Artikel, Reportagen

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Sucht in Ex-Jugoslawien

(erschienen in BINAD-Info Nr. 23 Dezember 2002)

Die Zunahme von Suchterkrankungen in Ex-Jugoslawien – besonders unter Jugendlichen und Flüchtlingsfrauen – ist Anlass zu großer Sorge. Der folgende Artikel bietet eine Bestandsaufnahme, die insbesondere auf die Nachkriegssituation fokussiert.

Kriegsgräuel, Verlust der Heimat oder Tod von nahen Angehörigen haben bei vielen Menschen in Bosnien und Kosovo zu schweren psychischen Verletzungen geführt. Hinzu kamen in den folgenden Jahren die gesellschaftlichen Umwälzungen und die zunehmende Perspektivlosigkeit infolge wirtschaftlicher Depression und hoher Arbeitslosigkeit. Inzwischen hat sich in den meisten Städten Ex-Jugoslawiens, aber auch im Hinterland eine „Szene“ etabliert und die Zahl der Drogenopfer steigt dramatisch. Die Verantwortlichen stehen diesem Problem weitgehend hilflos gegenüber, da es  auf diesem Gebiet keinerlei praktische Erfahrung und kaum sozialmedizinische Infrastrukturen gibt. [...]   (Komplettes Skript auf Anfrage)

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Zukunftswerkstatt Bosnien?

(erschienen in Kind Jugend Gesellschaft 4/03)

Ende August konnte ich gemeinsam mit einer Schweizer Delegation  die von uns betreuten Projekte in Nord- und Mittelbosnien besuchen. Während der sieben Reisetage führten wir viele Gespräche – auf höchster Ebene aber auch mit Jugendlichen und alten Menschen, welche Flucht und Kriegsgräuel am eigenen Leib erlebt haben.

Die Bilanz ist positiv und negativ zugleich. Obwohl inzwischen mancherorts die gröbsten Kriegsschäden beseitigt sind, ist vieles, was wir sehen, doch nur eine hauchdünne Fassade von Normalität. Hinzu kommt die schlechte wirtschaftlichen Lage mit einer hohen Arbeitslosigkeit (insbesondere hoher Jugendarbeitslosigkeit), die zu nackter Armut und häufig zu einer völligen Resignation und Apathie führt. Die soziale Schere klafft weiter auseinander denn je. Es gibt einige wenige sehr reiche Zeitgenossen. Aber die große Masse der Bevölkerung kämpft täglich ums Überleben.  Die Kraftreserven vieler Menschen sind inzwischen nahezu aufgezehrt.

In Gesprächen mit Jugendlichen und Studenten wird die erzwungene Perspektivlosigkeit überdeutlich: die meisten von ihnen versuchen mit aller Kraft die Berufsschule oder gar ein Studium abzuschliessen. Fast alle sprechen mindestens drei Sprachen. Aber ganz abgesehen davon, dass die Lehrbücher und Lehrmethoden veraltet sind und dass die Berufsschulen völlig an der Realität vorbei ausbilden: die Industrie liegt am Boden und die Märkte für Waren aus Bosnien sind weggebrochen. Einen Boom erleben lediglich neue Tankstellen und Motels – häufig ist es nur zu klar, dass sie der Geldwäsche für Profite dienen, die aus dem Frauen- und Drogenhandel stammen. [...]   (Komplettes Skript auf Anfrage)

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Jugend und Kindheit in Bosnien – ein schützenswertes Gut?

(erschienen in Kind Jugend Gesellschaft 1/07)

[...] Eine bestimmte Altersgruppe als besonders schutzbedürftig zu deklarieren, dürfte sich in Bosnien weitgehend als Lippenbekenntnis erweisen. Dabei handelt es sich mitnichten um Zynismus oder Menschenverachtung, sondern im wahrsten Wortsinn um Not – Wendigkeiten. Der Staat schafft bestenfalls Rahmenbedingungen und ein Minimum an Infrastruktur. „Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben“; von dieser bitteren Tatsache konnte ich mich während meiner Aufenthalte oft selber überzeugen.

Aber brauchen junge Menschen überhaupt Schutzräume? Mirela*) (Mitte 20)versteht die Frage etwas anders: Schutzraum – dieses Wort erinnert sie vor allem an den Bunker, in dem sie die fast drei Jahre der Belagerung Sarajevos verbrachte. Ununterbrochen. Drei Jahre ohne Tageslicht. Kein Wechsel der Jahreszeiten. Keine normalen Kontakte zu Freunden. Keine Schule. Nichts war so, wie es sein sollte in diesem „Schutzraum“. Um nicht verrückt zu werden, paukte sie Englisch wie eine Verrückte. Und genau diese Sprachkenntnisse kommen ihr jetzt zustatten – in einer Welt, die das Tageslicht wieder kennt, die aber gleichzeitig zu einer Welt ohne Schutzräume geworden ist. Schonungslos, meinen die einen. Interessant und aufregend, sagen andere. Es gibt alles in dieser „neuen“ Welt – wenn man es bezahlen kann. [...]   (Komplettes Skript auf Anfrage)



*)  alle Namen der jungen Bosnier wurden geändert

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Bosnien und die Verträge von Dayton – Zehn Jahre und kein bisschen weise? 

(erschienen im Frauen-Kulturmagazin ab 40 1/06)

[...]

Stellen Sie sich einmal vor, Sie reisten in ein Land, das auf der Landkarte gar nicht weit entfernt ist – aber dennoch ist dieses Land sehr weit weg. Stellen Sie sich vor, Sie sind Bürgerin oder Bürger dieses Landes und kehren nach einer langen Zeit wieder dorthin zurück. Sie freuen sich, denn  Sie hatten all’ die Jahre immer wieder Sehnsucht nach der Heimat, nach ihren Gerüchen und Farben, nach der vertrauten Sprache – Heimweh nach den vielen Kleinigkeiten, die man erst dann zu vermissen beginnt, wenn man sie nicht mehr jeden Tag hört und sieht.

Diese Heimat ist ein armes Land. Jeder, der hört, dass Sie aus diesem Land stammen, wird erst einmal einen mitleidigen Ausdruck in den Augen bekommen – manche erschrecken sogar. War da nicht Krieg? – wurden Sie oft gefragt. Ihre Antwort war immer: ja, dort war Krieg, aber jetzt sind die Menschen anders – sie sind es müde zu hassen, sie wollen eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Das haben Sie gesagt – und wahrscheinlich haben Sie selber daran geglaubt. Weil es stimmt? Weil es logisch ist? Weil es die einzige Lösung ist?  Wahrscheinlich war es von allem etwas.

Mittlerweile ist Ihr Flugzeug gelandet, und sie nähern sich der Passkontrolle.

Da passiert etwas Seltsames: Sie erinnern sich mit einem Gefühl von Peinlichkeit und Scham ihres Namens – ein Name, der durchaus nicht ungewöhnlich oder seltsam ist – viele ihrer Landsleute tragen diesen Namen. Aber dennoch: an Ihrem Namen kann jeder genau erkennen welche Religion sie haben. Und auf einmal wird ihnen unwohl zumute. Sie versuchen im Mienenspiel des Grenzbeamten seine Gedanken zu lesen. Aber es scheint so, als ob dieser Beamte überhaupt keine Gedanken hat, die mit ihrem Namen in Verbindung stehen. Vielleicht trägt er aber auch nur eine gleichmütige Maske? Sie wissen es nicht und dieses Nicht-Wissen beschäftigt Sie ununterbrochen, obwohl sie sich zur Ordnung rufen. Beruhige dich, sagen Sie zu sich selbst. Reg dich nicht auf. Da ist nichts. Es ist alles lange vorbei. Der Beamte drückt einen Stempel in den Ausweis und lässt sie durchgehen. Nichts ist passiert.

Ist wirklich nichts passiert?  [...]   (Komplettes Skript auf Anfrage)