Kurzgeschichten, Essays

Zum Vorlesen oder Selber-Schmökern in der Adventszeit – als Geschenkbuch mit persönlicher Widmung über mein Kontaktformular (portofrei!) oder Direktbestellung in meiner Lieblingsbuchhandlung mit Click aufs Cover!

Buchtrailer hier

weihnachten wartberg

Wenn sich im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet die italienische Weihnachtshexe Befana und das Christkind begegnen, wenn die Heiligen drei Könige im FAHR-Traktor über die Landstraße tuckern, und wenn rings um den Bodensee die Weihnachtsmärkte glitzern und funkeln, dann beginnt eine magische Zeit. Zwischen Advent und dem 6. Januar tut sich nämlich was in der Dreiländerregion zwischen Hegau und Bodensee, allerlei Besinnliches, Geheimnisvolles und Romantisches. Ulrike Blatter nimmt Sie mit auf eine Zeitreise zu unterschiedlichen Landschaften und Bräuchen und weiß, dass am Bodensee sogar die Tiere Weihnachten feiern.

mauerlaeufermauerläufer impressum

Der “Mauerläufer” lernt fliegen! Thema des ersten Heftes dieser neuen Literaturzeitschrift ist die Gebärdensprache.

Mein Beitrag ist die Kurzgeschichte mit dem Titel:

“Vereinzelt Farbe – Niederschläge  möglich”

Leseprobe:

Er sagte ‚meine Wohnung‘, obwohl es nur ein Zimmer war. Er sagte es auch nicht. Da war niemand, der ihm zugehört hätte. Also dachte er es. Er dachte ‚meine Wohnung‘. Und fast schon trotzig ergänzte er: ‚Meine neue Wohnung‘. Und dann öffnete er die Glastür. Der Balkon war lachhaft klein. Beträte man ihn zu zweit, würde er vermutlich abbrechen. Hastig schob er den einzigen Umzugskarton hinaus, schloss die Balkontür und verließ die Wohnung.

Als er nachts zurückkam, schaltete er anstelle des Lichtes den Fernseher ein. Er setzte sich auf die Bettkante. Eine Explosion. Menschen, die sich duckten und rannten. Freigegeben ab 16. Gewaltfilme waren erlaubt ab 16. Sex ging erst ab 18. Obwohl es, wenn man genau hinschaute, kaum einen Unterschied gab. Vergeblich suchte er den Kanal, in dem in einem eingeblendeten Zusatzfenster eine stets gleichmäßig freundliche Dame die Nachrichten in Gebärdensprache dolmetschte. Er schaltete von der Spätausgabe der Tagesschau zum Nachtmagazin des ZDF. Eine Explosion. Menschen, die sich duckten und rannten. Verständlich auch ohne Ton und Untertitel. Er ließ sich rücklings ins Bett fallen und schlief in den Kleidern ein. Am nächsten Morgen verließ er die Wohnung, grüßte stammelnd und mit abgewandtem Gesicht eine Nachbarin, die ihm im Korridor auswich. Die alte Frau, in Kittelschürze, Stützstrümpfen und klobigen orthopädischen Schuhen, wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit, schaute ihm mit tränenden Augen nach, schüttelte dann den Kopf, schlurfte ein paar Schritte den Gang entlang und schloss umständlich ihre eigene Wohnungstür auf.

Draußen Herbstlicht. Erste Kältekeime in der Luft. Zeit für ein Dach über dem Kopf. Er vertrug den Winter nicht mehr so gut wie in jüngeren Jahren. Bedächtig zertrat er die grüne Hülle einer Kastanienfrucht und bückte sich nach dem braunen Kern. Der milchig weiße Nabelfleck, feucht und weich, rührte ihn fast zu Tränen. Im Gegensatz zur eleganten Maserung der Schale, erschien er unfertig, weich und verletzlich. Schützend barg er die Kastanie in seiner Hand, steckte die Hand in die Hosentasche und betrat den Park.

Als erstes fiel ihm ihr Gang auf. Sie ging an seiner Bank vorüber, als wüsste sie wohin. Aber er erkannte sofort, dass sie ohne Ziel war. Sie war noch jung. Alles an ihr gefiel ihm. Als sie nach einer halben Stunde wieder vorbei kam, diesmal in umgekehrter Richtung, wieder mit zielgerichteten Schritten und den Blick nach vorn, gefiel sie ihm womöglich noch besser. Ihre langen Beine, ihre milchige Haut, auf der sternschnuppengleich zahllose Sommersprossen verglühten, ihre kastanienrote Mähne, die ihr bis fast auf die Hüften fiel. Beim dritten Mal roch er sie. Sie duftete wie ein blühender Garten. Sie war wunderschön. Da stand er auf und folgte ihr.

[...]

Auf der Parkbank lag eine Zeitung. Er las den Wetterbericht, der die Gefahr von Niederschlägen verkündete. Als er das las, musste er grinsen. Niederschläge gibt es nachts in dunklen Straßen, dachte er. Und es heißt Regen, dachte er und seine Hände formten das Zeichen für Regen. Es hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der Geste für Niederschlag. Knock-out, dachte er und Fallen ist keine Schande, bloß Liegenbleiben. Seine unklare Gedankenflut vermischte sich mit den Bildern flanierender Schatten; im Licht der immer tiefer herabrutschenden Sonne verzerrt  zu Schemen orakelhafter Unkenntlichkeit. Eine fließbandgleich dahingleitende Wirrung aschener Flügelschläge. Das Abbild ihrer Schritte erkannte er jedoch sofort. Und hob den Blick. Diesmal ersparte er sich die Mühe, ihr hinterherzugehen. Sie ging an seiner Bank vorbei, ohne ihm einen Blick zuzuwerfen, wieder kam sie zurück, gefangen im eigenen Takt. Sie hob die Hände, zu einer in die Luft geschriebenen Wellenlinie, setzte die Fingerspitzen auf die ausgetreckte Fläche der anderen Hand; ihre Lippen formten überdeutlich einen unhörbaren Laut. Er las ihre die Botschaft ihrer Gebärdensprache Wort für Wort und senkte den Kopf, damit sie sein Lächeln nicht sah. Sie war zu leicht angezogen für die Jahreszeit. Aber vielleicht wärmte sie auch ihr prächtiges Haar. Als sie wegblieb, verbot er sich jede Sorge. Und als sie nach einer halben Stunde wieder zurückkehrte, verbot er sich das Wünschen, obwohl sogar die bleiche Haut ihrer Beine von Sternschnuppen übersät war und jede von ihnen war ein Wunsch, jede einzelne. Hochbeinig stakste sie über den Kies als ob sie über einen gottverdammten roten Teppich schritte, warf ihr Haar von rechts nach links, sandte Wolken von Wohlgeruch in die Atmosphäre und während er meinte zu sterben, jetzt unmittelbar, hingestreckt auf einer Parkbank, die schon längst wieder gestrichen werden sollte, beachtete sie ihn nicht, beachtete niemanden. Der grelle Farbton ihres Lippenstiftes passte nicht zum Kastanienrot ihrer Haare. Etwas in ihrem Gesicht hatte sich verändert. Es war nicht der blaue Fleck unter ihrem linken Auge. Der war ihm schon vorher aufgefallen. Es war etwas anderes, etwas schwer Fassbares. Außerdem war er nicht sicher, ob der blaue Fleck wirklich ein Bluterguss war. Es konnte auch ein Muttermal sein. Wenn sie das nächste Mal vorüberkam, wollte er den Blick nicht senken, sondern genau hinschauen. Er zählte seine Atemzüge. Bei dreißig kam sie zurück und wieder formten ihre Hände und Lippen einen stummen Monolog. Er sah jedes einzelne Wort. Als sie wieder verschwand, setzte er die Worte zu einer Botschaft zusammen. Und erschrak.

 

[...]

erhältlich im Buchhandel!