02/25 2020

Katze auf dem Sofa oder Hund im Garten – was ist Heimat?

Ich habe 26 Jahre in Köln gelebt, bin danach zigmal umgezogen und hatte immer Heimweh nach der Domstadt. Irgendwann wurde unsere Familie sesshaft, und ich bezeichnete mich als ‚Kölnerin im badischen Exil‘. So begann die Zeit, in der ich Heimweh nach dem Hegau bekam, wenn ich im Rheinland unterwegs war. Was ist das eigentlich für ein seltsamer Ort, der sich Heimat nennt? Keine Landkarte verzeichnet ihn – jedenfalls keine Karte im Atlas oder auf Satellitenbildern. Ich muss wohl auf meiner inneren Landkarte auf die Suche gehen.

Heimat ist dort, wo meine Lieben leben, heißt es oft. Aber bei einer weit verstreuten Familie ist auch das keine Selbstverständlichkeit. Heimat ist dort, wo ich jeden Winkel kenne. Aber der Hubbel im Asphalt, der mir als Kind beim Rollerfahren als Sprungschanze diente, ist seit Jahren eingeebnet. Dort, wo ich in den verlassenen Gärten einen Tunnel bis nach Australien graben wollte, stehen Wohnhäuser. Und manchmal fühle ich mitten in meiner geliebten Stadt merkwürdig desorientiert – aber es ist keine Frühform der Demenz. Es sind geänderte Straßenführungen und verschwundene Bushaltestellen, die mich verwirren. Was ist geblieben? Der Amselgesang. Bitte lachen Sie mich nicht aus: Ich habe mittlerweile eine Studie gefunden, die beweist, dass es auch beim Vogelgesang unterschiedliche Dialekte gibt. Wobei die Amseln in Städten offenbar melodiöser und variantenreicher singen als die auf dem Land. Sie müssen ja auch gegen eine stärkere Geräuschkulisse ankommen. Also bitte nicht böse sein: beim Amselgesang steht es im Wettbewerb Köln gegen den Hegau 1 : 0 für die Stadt. Und sonst? Fluglärm. Ach ja, die Einflugschneise des Zürcher Flughafens. War es jetzt die Nord- oder die Ostvariante, die uns solches Kopfzerbrechen bereitete? Ich sah das gelassen: Bei meinen Eltern scheppern viertelstündlich die Fensterscheiben, wenn wieder eine Frachtmaschine im Landeanflug über die Dächer donnert. Als ich im Hegau ankam, ging mir ehrlich gesagt, manchmal die Stille abends auf die Nerven. Aber auch hier habe ich mich inzwischen integriert: Die Stille ist mir kostbar geworden. Je nach Windverhältnissen hört man die Autobahn oder den Zug – dass ich das mittlerweile wahrnehme, zeigt mir, dass ich doch allmählich von der Stadtpflanze zum Landei mutiert bin. Um die Frage nach Heimatgefühlen zu beantworten: In meinem Fall hat es viel mit Sinneseindrücken zu tun – vor allem akustischen. Der Dialekt gehört mittlerweile dazu. Aber das ist ein anderes Thema. 

Vielleicht ist Heimat auch dort, wo ich mit meinem Hund spazieren gehe. Wobei ich mich lange für einen typischen Katzenmenschen hielt. Ich bin nämlich erst spät auf den Hund gekommen. Aber von vorn: Als ich in Gottmadingen ankam, hatte ich eine Katze auf dem Schoß. Muzza war ein Findelkind aus den slowenischen Wäldern. Im Transportkorb hatte sie es nicht ausgehalten und es geschafft, ihn während der Fahrt zu öffnen. Aus Angst, dass mir die Katze auf der Autobahn entwischte, traute ich mich über 800 Kilometer nicht aufs Klo. Das kluge Tier verkroch sich kurz vor dem Grenzübertritt in Thayngen unter dem Beifahrersitz. Sie war unser erstes Haustier im Hegau. Die Eingewöhnung der Katze war jedenfalls unkomplizierter, als die der Zweibeiner: Zwei Wochen nach dem Einzug wurde unsere Tochter eingeschult, die bis jetzt fast nur Italienisch gesprochen hatte. Bald hatten wir das Haus voller fremder Kinder, auf unserem Esstisch stapelte sich Bastelkram und nachmittags buk ich Hefezopf am Laufmeter, um die Meute zu verköstigen. Ich war im Elternbeirat und meldete mich im Sportverein an – der Versuch im Chor endete abrupt wegen nachgewiesener Talentlosigkeit.  Ich hatte jede Menge Kontakte, aber Kuchenbacken, Ausflüge organisieren und Debatten über Nachmittagsbetreuung waren zwar interessant, ersetzten jedoch keine Freundschaften. Obwohl ständig viel los war, fühlte ich mich trotzdem oft einsam.

Die Misere wendete sich erst zum Besseren, als wir einen Hund bekamen. Hundebesitzerinnen treffen sich bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit (manchmal sogar im Pyjama, der nur notdürftig mit einem Regenmantel kaschiert wird). Sie kämpfen mit denselben Problemen (Bellen, Beißen, Buddeln). Man verständigt sich über 500 Meter durch Körpersprache (Anleinen oder der tut nix). Mit Hundefreunden absolviert man lange Spaziergänge oder führt tiefschürfende Gespräche, während sich die Fellnasen gemeinsam vergnügen. Ganz ehrlich: Über den Hund habe ich mittlerweile mehr Freundschaften geschlossen, als über meine Kinder, und es ist mir ganz egal, was das über den Zustand unserer Gesellschaft aussagt: ich finde es toll!

Dieser Text erschien in gekürzter Form im Südkurier. Weitere Themen in der Kolumne „Am Rande“ – jeden Montag.

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