ihren Alltag, der anstrengender geworden ist und halten die Mühen der Isolation aus. Sie lassen sich unterstützen, wo es notwendig ist, freuen sich jetzt aber auch wieder auf den ersten Zoobesuch, auf das Treffen mit einer Freundin im Freien, einen Kaffee am vorher reservierten Tisch im Stammcafé. Sie kaufen auf dem Markt, weil Einkaufen auch ein Stück sozialer Kontakt ist. Mein Vater hat Pflegestufe, aber die Menschen, die meine Eltern sonst im Haushalt unterstützten, dürfen nicht mehr in die Wohnung. Nun sind sie stolz darauf, dass sie es allein hinkriegen und gleichzeitig ist der Entschluss gereift, dass sie tatsächlich den Absprung wagen und in unsere Nähe ziehen werden.

Ich bewundere diese ehemaligen Kriegskinder, wie sie es diszipliniert und unglaublich tapfer durch die Krise schaffen. Vielleicht gerade deswegen? Weil sie als Kinder den Krieg erlebten und sich auch damals zurücknehmen mussten? Es ist beeindruckend, wie sie ihre Sehnsucht nach Autonomie und die notwendigen Einschränkungen gegeneinander abwägen und jeden Tag aufs Neue die Balance wagen. Wie sie, nein, wie wir es gemeinsam schaffen, dass die Lebensfreude nicht verlorengeht. Wer wird es wagen, ihnen ins Gesicht zu sagen, dass sie in einem halben Jahr sowieso tot sind? Ein Vermieter hat das mal so ausgedrückt: „In zwei Jahren bis du sowieso tot und die Wohnung ist dann frei!“ – Das war vor über 10 Jahren. In der Familie meiner Mutter werden die meisten älter als 90 und fallen dann „bei bester Gesundheit“ einfach mal tot um. (Naja, das ist jetzt ein bisschen ironisch ausgedrückt, aber ihr versteht mich 😉 )
Meine Eltern haben noch einiges vor und freuen sich ihres Lebens. Es gibt kein „Recht auf Infektion“ bei einer Krankheit, die noch so wenig erforscht ist. Genauso, wie es kein Recht auf Masernpartys gibt, denen wehrlose Kinder ausgesetzt werden. Wir können dankbar sein, dass wir es bis jetzt so gut durch die Krise geschafft haben. Wirtschaftliche Folgen stelle ich nicht in Abrede (bin als Freiberuflerin selbst betroffen). Aber ohne Tausende Tote und Zigtausende Traumatisierte wird auch die wirtschaftliche Erholung einfacher. Ein Gemeinwesen funktioniert nur in Solidarität – auch und gerade mit den Schwächsten.

Wer jetzt auf der Straße steht, brüllt und pöbelt oder im Netz den Umsturz plant, wollte das auch schon vor der Coronakrise. Es gibt eine Minderheit, die jeglichen Diskurs ablehnt. Es ist richtig, kritische Fragen zu stellen und im öffentlichen Diskurs Antworten zu suchen. Auch auf diesen unsäglichen Corona-Demos werden eine Vielzahl richtiger Fragen gestellt. Ich selbst sehe die Maskenpflicht kritisch und halte sie für eine Alibiveranstaltung. Ich bin auch nicht restlos vom Tracking per Handy-App überzeugt (die ja im Übrigen freiwillig sein wird).
Wir befinden uns in einer absolut dynamischen Situation und können unmöglich abschätzen, was in einem Jahr sein wird. Nein, wir wissen noch nicht einmal, wie sich die Erkrankungszahlen in einem Monat entwickeln. In einer solchen Situation fahren wir auf Sicht. Regionale Unterschiede erfordern flexible Antworten. Wer diese Stärke des Föderalismus lediglich unter dem Aspekt der Kanzlerinnendämmerung diskutiert (wie viele Medien), greift zu kurz. Komplizierte Situationen sind sehr schwer auszuhalten und einfache Antworten haben Hochkonjunktur. Aber es sind weder die Aliens, noch der tiefe Staat oder eine „New World Order“, die uns plagen, sondern die eigene Paranoia.
Wir riskieren gerade alle Vorsprünge der Corona-Prävention, die wir uns mühsam erarbeitet haben, zu verspielen. Wie es Gesellschaften ergeht, die ungeschützt und ungebremst unbekannten Keimen ausgesetzt sind, kann man am Schicksal indigener Völker studieren. Masern, Pocken und andere eingeschleppte Krankheiten haben ganze Kulturen ausgerottet. Wenn bei der nächsten Corona-Demo UFOS am Horizont erscheinen und die DemonstrantInnen zwecks Chip-Implantation in die Raumschiffe beamen, streue ich Asche auf mein Haupt und bitte um Verzeihung. Aber Science-Fiction sollte dort bleiben, wo sie hingehört: auf geduldigem Papier. Und meine Eltern sollten selbst entscheiden, wann und wo sie ihre Masken aufsetzen. Und nicht Angst haben, dass ein selbsternannter Infektionsapostel sie ihnen vom Gesicht reißt.